Bücher des Jahres

Hier kürt das Peloton Magazine seine „10 Must-Read Cycling Books 2014“: http://pelotonmagazine.com/goods/the-10-best-cycling-books-of-2014-reviewed/. Ich freue mich, dass es zwei, demnächst sogar drei der zehn auch auf Deutsch zu lesen gibt – allesamt bei Covadonga.

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Während Jan Cleijnes illustrierte TdF-Geschichte bei Covadonga schon 2013 erschien und Tim Moores wagemutiger Italientrip auf den Spuren des Giro 1914 derzeit viele Leser zu Lachtränen rührt, wird „Das Rennen gegen die Stasi“ unser Frühjahrsprogramm 2015 anführen.

Herbie Sykes´ Buch über das spannende Leben des Radrennfahrers Dieter Wiedemann hat es übrigens auch bei Guardian/Observer in die Auswahl der Sportbücher des Jahres geschafft:http://www.theguardian.com/books/2014/dec/08/best-sports-books-2014-roy-keane-kevin-pietersen-oscar-pistorius

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Happy Hours in der Wallonie

Ein Gastbeitrag von Lars Terörde

Eine neue Zehnkilometerbestzeit werde ich in diesem Leben nicht mehr laufen, ein schneller Marathon ist mir wegen der nötigen Vorbereitung zur Zeit zu eintönig und den Kampf um Altersklassenpodeste beim Triathlon kann ich in meiner Altersklasse nur im Reich der Träume aufnehmen.

Außer schönen Erinnerungen habe ich als Sportler nichts mehr zu gewinnen. Deshalb beuge ich mich keinem Diktat irgendwelcher Trainingsplanungen, um zum Saisonhöhepunkt zwanzig Sekunden früher aus einem Schwimmbecken aussteigen zu können.  Daher habe ich die letzten Monate das Schwimmbad Schwimmbad sein lassen und den milden Winter zum Aufbau dessen, was wir Ausdauersportler hochtrabend „Radform“ nennen, genutzt.

Warum? Was trieb mich im Januar auf die Rolle in den Keller und im Februar ins Ruhrtal?

Es war mal wieder eine voreilige Verabredung vor Monaten. Lüttich-Bastogne-Lüttich wird gegeben für Hobbyfahrer. Am Vortag des Profirennens werden 85km, 167km und die originalen 270km dem gemeinen Radvolk zur Wahl gestellt. 167km sind etwa 17 mehr, als ich jemals an einem Stück gefahren bin. Aber wie so oft lassen sich Heldentaten Monate vorher leicht planen und schwuppdiwupp stand ich neben einigen Freunden in der Meldeliste über die Mitteldistanz (was auch der Grund für die Klammern in der Überschrift ist, denn diese Runde führt nicht ganz bis Bastogne).

Lüttich-Bastogne-Lüttich??? Kopfsteinpflaster…? Hellinge…? Schon mal gesehen…?

Alles konnte ich nach etwas Recherche verneinen. Die groben Pflaster gibt es bei Paris-Roubaix. Die giftigen flandrischen Steigungen, Hellinge genannt, bei der Flandernrundfahrt. Und da ich mich als durchschnittlicher Radsportgucker, der vor allem durch die Erfolge der Herren Zabel und Ullrich immer nur für drei Wochen zum Fachmann der Tour de France wurde, nicht an televisionäre Erlebnisse bei Lüttich-Bastogne-Lüttich erinnern konnte, tat ich dieses Rennen leichtfertig ab.

Bestimmt nur eine wenig anspruchsvolle graue Maus unter den Frühjahrsklassikern im Rennkalender, dachte ich. Der Vfl Wolfsburg der Radklassiker. Unbekannt, langweilig und nichtssagend. Da kann ich mich doch locker für anmelden…!  

Von wegen Wolfsburg! Ich lag mal wieder grandios daneben bei der Bewertung von Sportereignissen. Schalke oder Dortmund (da habe ich wirklich keiner Präferenzen) trifft es eher. Traditionsreich, geprägt von harter Arbeit und mit einem festen Platz im Herzen der Region.

Doch keine Sorge. Es kommt jetzt nicht das übliche Gejammer des ungeübten und übergewichtigen Hobbysportlers, der sich zu viel zugemutet hat und für seinen Übermut an den Steigungen der Ardennen  gestraft wird.

Zwar habe ich es glorreich unterschätzt, aber dennoch würde ich es wieder tun.

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Aktuelle Radsportbücher: Einfach mal reinschnuppern…

Tim Moore als alter Mann auf alten Reifen, Wilfried de Jongs preisgekrönte Geschichten vom Radfahren, Dino Buzzati als Reporter beim Giro ’49, der amüsante Ratgeber „Frau & Rennrad“ und das „Buch der Radsporttrikots“ – das ist das 2014er Programm von Covadonga. Kostproben aller fünf Titel haben wir jetzt in einem kleinen Leseprobenheft zusammengefasst.

Hier geht’s lang: https://www.yumpu.com/de/document/view/27429113/radsportliteratur-von-covadonga-leseproben-herbst-2014

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Corsa Rosa – Das Zitat des Tages zum Giro d’Italia („Der Tag, an dem die harten Männer weinten“)

Der Giro, der Passo di Gavia und skeptische Meteorologen … war da nicht mal was? Bob Roll erinnert an den 5. Juni 1988, den „Tag, an dem die harten Männer weinten“.

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In Europa nennen sie uns die „Giganten der Landstraße”. Wenigstens werden die einheimischen Stars des Radsports auf diese Weise in der Presse und von den Tifosi verehrt. Wir Amerikaner im Team 7-Eleven hingegen galten vor allem als halbwegs talentierte Eindringlinge, die nur des Adrenalins und des Geldes wegen in Europa fuhren. Unsere bisher bescheidenen Erfolge – hin und wieder mal ein Sieg – glichen eher vereinzelten Stichwunden als unbarmherzigen, tödlichen Schnitten in die Halsschlagader. Doch die Etappe über den Gavia beim Giro 1988 sollte auf einen Schlag alles ändern. An einem der dramatischsten Tage der Radsportgeschichte knackten wir die Brust des europäischen Straßenrennsports und taten uns an seinen Herzen gütlich.

