Jacques Faizants kleiner Radwanderknigge

„Wer Rad fährt, ist nicht, wie man vorzugeben beliebt, ein gescheiterter Autofahrer. Ein Wanderer ist er, dem ein Wunder widerfährt.“ So sah es zumindest der französische Künstler Jacques Faizant (1918-2006), dessen Karikaturen fast vierzig Jahre lang Tag für Tag auf der Titelseite von Le Figaro erschienen. Seiner großen Leidenschaft, dem Velo, widmete der bekannte Humorist denn auch einen kleinen Erzählband voller Komik und Poesie, der nun erstmals komplett in einer deutschen Übersetzung erschienen ist: „Albina und das Fahrrad“. Allen, die das besagte Wunder in vollen Zügen genießen wollen, gibt Faizant darin auch diese 15 goldenen Regeln für den (angehenden) Radwanderer mit auf den Weg:

1)      Beim Anblick eines Fahrrads sei die Begeisterung grenzenlos angesichts des außerordentlichen Wirkungsgrades dieser Maschine, die unsere Muskeln praktisch verlängert und so unsere Fähigkeiten auf eine Weise verzehnfacht, dass wir hundert Kilometer mit geringerer Erschöpfung zurücklegen können, als wenn wir zehn zu Fuß gehen würden. Und wenn jemand einwendet: „Ich gehe niemals zehn Kilometer zu Fuß, Gott bewahre!“, so antworte man ihm einfach: „Sie haben recht. Ich auch nicht, übrigens. Zu Fuß gehen, wenn man sich mit dem Fahrrad vorwärtsbewegen kann, ist schlicht und ergreifend Masochismus.“

2)      Es ist unerlässlich, dass ein Velo exakt der Größe desjenigen, der auf ihm zu fahren gedenkt, entspricht. Viele Leute, die man in Erstaunen versetzen würde, wenn man ihnen vorschlüge, mit den Schuhen des kleinen Vetters an den Füßen spazieren zu gehen, springen mit einer fröhlichen Unbekümmertheit auf irgendein Fahrrad und erklären nach zwanzig unglücklichen Kilometern, dass das Velo ganz entschieden ein abscheuliches Fortbewegungsmittel sei.

3)      Der erfahrene Radwanderer weiß nur allzu gut, welch Trugbild eine Straßenkarte doch sein kann. Am Abend, unter der Lampe betrachtet, breiten die Landstraßen ihre roten und gelben Mäander mit einer tückischen Bescheidenheit aus, die einen allzu leicht täuschen kann. Alles scheint eben und einfach, und der Wind weht in der Euphorie der Vorbereitungen natürlich immer aus der richtigen Richtung. Der Col d’Aubisque zum Beispiel ist auf der Michelinkarte eine kleine gelbe Schlängellinie von einigen Zentimetern Länge, die einen nur müde lächeln lässt. In der Realität wird es die meisten beinahe zwei Stunden und mehr kosten, einen solchen Pass zu bezwingen.

4)      Das erste Mal, als ich eine lange Reise mit dem Velo machte, habe ich in riesengroßen Packtaschen, die aussahen wie ein Blasebalg, so viel Wäsche und Wollsachen mitgeschleppt, um eine ganze Infanteriekompanie damit ausstatten zu können. Ich habe all das tagelang mitgeschleppt, hinauf auf atemberaubende Berge und gegen heftige Gegenwinde, und ich habe meine Lektion gelernt. Seit dieser Erfahrung können die Infanteriekompanien sich vor mir auf die Knie werfen, ich habe auf Reisen mit dem Rad kein Taschentuch zu viel dabei, das ich ihnen leihen könnte. In der Tat passiert es, dass ich nicht einmal genug Taschentücher für mich selbst dabeihabe.

5)      Sobald man zu viert oder fünft unterwegs ist, sollte zumindest jemand so tun, als ob er die Probleme der Reise koordiniert. Und dieser jemand sollte nach Möglichkeit eine natürliche Autorität besitzen, die geeignet ist, um zu den ungewöhnlichsten Uhrzeiten von den mürrischsten Wirten die üppigsten Mahlzeiten zu verlangen. Wer den Empfang kennt, den man im Allgemeinen zu erdulden hat, wenn man um neun Uhr morgens ein Omelette mit Speck bestellt, weiß, dass dies eine Eigenschaft ist, deren Wert man gar nicht ausgiebig genug preisen kann.

6)      Eine Reise mit dem Rad, das bedeutet: Tag für Tag, Stunde um Stunde mit seinen Lenden, seinen Armen, seinen Beinen und seinen Lungen, mit sechs Metern pro Sekunde, den Weg anzuknabbern, immerzu zu kurbeln und Kurven zu ziehen, zu klettern, hinabzutauchen und Kilometer zu machen und in seinem ganzen Körper den Eindruck einer Kraft zu spüren, den andere nur erfahren, wenn sie mit der Fußspitze auf das Gaspedal treten. Eine Reise mit dem Rad, das bedeutet: die Dinge und die Leute auf sich zukommen zu lassen in einem wunderbaren schweigsamen Näherkommen, einem Näherkommen, das einer Berührung gleicht, von der jeder Augenblick sich in das Gedächtnis einpflanzen wird, weil man jeden dieser Augenblicke mit seinem Körper und seinem Geist geformt hat.

