Ein Wessi auf Friedensfahrt? Wieso, weshalb, warum …

Dezember 2010. Vielleicht erinnert sich noch jemand? Schon seit Wochen Dauernachschub an unsäglichen Schneemengen, Glatteis allerorten, galoppierender kommunaler Streusalzmangel. Doch dann, endlich: ein Tag Tauwetter. Also wurde gleich die Thermo-Montur übergestreift und das Rennrad aus dem Keller geholt … Nur, um dann ein handfestes Debakel zu erleben. Die „Form“ ist völlig im Eimer, die Laune spätestens nach einem Sturz in einem See aus Eiswasser ebenfalls. Aber dann kommt es zu einer folgenschweren Begegnung:

[…] Um warm zu werden, gebe ich meinen Beinen richtig Auslauf und die Sporen, sobald ich wieder eine breite Chaussee unter den Reifen habe. Und auch weil vom Horizont ein anderer, tief über seinen Boliden gebeugter Velofahrer herannaht. Alte Rennfahrerregel: Im Windschatten sparst du bis zu dreißig Prozent an Energie, aber im Angesicht von Konkurrenz bist du bereit, bis zu dreißig Prozent mehr zu verpulvern.

Dennoch vernehme ich keine Minute später direkt hinter mir eine Kette über die Ritzel klettern. Der Drecksack ist offenbar im Turbomodus heran­geflogen. Immerhin schlägt der Kerl nun Töne an, die seinen Tempo- und Testosteronüberschuss in einem etwas versöhnlicheren Lichte erscheinen lassen. Er müsse in der anstehenden Saison früh in Topform sein. So sei es unabdinglich, sich schon im Advent mit ein paar Tempointervallen an die­sen ekligen, metallischen Blutgeschmack im Mund zu gewöhnen. Kein Gedanke daran, die der Jahreszeit angemessene Jan-Ullrich-Gedächtnis-Diät zu halten und die Arterien inwandig mit einer sämigen Glühwein-Spekulatius-Masse auszukleistern. Schließlich habe er den berühmtesten aller Frühjahrsklassiker als Höhepunkt in seinem Rennkalender auserkoren.

»Paris–Roubaix«, sagt er.

»Die Legende«, sagt er.

»Gibt’s nun zum ersten Mal auch als Challenge für Jedermänner«, sagt er.

»Anfang April, nur einen Tag vor dem Profirennen«, sagt er.

»Bienvenu en enfer«, sagt er. »So stand’s schon bei der Anmeldung. Willkommen in der Hölle des Nordens.«

»Aha«, sage ich.

Was genügt, um einen wort- und juchzerreichen Exkurs zu provo­zieren. Einen Monolog über historische Wurzeln und moderne Realitäten dieses Radrennens auf groben Granitpflastersteinen, die krumm und schief zwischen den Äckern und Wäldern, Soldatenfriedhöfen und einstigen Schützengräben am Rande des nordfranzösischen Kohlenreviers im Morast stecken. Einen Monolog, der rasch in einem Geschwurbel aus Versatzstücken der Mobilmachungspropaganda mündet:  »… bei Regen wie auf Schmierseife … am besten immer vorneweg … wie zuletzt der Cancellara … der Spartakus aus Bern … und hinter dir die Schmerzensschreie … der Versehrten … wie bei einer Splitterbombe … wenn’s aber trocken bleibt … dann lass sie Staub fressen … mach den Lawrence von Arabien … jaaaaaaharrharr, das wird ein Gemetzel!«

Derart beängstigend entzückt klingt dieses Kriegsgeheul, dass irgendetwas in mir – vielleicht der einstige Wehrdienstverweigerer? – die nahe liegende ­Antwort verweigert, als die Gegenfrage nachgeschoben wird: »Und? Was sind deine Saisonziele dies’ Jahr?«

Ich hätte durchaus einen angemessen martialischen Konter in petto gehabt. »Ach, mal schauen … zwei Anmeldungen sind bisher raus. Im Frühjahr die Flandernrundfahrt. Du weißt schon – mit Kinderköppen gepflasterte Zwanzig-Prozent-Rampen. Und im Sommer dann die 24 Stunden bei Rad am Ring. Als Viererstaffel durch die Grüne Hölle …« Doch irgendetwas reitet mich, der überdrehten Splitterbombenstimmung ein möglichst eindeutiges Kontra zu entbieten. »Ach, ich mach dies’ Jahr die Friedensfahrt«, höre ich mich sagen.

Mein Gedächtnis hat wohl spontan Fetzen eines eigentlich längst wieder vergessenen YouTube-Vierteilers ausgegraben, damit ich das Kriegsgeheul angemessen erwidern kann. Monate ist’s her, da lief sie tagelang in der Heavy Rotation auf dem heimischen Rechner, die frühe Gemeinschaftsproduktion von Wytwórnia Filmów Dokumentalnych Polska und DEFA Dokumentarfilm.