Vor der Gavia-Etappe waren schon seit Tagen immer dichtere Wolken aufgezogen, dunkel wie schwarzes Leder. Und am Vorabend, als wir gerade den Streckenverlauf nach Bormio besprachen, öffnete der Himmel seine Pforten und kalter Regen prasselte darnieder. Keine Frage, uns stand eine epische Etappe bevor… und Drew verkündete, dass er bereit war für den totalen Krieg auf dem Gavia.

Der Startschuss erfolgte in garstigem, kalt die Beine hoch kriechendem Regen im Tal unterhalb von Chiesa Valmalenco. Angeführt von den Bongos, die Coppino (Franco Chioccioli, den Doppelgänger von Fausto Coppi) im Rosa Trikot hatten, rollte das Peloton widerwillig aus der Stadt hinaus. Nicht so aggressiv wie für gewöhnlich, aber voller Angst nahm das Feld Kurs auf die Dolomiten.

Die erste echte Hürde war nach 70 Kilometern der Passo dell’Aprica auf 1.181 Metern Höhe. Als wir den Gipfel in geschlossener Formation überquerten, verwandelte sich der Regen schlagartig in Schnee, der auf der Straße liegen blieb. Mit Ausnahme von Ariosteas Hirnchirurgen Stefan Joho, der hier zu Hause war und allein vorne raus fuhr, begnügten sich alle Jungs damit, sich so lange wie möglich in der relativen Sicherheit des Pelotons zu verschanzen. Die Abfahrt vom Aprica jagte mir ziemliche Angst ein, weil die gefrorenen Eisblöcke, die wie meine Hände aussahen, es nicht mehr schafften, die Bremshebel zu betätigen. Ich schlitterte nur so durch die Kurven und rammte andere Fahrer, um irgendwie an Tempo zu verlieren.

Als es wieder flacher wurde, riss Roberto Pagnin aus, konnte aber nur ein paar Sekunden rausholen, da Del Bongo nun zu einem Teamzeitfahren an den Fuß des Gavia ansetzte. Aua! Meine Beine fühlten sich bereits wie versteinerte Bretter an, als wir durch Ponte en Legno kamen, den letzten bewohnten Außenposten vor dem Gavia. Dann, als sich alle Kletterer und Klassementfahrer an die Spitze begaben, passierten wir das Schild für den Bergpreis. 28 verfluchte Kilometer bis nach oben. Ummhh, ummhh, ummhh – lecker!


Normalerweise wäre nun der Zeitpunkt gekommen, an dem ich mich ins Gruppetto der Sprinter zurückfallen lassen und mein Bestes versuchen würde, irgendwie im Zeitlimit das Ziel zu erreichen. Ich sprintete also ein letztes Mal zu Andy nach vorne, um ihm seine Regenjacke zu bringen, die ich am Teamfahrzeug geholt hatte. „Viel Glück, Püppchen – brat ihnen eins über“, gab ich ihm mit auf den Weg.

Doch als ich mich endlich zurückfallen lassen konnte und wieder von unserem Mannschaftsauto eingeholt wurde, sah ich einen offenkundig äußerst aufgeregten Mike. Und weil das so selten vorkam, machte mich dieser Anblick schlagartig nervös. Er schrie etwas von einem heftigen Schneesturm auf der Passhöhe, reichte mir Skihandschuhe, eine Wollmütze, eine trockene Jacke und sagte: „Bring das nach vorne zu Andy!“

„Scheiße“, sagte ich: „Machst du Witze?“

„Zur Hölle, nein! Bring endlich Andys Klamotten nach vorne. Auf der Stelle!“

Ich schüttelte meinen Kopf, biss auf die Zähne und begann, Stück für Stück wieder zur Spitzengruppe aufzuschließen. Ich brauchte fünf Kilometer, dann hatte ich sie endlich eingeholt: Andy, Breuk, Giovannetti und Giupponi. Ich brüllte zu Andy: „Hier, nimm den Scheiß. Oben auf dem Pass tobt ein Schneesturm.“

Andy schien überrascht zu sein, mich nach zehn Kilometern im Berg noch an der Spitze zu sehen. Er schaute mich an, als käme ich vom Mars. Als ich allmählich wieder aus der Spitzengruppe zurückfiel, sah ich zwei Spitzkehren über mir, wie das Maglia Ciclamino im Solo davonflog – bis es im heftigen Schneetreiben verschwand, und mit ihm sein Träger Johan van der Velde.

Ich sah auch viele der gefeierten Favoriten für die Gesamtwertung in diversen Stadien der Verzweiflung. Slim Zim litt, und Coppino war nur noch ein erbärmliches Häuflein Elend. Visintini war drauf und dran aufzugeben, und Delgado hatte gerade entschieden, dass dieser Giro d’Italia für ihn nicht mehr als eine Tour-Vorbereitung sein sollte.

Abgesehen von seiner Länge, seiner Steilheit und der fast 1.400 Höhenmeter wartete der Gavia noch mit einer anderen üblen Besonderheit auf: Die letzten 15 Kilometer waren nicht asphaltiert! Wenn es trocken war, ersticktest du am Staub… aber bei Regen und Schnee musstest du alle Kraft allein dafür aufbringen, nicht umzufallen, während deine Räder immer tiefer im Morast versanken.

Und auch wenn es noch zehn Kilometer bis zur Passhöhe waren, wurde die Schneedecke auf dem Schlammpfad immer dicker. Ich stampfte weiter – zumeist allein, aber hin und wieder passierte ich auch die schneebedeckten Überreste einer Radsportikone. Drei Kilometer vor der Passhöhe ging es durch einen Tunnel, der mich kurzzeitig vom ständigen Gestöber der Flocken erlöste. Kopfschüttelnd befreite ich meine Rennmütze etwas vom Schnee, der sich auf ihr angesammelt hatte, und ließ mir von einem der ganz wenigen Tifosi am Straßenrand eine Tasse heißen Tee geben.