7)      Öfter bezichtigt man mich des Frevels, ständig mit „der Nase auf dem Lenker“ zu fahren, ohne ein Auge für die wunderbaren Dinge am Wegesrand zu haben. Dabei ich liebe ebenso sehr wie jeder andere die Tropfsteinhöhlen und Kathedralen. Aber ich lege Wert auf die Feststellung, dass der Radfahrer auf Reisen nicht jeden Augenblick anhalten kann, um die Dinge zu genießen und seine Bildung zu bereichern. Jedes Ding hat seine Zeit. Und die römischen Ruinen, die nun schon so lange gewartet haben, dass ich mich für ihr Alter interessiere, um das meinige ein wenig zu vergessen, können ruhig noch ein bisschen länger warten.

8)      Man sei auf den Dummkopf gefasst, der allein beim Anblick eines Radfahrers in Ekstase gerät: „Halt doch den Kopf tiefer, dann siehst du aus wie ein Rennfahrer! Achtung, die Straße macht eine Kurve! Auf der anderen Seite geht es wieder bergab!“ Wenn an ihm ein Reiter, ein Wanderer, ein Autofahrer oder jemand, der einen Leiterwagen schiebt, vorbeikommt, begnügt der Dummkopf sich damit, ihn zu betrachten, ohne etwas zu sagen. Umso besser! Würde man ihn auffordern, doch ein Wort an den Passanten zu richten, würde er sicher antworten, dass er üblicherweise keine wildfremden Menschen anspricht. Das sei eine Frage der Erziehung. Wenn der wildfremde Mensch aber auf einem Fahrrad sitzt, ändert sich alles. Unter allen Himmeln, unausbleiblich und durch eine Art unerklärliches Wunder, entfesselt der Radfahrer den Wortschwall des Dummkopfs. Der Radfahrer und er allein.

9)      Oft passiert der Radwanderer in den Dörfern Ansammlungen von Jugendlichen, die auf Mofas gelehnt sind und sehr dumm spotten, wenn er vorbeifährt. Man belasse es dabei, die jungen Leute zu bedauern, weil das wirklich alles ist, was man für sie tun kann.

10)   Vor einer großen Radreise mache man sich mit der Technik vertraut, mit der man den Rezeptionisten der Hotels einen Herzinfarkt erspart. Möchte man ein Zimmer mit Bad (oder Dusche oder Schwimmbad oder was auch immer), so muss man es mit derselben gelassenen Selbstsicherheit verlangen, als ob man gerade aus einem Rolls Royce aus massivem Gold gestiegen wäre. Sicherlich weigert sich kein Hotel, einem Radfahrer ein Zimmer zu vermieten. Aber die Leute von der Rezeption haben halt ihre Routine, und man sollte nicht ihre vorgefassten Meinungen durcheinanderbringen. Man bekommt immer ein schöneres Zimmer, wenn man sein Fahrrad erst danach erwähnt.

11)   Wer genug Touren gemacht hat, weiß, dass Schwächeanfälle kurz sind für den, der sie überwindet. In Momenten der größten Verzweiflung und Erschöpfung sollte man sich klarmachen, dass man in den letzten Stunden und Minuten vielleicht alles verflucht hat, sich selbst, das Wetter, die anderen Verkehrsteilnehmer, die Verpflegung und die Berge, aber dass einem nicht einen Augenblick lang der Gedanke gekommen ist, sein Fahrrad zu verfluchen. Diese Feststellung ist sehr, sehr tröstlich.

12)   Man bewerte die Klagen seiner Mitstreiter nicht über. Schnell könnte man den Eindruck gewinnen, dass der Radfahrer sein ganzes Leben damit verbringt, sich über den Wind, die Steigungen, den Regen oder die Hitze zu beklagen. Es ist aber nicht so. Während der Konfrontation mit den Unbilden der Wetters stellen sich die Flüche einfach ganz von selbst ein, und sie helfen bei der Anstrengung wie das Ächzen, mit dem der Holzfäller seine Axthiebe untermalt.

13)   Es ist völlig lächerlich zu behaupten, dass es zum Fahrradfahren zu kalt sei, während man am Ticketschalter der Bahn Schlange steht, um in die Berge auf eine dieser verdammten Skipisten zu kommen. Ich habe nichts gegen das Skifahren; das ist ein interessanter Sport. Aber es gibt doch schon einige Unterschiede, ob man sich auf idiotische Weise von einem Seil die Berge hochziehen lässt oder ob man die Berge mit der Kraft seiner eigenen Beine bezwingt. Und es sind gerade diese Unterschiede, die bewirken, dass man auf dem Fahrrad nicht friert.

14)   Radfahrer untereinander erschnuppern sich, erfühlen sich, erraten sich, erkennen sich. Instinktiv. Ein Wort, eine Geste, eine Haltung, und zwei Individuen, die anscheinend geistig gesund sind und sich in der Sekunde zuvor nicht kannten, vertiefen sich in einen esoterischen Dialog, der für die Umstehenden ziemlich verwirrend ist. Es ist jedoch nicht nur so, dass die Radfahrer „in Zivil“ immer ihre aktiven Artgenossen erkennen, sondern dass es manchmal auch umgekehrt der Fall sein kann. Es gibt da einen Trick: Wenn der Mann „in Zivil“ den Radfahrer ansieht, ist er selbst kein Radfahrer. Wenn er aber das Fahrrad (und vor allem dessen Übersetzung) betrachtet, ist er ein Kollege. Man sagt ihm Guten Tag.

15)   Welchen Pfad im Leben auch immer ein Mensch einschlägt, und sei auch Eitelkeit sein Motiv, so ist dieser Weg doch von vornherein geheiligt, sobald er nur zum Velo führt. Gehet hin in Frieden, meine Brüder! Gedeiht und vermehrt Euch!

 

Jacques Faizant: Albina und das Fahrrad
Covadonga Verlag 2011; Broschur, 270 Seiten
ISBN 978-3-936973-66,2; EUR 12,80 [D] 

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