Trainspotting in Skierniewice

Impressionen von der zweiten Etappe Warschau-Lodz.

Bei Familie Chopin auf dem Gästeparkplatz: Einer nicht repräsentativen Stegreifstudie zufolge tragen 45 Prozent der in Żelazowa Wola verhökerten Andenkenfiguren das Konterfei von Johannes Paul II., derweil die restlichen 55 Prozent des hiesigen Souvenirmarktes naheliegenderweise auf den Komponisten entfallen, um dessen moralischen Besitzanspruch sich Polen und Franzosen mit einiger Verve balgen.

Endlich – endlich! – ein paar Höhenmeter. Nein, es sind noch keine Hügel, höchstens Dellen. Cellulite der Erdkruste. In sanften S-Linien geht es durch Wiesen, Wälder, Weiler. Und dabei immer mal ein paar Meter hinauf und auch wieder hinunter.

Welch eine Wohltat das doch ist, welch eine Erlösung. Für die Beine, die bis dato mit stetig gleichem Widerstand ihren Trott runterkurbeln mussten und nun ein paar ersehnte Rhythmuswechsel aufgezwungen bekommen. Vor allem aber für den Geist, der ein wenig müde geworden war. In Trance geschaukelt nach etlichen Kilometern schnurgerader, brettebener Allee, die am Horizont flirrte, als spiegele sich dort der wieder hyperaktiv lodernde Lorenz in einem Teich.

Selbst die einzige Straße, denen die Kartografen eine grüne Begleitlinie verpasst hatten, um sie als »landschaftlich besonders reizvoll« zu kennzeichnen, hatte sich als heillose Enttäuschung erwiesen. Unmittelbar zuvor nämlich war, quer zur Fahrtrichtung, bis zu den Horizonten eine breite Schneise in die Landschaft gefräst worden: der angehende, zur Fußball-EM angekündigte Autobahnlückenschluss zwischen Lodz und Warschau. Und so bewegte ich mich inmitten eines Konvois von Lastkraftwagen, die bergeweise Bodenaushub abtransportierten und mit einem formidablen Sandsturm das Gefühl abrundeten, durch Wüste zu rollen. Lediglich die straßenbegleitenden Erlensümpfe passten nicht ins Bild. Doch waren sie längst zu Müllcontainern umfunktioniert worden und bargen genug Pfandflaschen, um eine Reise wie die meine komplett finanzieren zu können. Oder zumindest den Rohstoff für ein originalgetreu im Maßstab 1:96 hergestelltes Lego-Lodz aus PET-Recyclaten.

Nun aber – endlich! – doch eine reizvolle Straße. Lange hat es gedauert, sehr lange. Was auch daran lag, dass ich zunächst noch durch Skierniewice musste, eine Mittelstadt, die mit allerlei Werbebanner und Blumenarrangements den grünen Daumen ihrer Bewohnerschaft rühmt. Doch Skierniewice genießt nicht allein überregionales Renommee als Zentrum des Obst- und Zierpflanzenanbaus, sondern auch als eine Art polnisches Bebra. Als heftig frequentierter Bahnknotenpunkt auf der Strecke Warschau–Wien. Wie heftig, bekam ich am Ortsausgang zu spüren.

Ein Klingeln wie aus einem Telefon für schwerhörige Riesen erfüllte plötzlich den Verkehrsraum, die Ampel über’m Andreaskreuz sprang blinkend auf rot, eine Wärterin tauchte am anderen Ende des Gleisbetts auf und drückte irgendwelche Knöpfe, die Schranken senkten sich, zunächst wie in Zeitlupe, dann mit einem finalen Ruck. Und ich hatte die Pole Position inne, war die Nummer eins der sich alsbald formierenden Warteschlange.

Nachdem die Schranken unten sind, dauert es ewig, bis der Zug einrollt. Und just, als er durchgerauscht ist, klingelt wieder Rübezahls Telefon und kündigt Gegenverkehr auf dem anderen Gleis an. Ein perfides Spielchen, das sich noch weitere drei Mal wiederholt. Ich erliege kampflos dem Gefühl, hier würde ein und derselbe Zug – als besonderer Service für Trainspotter, die nicht schnell genug den Auslöser gefunden haben – immer wieder hin- und herfahren. Und was noch verwunderlicher ist: Keiner regt sich auf. Keiner stimmt ein Hupkonzert an, das sich zu einem Impro-Orchester der tausend Tröten auswächst. Keiner kurbelt das Seitenfenster herunter, um mit sich überschlagender Stimme die Schrankenwärterin das Gegenteil einer Nonne zu heißen und die Bahn-Vorstände im fernen Warschau der Sodomie zu bezichtigen. Alle pneumatischen Räder stehen still … und auch die Zeit.

Doch kaum gehen – nach handgestoppten 24 Minuten und 36 Sekunden – die Schranken wieder hoch, ist es mit der Gelassenheit urplötzlich vorbei. Jetzt herrscht wieder freie Fahrt für endlich freie Bürger, und das wird, auf Jaruzelski komm raus, auch ausgenutzt. Es wird gedrängelt, gehupt, in unübersichtlichen Kurven überholt. Und das auf meiner ersten polnischen Straße, bei der ein Tempolimit per Verkehrszeichen begründet wird: unebene Fahrbahn. Man kann sich die Kraterlandschaft vorstellen.

Bald darauf aber bin ich dann tatsächlich allein, allein auf welliger Flur, sammle endlich ein paar Höhenmeter, die nicht aus der Addition von Schlaglochzentimetern resultieren. Noch bewegen sich die am Stück zu überwindenden Höhendifferenzen im Zahlenraum des ersten Schuljahrs, und doch ist das ein Heidenspaß. Ausgiebig gönne ich Kopf und Beinen die freudbetonte Abwechslung jener anarchischen Trainingsform, die zumeist als »Fahrtspiel« bezeichnet wird. Lust und Laune bestimmen Tempo und Übersetzung.

Zuschauer habe ich dabei nicht. Ein Hund, ein Hahn und ein paar faule Schweine sind für etliche Kilometer die einzigen Lebewesen, die mich vorbeischleichen oder -kacheln sehen. Kein Mensch ist auf der Straße. Dies könnte durchaus der Landstrich sein, der den Operettenlibrettist Fritz Löhner-Beda inspiriert haben mag, die rural-urbane Mobilität zu thematisieren und den ominösen Theo zur Landflucht ins noch rund fünfzig Kilometer entfernte Lodz aufzurufen: »Gott verlass’nes Dorf, nur Heu und Torf …« […]

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