Vorne blieb ein äußerst hartnäckiger Andy an Breuk dran. Die beiden lagen knapp zwei Minuten hinter Van der Velde, der sich die Bergwertung sicherte. Ich überquerte die Passhöhe in den Top 20, und Och’, der auf dem Gipfel mit unseren Regenklamotten wartete, fielen fast die Augen aus dem Kopf, als er sah, dass der große böse Bobke zwar nun langsam starb, aber immer noch in Gesellschaft der Kletterer fuhr. Ich schnappte mir eine Regenmütze, langfingrige Handschuhe und eine Oakley-Brille und machte mich von der Passhöhe auf ins 15 Kilometer entfernte Bormio. Eigentlich hatte ich gedacht, ich könnte 15 Kilometer Abfahrt in jedem nur denkbaren Zustand bewältigen. Zu jeder Zeit und an jedem Ort der Welt. Doch vermutlich habe ich mich in meinem ganzen Leben nie dermaßen geirrt.

Nach einer brillanten Kletterpartie fuhr Van der Velde, der sich, um weiter Zeit zu gewinnen, keine zusätzlichen Klamotten übergezogen hatte, einsam an der Spitze und trug virtuell bereits das Rosa Trikot. Doch nach nur zwei Kilometern Abfahrt kniete ein geschlagener Van der Velde tränenüberströmt am Straßenrand. Vollkommen unterkühlt kroch er in ein Auto, um sich aufzuwärmen. Erst eine Stunde später stieg er wieder aus und auf sein Rad. Die Ziellinie passierte er außerhalb des Zeitlimits. Nun waren Drew und Breuk also allein in Front…

Überall in Europa verbreitete sich die Nachricht von den unmenschlichen Bedingungen bei der 14. Etappe des Giro 1988 wie ein Lauffeuer. Die Augen eines ganzen Kontinents klebten an den Fernsehapparaten, als Andy und Breuk in der Yeti-kompatibelsten Manier aller Zeiten um den Tagessieg kämpften. Breuk hatte am Ende das Quäntchen Kraft mehr in den Beinen und gewann. Eine Sekunde vor Andy. Doch zur absoluten Überraschung jedes Mannes, jeder Frau und jedes Kindes in Europa hatte sich ein amerikanisches Radsportteam das Rosa Trikot des Giro d’Italia geholt. Andrew Hampsten kletterte aufs Podium und streifte sich La Maglia Rosa über.

Unterdessen stampfte ich gesenkten Blickes voran und folgte den Reifenspuren durch den Schnee. Nach einem Kilometer war mir entsetzlich kalt. Nach zwei Kilometern war ich völlig durchgefroren. Nach nur drei Kilometern kicherte ich wie ein Wahnsinniger und passierte Rolf Sørensen, während ich aus Leibeskräften schrie, um irgendwie etwas Wärme zu produzieren. Nach fünf Kilometer heulte ich wie ein Baby und war drauf und dran, in ein Kältekoma zu fallen. Nach der Hälfte der Abfahrt war ich nicht mehr in der Lage, halbwegs vernünftig zu denken und traf entsetzlich blöde Entscheidungen. Irgendwann stieg ich einfach von meinem Rad und lief im sinnosen Versuch, mich aufzuwärmen, wieder den Berg hinauf.

Als Massimo Ghirotto um eine schlecht einsehbare Kurve geschossen kam und mich beinahe in eine Schlachtplatte verwandelte, dämmerte mir, wie wenig von meinem Verstand noch übrig war. Ich sprang wieder auf mein Rad und fixierte mit meinen Augen den Umwerfer an Ghirottos Hinterrad. Ich musste nun im wahrsten Sinne kämpfen, um überhaupt in meinem Körper und die letzten fünf Kilometer bis Bormio bei Bewusstsein zu bleiben.

Dann endlich überquerte ich den Zielstrich und brach zusammen. Ich war blau angelaufen. Meine Augen waren geöffnet, aber ich konnte nichts sehen. Ich schrie nach Max – auch wenn der direkt hinter mir stand und mich unter den Armen hielt, damit ich auf den Beinen blieb. Dann gingen die Lichter aus, ein hundertprozentiger Blackout. Nur langsam kam ich im Fernseh-Container neben dem Ziel wieder zu Bewusstsein und Sehkraft. Als ich wieder da war, presste ein panischer Max gerade rhythmisch auf meinen Brustkasten, um meine Pumpe wieder anzuwerfen.

Die gesamte Entourage des Giros rannte wild durcheinander im Raum herum und kippte heißen Kaffee in die Rachen von 20 oder 30 Klumpen gefrorenen Fleisches, die allesamt nackt waren und so blau wie der Ochse von Paul Bunyan. Ich gewann wieder so viel Beherrschung über meinen Körper, dass ich mich in ein Handtuch hüllen und in unser Hotel fahren lassen konnte, das nur hundert Meter vom Ziel entfernt war. Dort saß ich 50 Minuten lang unter einer heißen Dusche und zitterte weiterhin vor Kälte. Ich sprang aus der Dusche und verschwand unter einer dicken Bettdecke. Das nächste, was ich sah, war Andys strahlendes Gesicht und das Rosa Trikot auf seinen Schultern. „Wow, Baby, du siehst aus wie ein Engel“, sagte ich.

Beim Abendessen ließen wir – Wook, Raul, Pepe, D-Man und Dag Otto – den Tag Revue passieren. Natürlich wussten wir alle, dass die Verteidigung des Rosa Trikots in der letzten Rennwoche mehr von uns verlangen würde, als wir jemals geben mussten. Aber während wir uns mit Pizzoccheri voll stopften, kam Renndirektor Torriani mit einem blitzsauberen, nagelneuen Maglia Rosa ins Restaurant. Ohhh, ja!

Die Etappe über den Gavia hatte ein Rennen gesehen, dass die Welt des Radsports nie zuvor bestaunen durfte. Alle Favoriten hatten grotesk viel Zeit eingebüßt. Zimmermann und Chioccioli verloren mehr als fünf Minuten. Visentini, der Giro-Sieger von 1986, eine halbe Stunde. Saronni gar beinahe eine ganze. Doch angesichts der außergewöhnlichen Begleitumstände, bei denen mehr als die Hälfte der Fahrer das Zeitlimit verpasst hatten, durften alle, die ins Ziel gekommen waren, weiterfahren. Am nächsten Morgen machte La Gazzetta mit der Schlagzeile auf: „Der Tag, an dem die harten Männer weinten“. Wie Recht sie doch hatte.