Wyścig pokoju 1952 Warszawa–Berlin–Praha. Knapp fünfzigminütige Reportage über die erste Ausgabe der Internationalen Radfernfahrt für den Frieden, die dereinst – vier Jahre nach der Premiere – auch über deutschen Boden führte. Das Ganze in der polnischen Originalversion ohne Untertitel. Aber mit diesem klassischen Fastforward-Effekt von Wochenschauen, der wirbelnde Beine auf sehr reizvolle Weise in ratternde Nähmaschinennadeln verwandelt. Und so manchen Fahrer, dem sein Mechaniker ein etwas zu kleines Rennrad präpariert hatte, in einen ekstatischen Wackeldackel.

In Bruchstücksequenzen flackern sie nun wieder auf. Bilder von einer Veranstaltung, die – in einem undurchschaubaren Techtelmechtel von eher anarchi­schem Freiluftsport und generalstabsmäßig durchexerzierter Maiparade – schier unglaubliche Menschenmassen zu mobilisieren verstand.

Kopfsteinpflaster und staubige Chaussee. Warschau ein einziges Trümmerfeld. Straßenüberspannende Banner und Bögen mit eindeutigen Botschaften. »Sportler kämpfen für Frieden und Völkerverständigung«, »Die Werktätigen von Buna grüßen die Teilnehmer der V. Friedensfahrt«. Auf dem Weg nach Chemnitz das Wort »P R Ä M I E« in mundgemalten Riesenlettern. Unentwegte Antritte und Gegenattacken, die Hatz der Windstaffeln auf freier Fläche, rasante Kurvenfahrten hinein in riesige Stadionschüsseln, bis auf den letzten Platz besetzt, hauchdünne Ellbogensprints auf der Aschenbahn. An jedem Alleebaum ein überdimensionales Politikerporträt. Gottwald. Bierut. Pieck. Stalin. Der junge Gustav-Adolf Schur wagt einen Vorstoß, pumpt wie ein Maikäfer; Jan Veselý, schon im Ziel, lacht gewinnend, von Damenhorden bestürmt und angehimmelt. Blumensträuße, aufsteigende Tauben, aufgeregtes Winken allgegenwärtig. Ebenso Sportskamerad Ullbricht. Hält Reden, schüttelt Hände, verteilt beim Abendmahl, nach getaner Etappenfron, Präsente an die Aktiven. Vasen, Plüschhunde, Herrenschuhe. Musik­kapellen und Schlote als Kulisse für die eilige Fahrerschlange. Auch die Tonspur ist wieder da. Dramatische Streicher, Arbeiterlieder im Kastratenchor. Und überall diese Menschen, so viele Menschen, hellauf begeistert. Im dichten Spalier. Aus den Fenstern der Hochhäuser hängend. Auf Bäumen, Straßenschildern, Strommasten, Baugerüsten. Kinder und Jungtraktoristen, die über Äcker und Hänge sprinten, um den Lindwurm ein zweites Mal vorbeirauschen zu sehen. Sie alle sind – auf eine Weise, die schwerlich als »verordneter Antifaschismus« zu rezipieren ist – wahrhaftig aus dem Häuschen.

Doch bevor ich ein paar erklärende Worte anschließen und referieren kann, was in meinen grauen Speicherzellen für die in ebensolcher Vorzeit so populäre »Tour de France des Ostens« an Eckdaten hinterlegt ist – zwei Wochen hinterm Eisernen Vorhang, knapp über 2.000 Kilometer durch Volkspolen, Deutsche Demokratische Republik und Tschechoslowakei –, beweist der Heizstrahler bereits, dass er mit der Friedensfahrt bestens vertraut ist. Und dass offenbar eine Ost-Sozialisation der Grund für seine im witten Sande doch ungewohnt offenherzige Art ist.

»Oho, Wyścig Pokoju. Course de la Paix. Warschau–Berlin–Prag. Das waren noch Zeiten. La Paloma am Moldaustrand und Kettenklemmer in Katowice. Jedes Jahr im Mai. Ach ja, schade, dass es vorbei ist. Die weißen Tauben sind halt müde geworden …«, sprudelt es nun auch in eindeutig friedlicherer Mission mit einem Elan aus ihm heraus, der Ehrfurcht gebietet. Und derweil ich noch mühsam seinen musikalischen Anspielungen auf Picassos Taube hin­terherhinke, die der Friedensfahrt traditionell als Logo auf Winkelementen und Wertungstrikots diente, schickt er schon das nächste Jukebox-Quiz hinterher. Diesmal in gepfiffener Form.

