Rower? Rowie? Rowas?

Weil sich gestern jemand per E-Mail wegen des Buchtitels „Alles Rower?“ erkundigte, hier mal eine kleine Herleitung …

Polnische Sprache, schwere Sprache. Selbstverständlich hatte ich mir rechtzeitig vor meinem privaten Friedensfahrt-Reenactment in aller bester Absicht auch Sprachführer für den Auslandseinsatz besorgt – nur um sie gleich nach den ersten verzweifelten Ausspracheversuchen beinahe panisch wieder zur Seite zu schieben … und wieder zu vergessen. Als Bücher mit sieben Siegeln und ebenso vielen zischlautlastigen Konsonanten am Stück.

Bei der Anreise im Nachtzug von Bielefeld nach Warschau beschränkte sich mein Polnisch-Wortschatz folglich –  trotz aller guten Vorsätze – weiterhin auf die rudimentärsten Brocken. Jeden, dwa, trzy. Tak und nie. Proszę und Dziękuję. Dzień Dobry und Do widzenia. Der Allzweckwaffenfluch »kurva« selbstredend. Dazu »walić konia«, die schwer unter männlicher Gürtellinie schürfende Metapher vom zu schlagenden Pferd, die mein Gedächtnis suspekterweise seit Zivildiensttagen in einem Internat für jugendliche Aussiedler nicht müde wird, mit sich herumzuschleppen. Und natürlich Rower und Rowerzysta, Fahrrad und Radfahrer, Ausdruck der polnischen Lust, Lehnwörter zu annektieren und hemmungslos durchzudeklinieren. In diesem Fall bediente man sich halt beim »Rover Safety Bicycle«, dem Prototyp des modernen Fahrrads mit Diamantrahmen, Kettenantrieb und lenkbarem Vorderrad, das seit 1884 von Coventry aus seinen Siegeszug um die Welt antrat. Was dem Erfinder John Kemp Starley ein hübsches Firmenimperium bescherte, das später vor allem für die Automobile der Marke Rover bekannt war. Und eben ewigen Ruhm in jedem Polnisch-Dictionary.

Auch W podrózy, die Bordgazette von ICCC PKP Intercity, hatte dem Rower, wie ich während der elendig langen Zugfahrt ausgiebig Zeit hatte festzustellen, eine Doppelseite in seiner Style-Rubrik spendiert: »Ale rower rowerowi nierówny«. Doch der Radrennsport auf Polens Straßen blieb außen vor. Kein Sylvester Szmyd, kein Szurkowski, kein Piasecki, schon gar kein Wyścig Pokoju (Friedensfahrt). Dafür das Fazit einer soziologischen Studie der Uni Warschau, in der es – »promocji w hipermerkatech« – vermutlich um die Gefahren von Zwei-Zloty-fuffzich-Rädern aus dem Supermarkt ging. Und ein beinahe unheimliches Faible für Reifenmaße: »Rower dla gigantow«, tönte es etwa mit dem Hinweis auf »29-calowymi« und MTB-Pionier Gary Fisher. Offenbar hatte der Trend zur Großspurausgabe des Mountainbikes inzwischen auch die Weichsel erreicht. Mit »26 Calowa« kam derweil auch in Polen noch das »rowery downhillowe« aus. Schon liebäugelte ich mit der Idee, mir in schlechtester Fernfahrertradition noch schnell einen Heckaufkleber zu basteln: »Damen, aufgepasst: Meiner hat 28 Calowa – im Durchmesser«.

Stutzig machte nur, dass die Story mit einem Foto von einer Zusammenrottung altgedienter Hollandräder aus dem Stockfoto-Fundus illustriert war, das eigentlich überall aufgenommen sein konnte. Überall in Münster oder Amsterdam …

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