Die Akteure
Drew; Andy = Andrew Hampsten
Bongos = die „Del Tongo“-Mannschaft
Coppino = „der kleine Coppi“ = Franco Chioccioli
Mike = Mike Neel
Och’ = Jim Ochowicz
Max = Massimo Testa, Mannschaftsarzt von 7-Eleven
Breuk = Erik Breukink
Maglia Ciclamino = Lila Trikot des Punktbesten
Slim Zim = Urs Zimmermann
Wook = Ron Kiefel

D-Man = Davis Phinney
Raul = Raúl Alcalá
Pepe = Jeff Pierce
Dag Otto = Dag-Otto Lauritzen
Torriani = Vicenza Torriani, Giro-Direktor
Pizzoccheri = Pastaspezialität aus Bormio
La Gazzetta = La Gazzetta dello Sport

 

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Aus: „Bobkes Welt“ von Bob Roll

 

Corsa Rosa – Das Zitat des Tages zum Giro d’Italia

Inzwischen hat der Giro also wieder die hohen Berge erreicht. In den vergangenen Jahren hat die Italien-Rundfahrt ja öfter mal versucht, sich mit einem gewissen Zoncolanismus zu profilieren, mit einer teils kritisierten Aneinanderreihung von Höchstschwierigkeiten. Lange Zeit war das anders, und der Giro umschiffte anfangs wohlweislich alle „echten“ Berge. Warum erläutert Benjo Maso in seinem Buch „Der Schweiß der Götter“.

 

[…] Der Giro d’Italia wurde im Jahr 1909 von der Gazzetta dello Sport, dem italienischen Äquivalent von L’Auto, ins Leben gerufen. Die Gründungsinitiative war eine Art Panikreaktion der Gazzetta-Redaktion auf einen Tipp, den sie von dem Fahrradfabrikanten Atala erhalten hatte. Demzufolge erwog der Corriere dello Sport, zusammen mit Atalas Hauptkonkurrenten Bianchi, ebenfalls eine Italien-Rundfahrt zu organisieren. Dies deutet schon darauf hin, dass die Konstrukteure in Italien von Anfang an eine viel wichtigere Rolle spielten als in Frankreich.

Die italienischen Sportblätter verfügten über beträchtlich weniger Mittel als L’Auto oder Le Vélo. Der Lesermarkt in Italien, wo über 40 Prozent Analphabeten lebten, blieb vorläufig so klein, dass die Gazzetta und der Corriere dello Sport es sich bis 1919 nicht leisten konnten, täglich zu erscheinen. Im Jahr 1909 konnte die Redaktion der Gazzetta dello Sport die Organisation des Giro sogar nur dank eines Bankdarlehens und einer Subvention des Corriere della Sera, einer allgemeinen Tageszeitung, finanzieren. Von den 65.000 bis 70.000 Lire an Prämien sollte das veranstaltende Blatt nicht einmal 14.000 selbst bezahlen. Im Jahr danach nahm die Gazzetta die finanzielle Unterstützung der großen Konstrukteure an, die genauso wie in Frankreich eine nationale Rundfahrt als ein wichtiges Propagandamittel für die Entwicklung der Fahrradindustrie betrachteten. Dank dieser Unterstützung erhielten die Hersteller viel mehr Verfügungsgewalt bei der Organisation als ihre französischen Kollegen. Während Desgrange stets dafür kämpfte, aus der Tour ein individuelles Rennen zu machen, erkannte die Gazzetta den Marken schon von vornherein eine entscheidende Rolle zu. »Der Giro d’Italia ist ein Mannschaftsrennen«, lautete der Eröffnungssatz des Leitartikels an dem Tag, an dem die erste Italien-Rundfahrt startete. Diese Haltung führte auch dazu, dass die Strecke des Giro viel leichter war als die der Tour. Denn die großen Fahrradfirmen wollten das Rennen möglichst stark kontrollieren und hatten deshalb wenig Bedarf an schweren Bergetappen, bei denen schon allein das Wetter für unvorhersehbare Ergebnisse und eine hohe Anzahl von ausgeschiedenen Fahrern sorgen konnte. Die Dolomiten und die Alpen wurden darum erst in den dreißiger und vierziger Jahren in die Strecke aufgenommen, als die Straßen über die Pässe einigermaßen befahrbar waren. Dies ist einer der Gründe, weshalb beim Giro viel weniger Rede von jener Heroik war, die der Tour in ihren Anfangsjahren eine solch wichtige mythische Dimension gab.

Auch in der Rennordnung des Giro fanden die Interessen der Konstrukteure eine beträchtlich stärkere Berücksichtigung als bei der Tour. Im Jahr 1912 gab es sogar ausschließlich eine Mannschaftswertung, eine individuelle Rangliste wurde nicht erstellt. Ein Fabrikantentraum, der den Fortbestand des Giro ernsthaft bedroht hätte, wenn ihm nicht schnell ein Ende gesetzt worden wäre – die italienischen Radsportliebhaber konnten sich nun mal beträchtlich weniger für ein Duell zwischen Atala und Bianchi erwärmen als für einen Kampf zwischen Galetti, Gerbi und Pavesi. Ein Jahr später wurde die Einzelwertung wieder eingeführt, doch auch weiterhin erhielten die italienischen Hersteller reichlich Gelegenheit, um eine relativ strikte Mannschaftsdisziplin einzuführen. Dies ist der Hauptgrund, weshalb sich das Domestikensystem in Italien viel stärker und viel früher entwickelt hat als in Frankreich und in anderen Ländern.

