Rund um Warschau: Impressionen von der ersten Etappe

Die Rache der „roten 50“: Im tiefen, finsteren Schlagloch lauerte eine hundsgemeine Schraube, um sich bis zum Anschlag in den Mantel zu bohren. Schon bei Kilometer 60 war der erste Pannenstopp angesagt.

[…] Das Heilbad Otwock, beliebtes Ausflugsziel gestresster Hauptstädter, bringt ein wenig Luftveränderung. Mächtige Kiefern von beträchtlichem Alter, die teils direkt an die Straße rücken. Herrschaftliche Sanatorien, die einst Tuberkulosekranke verwahrten. Die Świder, wie verwunschen in braunem Modder dahindümpelnd. Manch putzig verwachsene Holzvilla. Und ein ganzes Ge­schwader an Senioren vom Stamme Janek-guck-in-die-Luft, die es sich im Abstand von exakt hundertfünfzig Metern auf dem Rumpelpflaster des ge­meinsamen Rad-Fuß-Wegs gemütlich gemacht haben. Und dort der Dinge harren. Oder des nächstbesten Radfahrers, dem sich etwas hinterherrufen lässt.

Den ersehnten Rhythmus beschert mir auch das nicht. Als Radreisenovize, der erstmals mit prallen Packtaschen ganz allein durch fremde Lande juckelt, stehe ich gerade in der Pflicht, mich mit einem ganz neuen Weltbild anfreunden zu müssen. Sie ist sehr seltsam, diese Erfahrung, aber so sehr ich auch in die Pedale trete, habe ich ­doch – wie es unter Radfahrern heißt – nur das Gefühl,  »höchstens die Erdrotation zu beschleunigen«. Und dabei keineswegs die Welt aus den Angeln zu hebeln, sondern höchstens wichtigen Knorpel-Sehnen-Einheiten dauerhaft Schaden zuzufügen.

Ich komme nicht voran. Die Suppe läuft mir aus dem Helm. Mein Trikot schreit schon nach Rei aus der Tube. Mein Motor ist trotz der noch mehr als überschaubaren Zahlen auf dem Taxameter bereits heiß gelaufen. Die Worte, die Stanislaw Krolak nach seinem ersten Friedensfahrt-Etappensieg in die Mikrofone hechelte, liegen mir auf der sandpapiernen Zunge: »Meine Lunge kocht wie ein Samowar.« Sol imnia regit. Die Sonne regiert alles. Aber in einer Klima-Demokratie, da würde ich den Schatten wählen.

Die Karte verheißt eine schmale graue Linie, die sich durch einen ansehn­lichen grünen Klecks in Richtung des designierten Wendepunktes Kołbiel windet. »Mazowiecki Park Krajobazowy« ist darauf vermerkt. Ein Naturpark. Bestimmt herrlich dichter Wald, der die direkte Sonneneinstrahlung verschlingt und ein reichhaltiges Sortiment frisch aufbereiteten Sauerstoffs darbietet. Doch kaum fünfhundert Meter nach der Einfahrt in den Park wünsche ich mir bereits das Reifenprofil und die Kräfte eines Schaufelradbaggers. Nach weiteren fünfhundert Metern resigniere ich. Die Aussicht, noch zehn Kilometer schlingernd durch tiefen Treibsand würgen zu müssen, lässt rasch die Erkenntnis reifen, dass dies mehr PS und Fahrfertigkeiten verlangen würde, als ich zu mobilisieren verstünde.

Ohne Bindemittel verzehrt der Heidesand im Nu jedweden Vortrieb. Hier hat es seit Wochen nicht geregnet. Umso suspekter wirkt der Wetterschutz über dem Haltepunkt von Waldprozessionen, den ich auserkoren habe, Zeuge eines fulminant missglückten Wendemanövers zu werden. Mehrere Bäume wurden auf Volleyballnetz-Höhe gekappt und mit Bauteilen von Vogelhäuschen versehen, als Baldachin für allerlei Kruzifixe, Nippesfiguren und Miniaturgemälde mit dem Antlitz der Mutter Gottes. Einen Meter weiter ertrinken vier leere Bierpullen im Wüstensand.

Eigentlich ist der öffentliche Genuss von Alkohol, so war per eindringlich formuliertem Dekret zu vernehmen, in Polen mittlerweile unter Geldstrafe verboten. Doch entweder rangieren im Lande drehzahlresistenter Wodkaliebhaber die läppischen fünf bis sieben Volumenprozente, die ein Braumeister im Hause Tatra oder Tyskie zuwege bringt, noch nicht unter Alkoholika. Oder aber das Dekret treibt die Verzweifelten zum Saufen in den Wald.

Der nächste Versuch, Kołbiel mit Hilfe der GPS-Uhr nach dem Himmelsrichtungsprinzip anzusteuern, führt mich mittenmang hinein in das benachbarte Industriegebiet. Weiträumig ist es und verlassen. Von Gott und den Menschen. Straßen so holprig, dass man sein Gleichgewichtsgefühl auch ohne Saufgelage ausschalten kann, und so breit, dass selbst ein Trucker, der sich zuvor im Wald auf Betriebstemperatur getankt hat, noch problemlos in einem Zug wenden könnte. Am linken Fahrbahnrand steht einsam ein Anhänger in der prallen Sonne. Irgendwer schlägt von innen panisch gegen die Plane. Dann fängt es an zu schnattern. Aus dutzenden von langen Kehlen.

Bald darauf endet der Brummiboulevard vor einer verrammelten Tor­einfahrt. Dahinter ragt ein mächtiger Schlot in den Himmel, wie ein Leuchtturm in seinem rot-weiß-gestreiften Dress. Als Landmarke wird er mich in der nächsten halben Stunde auf Tritt und Tritt begleiten. Mich gruselt. Denn als ich den Anhänger zum zweiten Male passiere, schweigen die Gänse. Hinter der Plane ist nun Ruh’.

Die hat sich auch auf Brzezinka und Lukowiec gelegt. Verstreute Weiler, in denen selbst die Hunde den Eindruck machen, als seien sie soeben zurück von einem Kuraufenthalt in Otwock. Freilaufende kleine Bertis, auf deren Wadenbeißermentalität sich vor Reiseantritt viele meiner Manschetten kaprizierten, traben nun klag- und zahnlos neben mir hier. An der prägnantesten Weg­gabelung jeder Ortschaft hockt ein ge­mauerter Marienschrein, geschmückt mit Bändern und Fähnchen, wie die Tiefparterre-Ausführung eines bajuwarischen Maibaums.

Vielleicht hätte ich mich beim Anblick dieser heiteren Arrangements vorsichtshalber noch ein Mal bekreuzigt, hätte ich bereits geahnt, was die nächste Stoppschildkreuzung bringen wird. Das Armageddon für Radfahrer. Die »rote 50«. Eine Straße zum Frommwerden. Fest in der Hand des Schwerverkehrs. Der einzige Weg nach Kołbiel. Fünfzehn alternativlose Kilometer schnurstracks geradeaus durch ausgedehnte Äcker und Kiefernforste. Mir bleibt ein schmaler, maroder Seitenstreifen, der sich bisweilen kritisch verjüngt oder unversehens in Rollsplittverwehungen auflöst. Unter »Sicherheitsabstand«, so viel steht rasch fest, brauche ich gar nicht erst in meinem Pocket-Langenscheidt nachzuschlagen. Das polnische Äquivalent fände sich vermutlich nicht mal in der fünfbändigen Komplettausgabe. […]

Share

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.