»Das ist doch bestimmt die viel beschworene Friedensfahrt-Fanfare«, mutmaße ich. Und der Heizstrahler, eben noch ganz der Krieger im Rennsattel, schaut mich plötzlich an wie Spartakus auf Süßgras und Salbei. »Nee, war ja nicht alles schlecht damals … bei uns im Osten … und die Friedensfahrt … ach, ja, die war eigentlich sogar richtig dufte.«

Seine Kette klackert wie beiläufig auf kleinere Ritzel. »Hat bestimmt seinen Reiz, so etwas heute mal mit ’nem modernen Plasteschwein nachzufahren«, sagt er noch, entschwindet dann mit lauthals surrenden Spikereifen und lässt mich mit dementen Beinen und plötzlich munterem Kopf allein. Und mit drei schwierigen Fragen.

Warschau-Berlin-Prag mit dem Fahrrad ! Pah! Wie in aller Welt kommst du gerade auf so einen Mist? Was zur Hölle willst du  ausgerechnet in Polen und Pilsen? Und wie bitteschön könnte man so was Frau und Kindern, Gesäß und Rücken beibringen, ohne es sich mit allen dauerhaft zu verscherzen?

Doch es sind noch einige Kilometer bis nach Hause. Und je näher ich wieder Bielefelder Boden komme, desto näher komme ich auch den Antworten. Antworten, die beflügeln.

Ist das nicht genau das, was du dir schon lange erträumt hast: »Zwei Wochen nichts als Radfahren. 2.000 Kilometer durch ferne, mir völlig fremde Lande. Auf einer Route, die mir Ziele vorgibt, ohne Touristenströmen zu folgen. Mal wieder reisen, wie ich es stets am liebsten tat. Ohne Sinn und Verstand, aber mit einem festen, wenn auch abwegigen Plan.«

Jetzt will ich’s wissen: Was ist wohl geworden aus den Originalschauplätzen, an denen sich einst die Schurs und Veselýs, die Szurkowskis und Amplers um Etappensiege balgten – oder um Butterbemmen an der Verpflegungskontrolle? Wie sieht es aus mit der Verständigung der Völker? Mit dem praktizierten Frieden zwischen Deutschen, Tschechen und Polen?

Allesamt Fragen, an deren Beantwortung man sich womöglich gar nicht besser heranschleichen könnte als eben aus der Perspektive des Radfahrers. Mit Reisetempo siebenundzwanzig und auf Straßen, die nicht von Tourismus-Managern nach gängigen Sightseeing-Kriterien ausgewählt wurden. Sondern schon vor sechs Jahrzenten aus rein pragmatischen bis willkürlichen Beweggründen.

Gut behelmt vor der Generalprobe im Lipperland: Rechtsträger und die schutzbefohlenen Fette-Reifen-Aspriranten.

Ich sehe mich schon mit rasselnder Lunge im neuen Herzen Europas. Mit schwer beladenem Plasteross im oberschlesischen Industrierevier nach Sauerstoff schnappen und an der steilen Wand von Meerane verzweifeln. Ja, der Selbstversuch als Friedensfahrer, er verheißt mir echtes Abenteuer, das aber dennoch von überschaubarem Risiko bleiben dürfte. Ist ja heute alles Schengenraum.

Vor diesem Hintergrund wirken auch die nackten Zahlen von zwei Wochen und zweitausend Solokilometern im Fahrradsattel geradezu als Idealmaß. Als Strapaze, die geeignet ist, den guten Willen und die Unterstützung von Gesäß, Rücken und Beinen sowie insbesondere der Familie zwar bis an ihre Grenzen auszuloten, aber vielleicht nicht überzustrapazieren.

Als ich nach knapp neunzig Kilometern wieder auf unseren Hof einbiege, übermannt mich ein zutiefst romantischer Anflug jener Euphorie des großen Entdeckungsreisenden, die mich vor mehr als dreißig Jahren bei meinen allerersten ganz allein unternommenen Fahrradtouren beflügelt hatte. Ich bin beseelt von dem Gedanken, dass es kein idealeres Vehikel gibt, um ein wenig Marie Kingsley zu spielen und gänzlich neue Horizonte zu erschließen, als eben das Velo. Auch heute noch, wo es heißt, jeder Winkel der Erdkruste sei nur einen Mausklick entfernt.

Der erste eilige, patschklackende Gang in triefenden Radschuhen führt mich auf direktem Weg in die Küche.

»Wem gehört das Käse-Schinken-Croissant, wem der Laugenzopf?«, fragt es aus dem unterzuckerten Leib.

»Ich«, sagt der dreijährige Sohn.

»Mir«, verbessert die doppelt so alte Tochter.

»Perfekte Antwort«, denke ich.

»Mir« ist Russisch und heißt Frieden …

 

[Aus dem ersten Kapitel „In den Lodden“.]

 

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