Durch das Mannschaftskonzept war bei der italienischen Landesrundfahrt oft die Rede von einem reineren Kräftemessen der Stars als bei der Tour. Trotzdem fehlte dem Giro dadurch eines der grundlegendsten Elemente, welches die klassische Tragödie seit der Antike besitzt: der Kampf des Individuums gegen das Schicksal. […]

9783936973600

Aus: „Der Schweiß der Götter“ von Benjo Maso

 

 

Corsa Rosa – Das Zitat des Tages zum Giro d’Italia

Der Fan als Ar***loch, Folge 1713. Beim aktuellen Giro leisteten sich Zuschauer am Streckenrand schon mehrfach Ungeheuerliches. Hier ein Selfie mit dem Gestürzten (http://iconosquare.com/p/718934362188652655_3036255#/detail/718934362188652655_3036255); dort Carusos Helm, der auf Nimmerwiedersehen verschwindet, während der Katusha-Profi in den Krankenwagen geschoben wird (https://twitter.com/1507mm/status/467054259453034496/photo/1).

Selfie

Caruso

Rennfahrer, die von Fans genervt waren, mochte es auch in der Ära eines Gino Bartali schon gegeben haben. Ein Mindestmaß an Respekt war nicht nur ihm dereinst aber noch gewiss…

 

„Es ist Mittag, und der Champion schläft noch. Wieso ist er so müde, gerade er, der Anstrengung braucht, um sich wohlzufühlen? Alle anderen spazieren in Salerno herum, heute ist zum Glück die Sonne herausgekommen, schon sitzen sie an Tischen unter überwucherten Lauben, während die Straßenmusiker ihnen kostenlos ihre größten Klassiker widmen. Hat ihn vielleicht die gestrige Etappe erschöpft? Nein, nein, antworten etwas rätselhaft die Männer seines kleinen Hofstaats im Hotelfoyer. Nicht, dass er im wörtlichen Sinne schlafe. Nein, er sei wach, sagen sie, er bleibe nur im Bett, er habe keine Lust aufzustehen, das sei alles, er wolle auch im Bett essen.

Im Erdgeschoss des Hotels sitzen zwei Fahrerteams fröhlich bei Tisch. Er nicht. Ein Kellner des Vertrauens oder sogar, der Vorsicht wegen, sein persönlicher Masseur betritt verstohlen das Zimmer, mit einem Essenstablett in der Hand. Durch den Hoteleingang haben die Augen der Fans dank der wunderbaren Scharfsichtigkeit, die sie auszeichnet, das Glänzen der Suppenschüssel und der Teller auf ihrem Weg durch das Foyer erhascht. Das Essen für Bartali! Und ein Schauer erfasst und belebt die kleine Menge, die seit den frühen Morgenstunden ausharrt. Schnell wird die großartige Nachricht verbreitet.“

 

Aus: „Beim Giro d’Italia“ von Dino Buzzati (Covadonga Verlag, 2014)

Corsa Rosa – Das Zitat des Tages zum Giro d’Italia (»Als der Giro die Geister von Montecassino erweckte«)

Heute erreicht der Giro d´Italia einen überaus geschichtsträchtigen Ort. Montecassino. Schauplatz einer der opferreichsten Schlachten des Zweiten Weltkriegs. Sinnbild der totalen Zerstörung. Symbol für die Sinnlosigkeit des Krieges. Auch 1949 bereits passierten das Fahrerfeld und Tross der Italien-Rundfahrt, fünf Jahre nach den schrecklichen Geschehnissen, das zerstörte Cassino. Dino Buzzati  war als Reporter dabei und ließ den Giro die Geister von Montecassino erwecken…

„Eine riesige weiße Narbe, die an der Flanke des Tals obszön in der Sonne strahlte...“ (FOTO: USAAF)

„Eine riesige weiße Narbe, die an der Flanke des Tals obszön in der Sonne strahlte…“ (FOTO: USAAF)

 

Rom, 27. Mai, nachts.

Warum hat die antike und edle Stadt Cassino heute nicht die Fahrer des Giro d’Italia auf ihrem Weg von Neapel nach Rom begrüßt? Das wäre doch freundlich gewesen. Aber keine schönen Mädchen standen an den Fenstern, es waren auch keine Fenster da, keine Mauern, in denen sich Fenster öffnen könnten, es hingen keine Girlanden aus buntem Seidenpapier zwischen den alten kleinen, rosa gestrichenen Häusern, es fehlten sogar die Häuser, die Straßen, nichts war da außer unförmigen Steinen, von der Sonne verbrannt und ausgebleicht, Staub, Unkraut und Gestrüpp, auch ein paar Bäume, die kündeten, dass hier mittlerweile die Natur das Sagen hat, also Regen, Wind, Sonne, Eidechsen, die Organismen der Pflanzen- und Tierwelt, aber nicht mehr der Mensch, das geduldige Wesen, der viele Jahrhunderte lang dort gelebt hat, gearbeitet, geliebt, sich fortgepflanzt in der Intimität seiner Häuser, die er eigens Stein auf Stein errichtet hatte und von denen nun nichts, gar nichts mehr übrig ist.

Aber gab es denn wirklich gar niemanden mehr in dieser riesigen weißen Narbe, die an der Flanke des Tals obszön in der Sonne strahlte? Doch, da war jemand, in unkenntliche Stücke zerrissen, Knochensplitter und Staub, oder vielleicht auch noch ganz, begraben unter unförmigen Steinen. Ein alter Mann vielleicht, oder eine Frau, oder ein junger Mann, der sich absolut nicht wegbewegen wollte, als schwere Artillerie neuester Bauart die pedantischste und vollständigste Zerstörung vornahm, die  die Welt je gesehen hat, so dass nicht einmal ein zwei Meter hoher Stummel einer Mauer übrig blieb, nicht der geringste Rest, hinter dem ein kleingewachsener Soldat hätte in Deckung gehen können, alles platt wie im Anbeginn der Welt; nein, noch platter, denn im Anbeginn war die Welt wahrscheinlich bedeckt von einer Vegetation aus Bäumen und Sträuchern.

