Tag 1, Kilometer 10: Der Startschuss

Am Warschauer Zoo: die Bären und der Lastesel (liebevoll „Legohr“ genannt, in Anlehnung an den DDR-Jugendbuchklassiker „Streit um Legohr“, eine Geschichte rund um die „Kleine Friedensfahrt“ der Klassen 4a und 4b im fiktiven Dorf Winkeln - und um einen Esel gleichen Namens).

[…] Der Start zur großen Friedensfahrt, das war der ganz große Bombast vor ­vollbesetzten Rängen. Irgendwo zwischen Spartakiade-Ouvertüre und einer Militärparade ohne Panzer. Die Eröffnungsfeier 1952. Sechzigtausend im Armeestadion. Ministerpräsident Josef Cyrankiewicz lässt sich als Ehrengast beklatschen. Die eigentlichen Protagonisten der kommenden zwei Wochen machen vorerst brav Männchen. Aufgestellt in Riegenformation auf dem Rasenkarree. Schon zwei Tage zuvor hat, so Klimanschewsky, der legendäre Marschall Konstantin Konstantinowitsch Rokossowski, »heldenhafter Verteidiger von Stalingrad« und »Lehrmeister der polnischen Armee«, die versammelten Mannschaften willkommen geheißen. Als radelnde Bannerträger »des Friedenslagers, an dessen Spitze die unbesiegbare Sowjetunion steht«.

Nun aber ist Cassmann dran, Chefredakteur der mitausrichtenden Trybuna Ludu, die ihrem Namen »Volkstribüne« an diesem Tag auch buchstäblich viel Ehre macht. Bevor er die Eröffnungsformel aufsagt, buckelt er noch mal wie der sprichwörtliche Radfahrer vor dem großen Bruder mit Hammer, Sichel und Vierkantschnauz: »Ich hoffe, dass diese Friedensfahrt ein wichtiger Beitrag im Kampf der Völker um den Frieden sein wird, einem Kampf, an dessen Spitze die Sowjetunion steht mit ihrem Führer, Josef Wissarionowitsch Stalin.« Auf ein vereinbartes Zeichen hin öffnen Warschaus Geflügelzüchter ihre rund um die Laufbahn verteilten Verschläge. Zwanzigtausend Ratten der Lüfte erheben sich panisch flatternd in eben jene. Dann ist es so weit: »Der Außerordentliche und Bevollmächtigte Botschafter der Deutschen Demokratischen Republik in der Republik Polen, Frau Änne Kundermann, zerschneidet um 15 Uhr das weiße Startband und gibt damit die 2.087 Kilometer lange Strecke frei zum friedlichen Wettkampf um den Sieg in diesem schweren Straßenrennen.«

In Anbetracht der Tatsache, dass zur Mittagsstunde weder Volk noch Tribüne am Beginn der Grochowska zugegen sind, kann ich es bei einer schnell dahingenuschelten Eröffnungsrede belassen, eigens gebastelt aus O-Ton Cassmann und dem Olympischen Eid, der 1952 zeitgemäß gewesen wäre. Aus der Trikottasche krame ich den Spickzettel hervor: »Hiermit erkläre ich meine I. Friedensfahrt Warschau–Berlin–Prag für eröffnet. Ich schwöre, dass ich diese Tour als ehrenwerter Kämpfer bestreiten, die Regeln des Verkehrs achten und mich bemühen werde, pedalritterliche Gesinnung zu zeigen, zur Ehre meiner Familie sowie meines Ausrüsters Stevens Bikes und zum Ruhme des Velosports.«

Nicht kompatibel mit dem veranschlagten Budget für Kost und Logis: Das altehrwürdige Hotel „Bristol“, in dem dereinst in Warschau der komplette Friedensfahrt-Tross residierte.

Sodann bekreuzige ich mich, wie es mir in Polen irgendwie schicklich erscheint, um mir dann selbst ein »All Heil« mit auf den Weg zu geben. Was ja immer – und auf Warschauer Boden umso mehr – ziemlich blöde, gestrig und daneben klingt. Aber es ist nun mal das »Hals- und Beinbruch« der Radfahrer. Unser Drei-Mal-über-die-Schulter-Spucken. Als ich zur Sicherheit auch Letzteres noch zu praktizieren versuche, treffe ich anderthalb Mal die noch ungewohnten Gepäcktaschen an Legohrs Heck. Woraufhin mich ein beinahe panischer Fluchtinstinkt übermannt. Meine Friedensfahrt, sie rollt. […]

Noch im Werden: das neue polnische Nationalstadion am Weichselstrand.

 

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