Der Zug ist abgefahren

Natürlich ist es immer schön, auch die Anreise gleich mit dem Rad zu absolvieren. Geht aber nicht immer. Gerade wenn Start- und Zielort nicht identisch sind (wie etwa bei einer Transalp oder auch bei einer Privat-Friedensfahrt auf der Route Warschau-Berlin-Prag) führt kaum ein Weg daran vorbei, sich in die Obhut der Deutschen Bahn und ihrer internationalen Mitstreiter zu begeben. Das hat erfahrungsgemäß seine Tücken …

Es mulmt mächtig im Magen, als die Haustür ins Schloss fällt. Die Vorzeichen sind keine guten. Düster der Himmel, noch finsterer das Gewölk, das die Sternlein erfolgreich verhängt. Bedrohlich knirscht es unter den Reifen. Während ich mich vorsichtig über die splittübersäten Radwege der schlafenden Stadt zum Bahnhof vortaste, habe ich das Gefühl, dem Wind bei der gemeinhin eher abstrakten Tätigkeit des Auffrischens zusehen zu können. Auf den letzten Metern hinauf zur Zentralstation, vorbei an Asia-Basaren und Import-Export-Kabuffs, prasseln dicke Tropfen auf den angehenden Friedensfahrer herab. Die ersten seit Wochen. Die Tinktur, aus der Schmierseife ist. Und am Himmel zucken schon die Blitze.

Schnell ins Trockene der Bahnhofshalle, rasch noch ein letzter Material-Check. Prüfende Blicke scannen das Rad, die Packtaschen am Gepäckträger, den Inhalt von Portmonee und Lenkertasche. Alle Grundzutaten für die Expedition scheinen vorhanden. Nur sollte ich mich lieber schon mal schlau machen, was wohl Lenkerendstopfen auf Polnisch heißt. Offenbar ist bei den allerletzten Schraubereien im Radkeller einer der beiden noch verlustig gegangen. Bevor das Lenkerband beginnt, sich abzuwickeln, sollte am besten gleich in Warschau Ersatz beschafft werden.

Die Liftanlagen für die Versehrten und Beladenen befördern mich hinauf auf den Bahnsteig. Hinaus in Weltuntergangsstimmung. Freie Sicht auf das städtebauliche Inferno global austauschbarer Industrieflächenkonversion in 1c-Lage. Multiplex, Spaßbad, Abschleppschuppen, Parkhäuser. In immer kürzeren Abständen lassen die unberechenbar zuckenden Megavolt die Stadt aufleuchten. Donnerlittchen. Derweil rüstet die Verspätungsanzeige für die Verbindung nach Berlin, Warschau, Minsk, Moskau eilig auf. Fünf, zehn, fünfzehn, zwanzig Minuten. Scheibenkleister!

Die Bauarbeiten auf der A2 der Schienenwelt lassen immerhin genug Zeit, mich zwölf Mal am Wagenstandsanzeiger zu vergewissern, wo ich wohl in den EuroNight »Jan Kiepura« einzusteigen habe. Waggon 176, zweite Klasse, Sitze in Reihe, ein Fahrradsymbol, Quarzen verboten. Der Kerl, der im T-Shirt auf der Nachbarbank kauert, gedenkt, kompakteres Gepäck in Ostzonen auszuführen. Eine Autobatterie.

33 Minuten nach Fahrplan hat das Warten ein Ende. Jetzt muss alles sehr schnell gehen. Eilig werden knapp fünfundzwanzig Kilogramm teils unhandlichen Materials in die Einsiebensechs gehievt. Türen schließen, der Zug fährt an, Schaffner Bello kommt herbeigeeilt. Ich bin gerade dabei, mich samt Rad in der Hand, zwei prallen Gepäcktaschen aus Lkw-Plane um die Schultern und baumelnder Lenkertasche um den Hals zu Fahrradplatz 15 und Ruhesessel 31 zu zwängen, da kläfft es mich auch schon hinterrücks aus dem oberen Ende einer DB-Uniform an: »Was wollnse denn mit dem Fahrrad hier? Grrr.«

»Äh …«

»Fahrrad is’ hier nicht.«

»Ähm, aber ich hab’ doch …«

»Erst mal raus hier aus dem Gang! Zackzack! Kläffkläff!«

»… reserviert.«

»Doch wohl nicht nach Warschau!«

»Aber äh … mein Ticket. Samt Reservierung für’s Rad. Wagen einsiebensechs, Platz fuffzehn …«

»So’n Quatsch. Grrr. Da habense Ihnen was Falsches verkauft. Nach War­schau gibt’s keine Fahrradplätze. Vom Gang müssense jedenfalls runter. Jauuuuulll.«

Bello kraxelt über den gleichermaßen schwer Konsternierten wie Beladenen, sprintet – hechelhechel – durch den mittlerweile auf Reisegeschwindigkeit beschleunigten Gang, öffnet mit rüder Pfote Abteiltüren, reißt Vorhänge zur Seite. Beim vierten Versuch wird er fündig.

»Hier is’ frei. Rein da mit dem Rad. Runter vom Gang.«

Das Einparken ist Millimeterarbeit. Da sitze ich nun im spröden Polster, die Hand am Sattel meines eingepferchten Packesels, und aus purem Zufall

tatsächlich auf dem reservierten Platz 176/31 in einem ansonsten leeren

Sechserabteil der polnischen Staatsbahn PKP und würde mich gern beim diensthabenden Schaffner erkundigen, wie es denn nun weitergehen soll mit uns beiden. Doch Bello ist längst entschwunden. Und ward nicht mehr gesehen.

Na, das kann ja heiter werden. Noch ist das Gefolge von Jan Kiepura vielleicht recht spärlich, doch was, wenn die Pforte Westfalens passiert ist und in Hannover, Berlin, Posen die reisewilligen Werktätigen und Ausflügler den durch die Nacht rasenden Heldentenor stürmen und ihre reservierten Sitzplätze begehren? Sitzplätze, deren Beinfreiheit von einem Aluzossen mit fragwürdiger Aufenthaltsgenehmigung auf die Ansprüche von Oskar Matzerath reduziert wird.

 

[Aus dem dritten Kapitel „Der Zug ist abgefahren“.]

 

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