»Der Giro?«, antwortete dieser eine. »Aber wir hier im alten Cassino sind nicht darauf vorbereitet, es fehlt uns an allem, um die Fahrer anständig zu empfangen. Habt bitte Verständnis, wir haben keine Straßen, auf denen sie fahren könnten, keine Augen, um sie zu sehen, keine Stimmen, um Hurra zu schreien, und auch keine Hände für den Applaus.«

»Erhebt euch doch. Nur für einen Moment. Bartali ist da, Coppi ist da. Wollt ihr sie gar nicht sehen, wenigstens aus Neugier? Eine halbe Minute reicht, los, nur eine kleine Anstrengung, dann dürft ihr zurückkehren in euren Schlaf. Sie fahren schnell, die Giganten der Landstraße, man hat sie kaum gesehen, schon sind sie wieder weg.« (Aber das war eine Lüge, denn heute waren die Giganten der Landstraße, die Kilometerfresser, die menschlichen Lokomotiven eher mit laxen Schnecken zu vergleichen; in gemütlichen Grüppchen plaudernd fuhren sie dahin und dachten nicht im Traum daran sich anzustrengen, und erst ganz zuletzt, vor den Toren von Rom, kam es zur mittlerweile obligatorischen Flucht der vielversprechenden Jungtalente, was die Asse nicht erschütterte, so dass die acht Rebellen – Ricci, Frosini, Pasotti, Vincenzo Rossello, Schär, Busancano, Cerami, Dubuisson – mit Vorsprung ins Velodromo Appio einfuhren und die Ziellinie in der Reihenfolge passierten, in der sie hier genannt sind.)

»Nein, nein, lasst uns schlafen«, antwortete die Stimme, »fragt die anderen, die übrig geblieben sind und ein Stück weiter drüben – seht ihr? dort, wo sich das Tal erweitert – wieder aufbauen. Das neue Cassino meine ich. Da steht es schon. Sie haben ganz schön geschuftet, nicht?«

»Wir sehen es, ja, aber das ist etwas anderes. Ein rührendes, wunderbares Zeugnis menschlicher Hartnäckigkeit. Doch diese neue, grauenhafte Gefängnisarchitektur hat nichts mit der Stadt von vorher zu tun. Man kann sie nicht einmal rational nennen, weil das Leben in so hässlichen Häusern immer unbequem und traurig sein wird. Das ist nicht Cassino. Das ist eine seltsame, andere Kreatur, die die Narbe an der Flanke des Tals noch grausamer hervortreten lässt.«

»Capisco«, sagte die Stimme, »aber es ist zu spät. Wenn wir aufstünden, und sei es nur für eine Minute, würden sich die Lebenden erschrecken. Sie erinnern sich an uns und haben uns lieb, solange wir still und ruhig unter der Erde bleiben. Zu viel Zeit ist vergangen. Die Jahre löschen alles aus. Hier, wo mein Zimmer war, das Bett, das Heiligenbild, der Maiskolben an der Wand, die Flinte, zwei oder drei Bücher, der Vogelständer mit dem Kettchen, steht jetzt ein junger Nussbaum, und auf den Zweigen hüpfen Rotkehlchen herum. Vielleicht ist es besser so. Auch, auf den Giro zu verzichten.«

»The Giro? What’s that?«, fragte da, vom Lärm der Hupen und dem Sausen der Fahrräder aufgeweckt, Martin J. Collins, einst Soldat und zuständig für den Munitionsnachschub, nun vertreten durch ein blutloses Gespenst und für immer hier ansässig (es hatte eine weiße Stichflamme gegeben, eine Staubwolke, einen lauten Knall, und von dem gut aussehenden Jüngling war nichts mehr aufzufinden gewesen, nicht einmal der Helm, auch er war nur noch Staub, eine abstrakte Erinnerung). Mit Mühe hebt das Gespenst in seinem rustikalen Grab aus Steinen und Wind und Sonne den schläfrigen Schädel.

»Was ist los?«, fragt nun, einen Meter weiter, der ehemalige Feldwebel Friedrich Gestern, auch er in pure Erinnerung verwandelt durch einen meisterhaften Schuss. Er hat geschlafen, ist aufgewacht durch das Getöse der Autos und reibt sich nun die müden Augen. Auch andere wachen, für uns unsichtbar, an den wiederergrünten Gestaden, in den kleinen Tälern, die heute in der Maisonne unschuldigen Paradiesen gleichen und vor fünf Jahren mit Toten bedeckt waren. Wie viele es sind! Ein Heer in den Farben ungezählter Uniformen und Rassen, Männer, die sich gegenseitig umgebracht haben und nun friedlich nebeneinanderliegen, vereint im letzten Waffenstillstand.

»Nur keine Aufregung«, sagen wir, »das ist der Giro, liebe Leute, der tut niemandem etwas. Sie strampeln, mühen sich ab, versuchen (nur nicht heute), so schnell zu fahren, wie sie können. Wozu? Zu nichts. Aus Lust, Erster zu sein, zur Befriedigung derer, die zuschauen, weil der Mensch unglücklich wird, wenn er nicht irgendwie kämpft. Aber vielleicht, Verzeihung, ist das nichts für euch. Das ist das Leben, in seiner unschuldigsten Form, überwältigend und für euch, fürchte ich, ein wenig irritierend. Verzeiht.

Wir sind zufällig vorbeigekommen. Wenn wir euch geweckt haben, tut uns das leid. Wir wollten nur das alte Cassino grüßen, das es nicht mehr gibt. Davon wisst ihr ein Lied zu singen. Habt keine Angst, wir gehen gleich wieder, dann seht ihr uns wenigstens ein Jahr lang nicht mehr. Schlaft gut, Männer.«

Und die Karawane der (heute nicht so großen) Champions zog mit ihrem profanen Getöse zu Füßen der grauenvollen Narbe vorbei, verschwand in der grünen Landschaft und war bald nicht einmal mehr als Echo zu vernehmen. In Cassino hämmerten die Maurer weiter, unten im Tal, und die Zeit zog weiter über die geborstenen Steine der bleichen Ruinen an der Flanke des Berges hinweg.

Die körperlosen Geister legten sich wieder hin, schmiegten die leeren Wangen an die barmherzige Erde, schliefen weiter. Und wir betrachteten den Schwarm der Fahrer, so fröhlich mit all den bunten Trikots und den blitzenden Fahrrädern, wir betrachteten die vor Aufregung bebenden Menschen, die Beamten der Straßenpolizei, die sich mühten, das Vorankommen des Trosses zu regeln, diese ganze kleine Welt, die Italien hochgaloppierte wie verrückt. Die Sonne schien, es war warm. Gleich würde einer fragen: »Immer noch alle beisammen?«


Aus: „Beim Giro’Italia“ von Dino Buzzati (Covadonga Verlag, 2014)

Corsa Rosa – Das Zitat des Tages zum Giro d’Italia (Marcel Kittel vs. zu viel Wasser)

Zwei Dinge prägten die Bilder der ersten Giro-Tage: 1.) Die überlegene Sprint-Power aus den Schenkeln des mittlerweile krankheitsbedingt ausgeschiedenen Marcel Kittel, die er zwei Mal aus fast aussichtslos erscheinender Position fulminant in Szene zu setzen wusste. Und: 2.) eine Menge Wasser – von oben und entlang der Küstenstraße in der Irischen See und im Mittelmeer. Als der einflussreiche Journalist Joris van den Berg, Teamchef auch der ersten holländischen Tour-de-France-Teams, im Jahr 1941 mit „Die mysteriösen Kräfte im Sport“ den Klassiker der niederländischen Sportbibliothek verfasste, formulierte er gleich in den ersten Zeilen des Buches noch einen eindeutigen Rat an die endschnellen Männer: Sprinter sollten ihre Muskeln tunlichst vom Wasser fernhalten.

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Der Muskel, das Wachstum des Muskels, erfährt die Kraft des gedanklichen Beistands, der Geist assistiert dem Körper. […] Wir haben einen Athleten gekannt, der ein sicheres Gespür für diese geistige und mentale Materie besaß. Er war auf seinem Gebiet, dem Radsport, einer der Größten, den die Welt je hervorgebracht hatte, und während der vielen Fachgespräche, die wir mit ihm führten, hat er einmal Folgendes dazu gesagt:

»Der Sportler, der allein körperlich trainiert, ist wie ein Maler, der nur Farbe aufträgt. So wie ein Künstler mit dem Kopf, mit Gefühl, mit Gedanken malt, so können wir auch Sport treiben und mit der Kraft des Geistes trainieren.

Du kannst einen Muskel durch Übung aufbauen. Du lässt ihn viel arbeiten und du pflegst ihn gut, und dann wird er auf die Dauer von selbst stark. Das ist kinderleicht. Doch ein Muskel, der nur auf diesem Wege stark geworden ist, bleibt ein ›dummer‹ Muskel.

Nun kannst du einen Muskel aber auch durch deine Gedanken stärken, indem du mit deinem Kopf bei diesem Muskel bist. Die meisten Menschen wissen nicht, was der Beistand des Hirns für den Sportler bedeutet. Die meisten Sportsleute haben auch keine Ahnung davon. Nur ganz Vereinzelte spüren es. Die anderen lachen darüber und sehen dich an, als ob du aus der Irrenanstalt entlaufen bist. Deshalb spreche ich mit ihnen auch nicht darüber, und außerdem brauche ich die Konkurrenten doch nicht aufzuklären. Aber ich sage dir, wenn du einen Muskel gestärkt hast, indem du an ihn denkst, indem du mit deinem Hirn bei der Sache bist, dann ist das etwas ganz anderes als der rein körperlich gestärkte Muskel, als der ›dumme‹ Muskel. […]«

Zunächst noch etwas über den lebendigen, vor allem feinfühligen, den heftig reagierenden Muskel. Dies ist der Muskel für den Leichtathleten, für den Läufer, den Weitspringer, den Hochspringer, der Muskel für den Radrennfahrer, vor allem für den Sprinter. Es ist der verzärtelte Muskel, der gepflegte Muskel, der auch durch den Geist umsorgte Muskel, der dünnhäutige Muskel, und er ist von einer Geschmeidigkeit, die ihn, im Ruhezustand, weich erscheinen lässt. Es ist der doppelköpfige Wadenmuskel, es sind die Oberschenkelmuskeln, die man, mit sanften Fingern abtastend, fast wie eine gelatineartige Substanz hin und her werfen kann. Solch ein Muskel ist für manche Sportarten ein schlechter Besitz, und insbesondere der Fußballer sollte ihn niemals ausbilden.

Die Muskeln des Leichtathleten und des Radsprinters in Topform sind dermaßen reizbar, so hyperempfindlich, dass sie zu Reaktionen fähig sind, die man als »erschrecken« bezeichnen könnte. Und so »erschrecken« diese Muskeln unter anderem vor kaltem Wasser.

Sie können kein kaltes Wasser vertragen, ohne von ihrem funktionellen Wert für die sportliche Betätigung einzubüßen. Für Leichtathleten, Radrennfahrer (Bahnradsportler und insbesondere Sprinter) und Boxer, vor allem wenn sie sich in bester Verfassung befinden, sollte das Schwimmen denn auch zu den verbotenen Genüssen zählen.

Es ist nicht allein der Einfluss der Abkühlung; vielmehr steht der plötzliche Gebrauch anderer Muskeln beim Schwimmen im Vordergrund. Dies gilt für alle Sportarten, und deswegen sollten auch Ruderer nicht schwimmen. Außerdem wird der Automatismus – welcher den Körper zu ökonomischem Arbeiten befähigt – durch plötzliche andere Bewegungen gestört werden.

Wir haben gesehen, wie ein Rennfahrer, der Olympiasieger Van Egmond, der sich eben noch in bester Verfassung befand, durch ein einziges Mal Schwimmen total außer Form geriet und am Tag nach dem Schwimmen bezeugte, dass seine Beine, die ihm zufolge so »wunderbar geschmeidig« gewesen waren, sich in Stöcke verwandelt hatten.

Solche Muskeln verlangen immerfort verhätschelt zu werden. Sie müssen ständig warm, ständig wohltemperiert sein, wie in Watte gepackt. Kaltes Wasser verroht einen solchen Muskel, macht ihn spröde.

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Aus: „Die mysteriösen Kräfte im Sport“ von Joris van den Bergh (Covadonga Verlag, 2010)

Corsa Rosa – Die Anekdote des Tages zum Giro d’Italia (Ruhetag: Transfer Irland-Apulien)

Tag des großen Transfers heute beim Giro d’Italia. Dublin-Giovinazzi, das macht laut Google Maps knapp 2600 km und 27 Stunden (Auto-)Fahrt. Die Fahrer fliegen natürlich. Der amerikanische Ex-Profi Bob Roll erinnert sich in seinem Buch „Bobkes Welt“ an einen besonderen Transfer des Pelotons im Jahr 1986 – eine Luftbrücke vom Col de Granon.

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[…] Jedes Mal, wenn ich irgendwo hinfliegen musste, schnürte mir die Angst meine Gedärme ab. Es gab jedoch einen besonderen Flug, dem ich mit noch weitaus größerer Furcht entgegen sah als allen anderen. Und zwar handelte es sich um eine Art Luftbrücke, die von der Tour-Organisation eingerichtet worden war, um uns per Militärhubschrauber vom Gipfel des Col de Granon herunterzubringen. […]

Der Gipfel des Granon erinnerte eher an ein Kriegsgebiet als an das Ziel einer Radrennstrecke. Evakuierungshubschrauber aller-orten, dazwischen ein wildes Tohuwabohu aus Fernsehteams, Pflegern, Mechanikern, Polizeikräften, Motorrädern und Fans. Für den besonderen dramatischen Effekt sorgte ein französischer Fahrer namens Joël Pelier, der kollabiert war und nun direkt auf der Ziellinie lag.

Ich sah Shelley, die mit kalten Getränken und unseren Klamotten auf uns wartete. Ich schnappte mir meinen Beutel, zog ein frisches T-Shirt an, setzte mir eine Mütze auf und wurde auf der Stelle zum nächsten Helikopter geschoben. Ich erreichte die kleine Gangway und wäre beinahe wie angewurzelt stehen geblieben. Von draußen im gleißenden Sonnenlicht konnte ich nicht erkennen, was sich in dem Hubschrauber abspielte. Fast wäre ich umgekehrt, aber meine Freude über meine gute Leistung auf der heutigen Bergetappe trug mich die Stufen hinauf. Wenn wir abstürzten, würde mein Leben wenigstens in einer ehrenhaften Glut erlöschen, schlussfolgerte ich in meinem von Erschöpfung benebelten Geisteszustand. Und statt des Tumults im Zielbereich vernahm ich nun nur noch ein langsames Brummen in meinen Ohren.

Als sich meine Augen an die plötzliche Dunkelheit im Inneren des Helis gewöhnt hatten, sah ich, dass niemand anderes als Andrew Hampsten mir direkt gegenübersaß. »Hey, Drew, altes Haus! Ein schönes Schlachtfest habt ihr da heute angerichtet!« Aus Freude, in diesen schweren Minuten einen Landsmann bei mir zu haben, wäre ich beinahe aufgesprungen. »Hast du gesehen, wie LeMond die Froschfresser fertig gemacht hat?«, rief ich aufgeregt.

Andy nickte nur ein wenig zögerlich und wirkte seltsam kleinlaut. Als sich meine Augen noch ein wenig besser an die ungewohnte Umgebung angepasst hatten, sah ich, wer direkt neben Andy saß: Greg LeMond, in ruhmreichem Gelb gewandet. »Wow!«, diesmal sprang ich tatsächlich auf, packte LeMond bei den Schultern, schüttelte ihn und schrie: »Greg, du Teufel! Du hast das Gelbe Trikot, Junge! Du wirst diese Banausen massakrieren!« Dann setzte ich mich wieder und schob hinterher: »Ich bin heute an der Seite von Hinault geklettert, und all die Franzmänner waren stinksauer, dass du den Blödmann abgehängt hast.«

Gerade in diesem Augenblick hatten sich meine Augen vollständig an die Dunkelheit gewöhnt und erblickten Bernard Hinault höchstpersönlich, wie er ebenfalls in unserem Hubschrauber kauerte. Ooops. Ich hätte mich nur zu gern unter meinem Sitz verkrochen.

»Hey Bernie, wie schaut’s?«, war alles, was ich murmeln konnte. Und als wäre das noch nicht genug, saß zur Rechten von Hinault auch noch Bernard Tapie, der als Besitzer von La Vie Claire und einer der bedeutendsten Industriemagnaten Frankreichs heute miterleben durfte, wie sein Skript, Hinault zum sechsten Tour-de-France-Sieg zu führen, von LeMond entscheidend umgeschrieben wurde…

 

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Aus: „Bobkes Welt – Radsport auf die wilde Tour“ von Bob Roll (Covadonga Verlag, 2006)

Corsa Rosa – Zitate des Tages zum Giro d’Italia (1. Etappe – MZF Belfast)

In ein paar Stunden geht’s in Belfast los mit dem 97. Giro d’Italia. Statt eines Prolog: Contre-la-montre mit den Teamkollegen. Zur Einstimmung ein paar Impressionen vom Mannschaftszeitfahren (von Peter Winnen, David Millar, Paul Kimmage und Laurent Fignon):

 

Peter Winnen – Tour 1983

Der Tag danach. Mannschaftszeitfahren über hundert Kilometer. Das Team Post kassierte ausgerechnet im Teamzeitfahren eine Tracht Prügel. Es wurde Geschichte geschrieben. Die Mannschaft galt in dieser Disziplin als unschlagbar. Am letzten Messpunkt wurde Post noch als das schnellste Team gestoppt, trotz des frühzeitigen Verlustes von Mannschaftsmitgliedern unterwegs.

Fünf Kilometer vor dem Ende waren von den anfänglich zehn Fahrern nur noch fünf übrig. Dann fiel der fünfte Mann zurück. Das nötigte alle zur Zurückhaltung, denn die Zeit, mit der der fünfte ankam, wurde als Schlusszeit für das Team registriert. Raas ließ sich zum fünften Mann zurückfallen und brachte ihn wieder an die drei anderen heran. Dieses Spiel wiederholte sich ein weiteres Mal, denn der entscheidende fünfte hatte sein Limit erreicht und nahm seine Umgebung nur noch schemenhaft wahr. Schließlich schloss das Team Post mit dem vierten Platz ab. Der fünfte Mann hatte eine holländische Erfolgsgeschichte jäh zerstört. Das wurde ihm von allen Seiten eingehämmert. Der Störenfried wäre am liebsten mit einer Jacke über dem Kopf von der Bildfläche verschwunden. Dieser fünfte Mann war ich. Weiterlesen