The German Master in den französischen Alpen

Eine Woche noch, bis endlich der Sporthöhepunkt des Jahres beginnt. Höchste Zeit also, Landkarten und Streckenprofile zu studieren, das Zelt durchzulüften und die Packliste fürs Wohnmobil zu schreiben. Andreas Beune über das Erlebnis, die Tour de France aus der ersten Reihe zu sehen.

Das Vorprogramm: Helden aus Pappmaché.

Um Frankreich zu verstehen, muss man nur über die Schweiz in das Land einreisen.

In der Schweiz lernen Kinder schon früh das Steuerschlupflöchern und das Raushalten aus Konflikten. Die Wirtschaft floriert, deswegen gibt es in der Schweiz gepflegte Autobahnen und Chocoladenconfisseure. Hinter der Grenze liegt eine andere Welt mit schiefen Häusern, kaugummiverklebten Straßen, mit Bäckereien und Gaststätten im Übermaß. Mit anderen Worten: Die einen können mit Geld umgehen, die anderen mit dem Leben. C‘est la vie.

Bei der Tour de France feiert sich Frankreich selbst. Egal wo die Karawane langzieht, gibt es Stadt- und Dorffeste sowie Egalité, Fraternité, Liberté toujours. Den Franzosen ist es dabei weniger wichtig, wer die Tour gewinnt. Mögen die Sieger der Rundfahrt Kälbermastmittel zum Frühstück inhalieren – wer am Straßenrand steht, kriegt im Vergleich zum gut informierten TV-Zuschauer sowieso kaum etwas mit. Viel wichtiger ist, dass der zum Betrachten des Spektakels geöffnete Rotwein nicht korkt.

Ja, wo bleibense denn? Um sich die Wartezeit zu vertreiben, haben es sich Publikum und Rennräder im saftigen Hochalmgras gemütlich gemacht.

Und damit wären wir bei den enormen Vorzügen der Tour de France. Die Austragungsorte sind Berge, Städte und Dörfer und keine gleichförmigen Stadien mit überteuerten Tickets und eintöniger Verpflegung. Man sitzt nicht wie im Fußballstadion neben volltrunkenen Kegelclubgrobianen oder kraftausdruckmeidenden Familienspießern. Man hält sich nicht in stickigen Handball- und Basketballhallen auf, in denen ein von permanenten Musikeinspielern weichgespültes Publikum mit aufblasbaren Kunststoffklatschhänden hantiert oder sich hemmungslos dem aus der Volksmusikrezeption adaptierten rhythmischen Sportklatschen hingibt.

Die Tour de France in den Bergen ist Völkerverständigung unter frischer Luft. Wer immer schon einmal mit besoffenen Luxemburgern zelten, mit betrunkenen Belgiern grillen, mit nüchternen Norwegern tanzen, mit Ostdeutschen um die Wette Stromaggregator-Anschmeißen oder mit Engländern Versautes auf die Straße schreiben wollte, hier kann er sich austoben – in einer Welt irgendwo zwischen Internationalem Friedens-Zeltcamp sozialistischer Jugendgruppen und dem Roskilde-Festival.

So kann man zum Beispiel prächtig miteinander ins Gespräch kommen, auch ohne sich zu verstehen. Beispielhaft seien Erlebnisse aus der Alpenstadt Morzine wiedergeben, die sich am Tage einer Tour-Etappe zugetragen haben.

Ebenfalls angereist nach Morzine-Avoriaz: die belgische "Oberkörper frei, Hinterteil gepolstert"-Fraktion.

„You are from Tschechen? Then you hope for Kreuziger today!“, wollte da am allerfrühesten Morgen der männliche Part eines Camperpärchens mit ostdeutschem Akzent von seinem Zeltnachbarn mit Tschechien-Fahne wissen.

„Mmmh. And you?“

„Do you know Christian Knees? No? He was yesterday in the, äh, Ausreißergruppe! He is the, äh, wie heißt das noch gleich, he is the german Master!“

Die Tschechen guckten etwas verschreckt. German Master – davon hatten sie doch im Geschichtsunterricht gehört, das klang verdächtig nach Blitzkrieg. Dann guckten sie aber die lächelnden, bebrillten Ostdeutschen an und lächelten zurück. Sie wussten: Von diesen Deutschen wird keine Gefahr ausgehen. Von ihnen nicht und ihrem Deutschen Master auch nicht. [Knees beendete, damals im grenzüberschreitend belächelten fleckenübersäten Kuh-Dress des Team Milrams fahrend, die Tour auf Platz 91, knapp 3 Stunden hinter dem Sieger.]

Sport und Musik "umsonst & draußen". Die Bierpreise haben am Schlussanstieg der ersten Alpenetappe indes durchaus Nobeldisco-Niveau.

Etliche Kilometer höher schlugen wir unsere Zelte in direkter Nachbarschaft einer italienischen Großfamilie auf. Einer der jüngeren Familienangehörigen musterte uns neugierig. Sein Blick fiel auf unsere hochroten Köpfe und Arme, die Dosennahrung, zahlreiche Bierflaschen.

„Inglaterra?“, fragte er.

„Nö, german“, antworten wir verlegen, aber wahrheitsgemäß, woraufhin der junge Mann verschwand, um kurze Zeit später mit einem Schäferhund wiederzukommen und in akzentfreiem Deutsch „Wuff Wuff“ zu sagen. Wir taten so, als ob uns das nicht zum ersten Mal widerfahren würde.

Wenige hundert Meter vor dem Ziel lag eine kleine Kneipe, vor der eine dreiköpfige Schülerband ordentlich rockte. Sie hatten ein kleines Schlagzeug und eine Gitarre mit Verstärker ausgepackt und unterhielten die Streckenbesucher ganz ohne Auftrag irgendeiner Stadtlandfluss-Marketinggesellschaft. Mit etwas gutem Willen konnte man Songs von AC/DC oder den White Stripes erkennen. Dann sangen sie einen alten Hit der Punk-Bewegung: „A.C.A.B.“, was je nach Qualität eines Computer-Übersetzungsprogrammes zum Beispiel als „Bei nicht wenigen Ordnungshütern ist die Elternschaft unklar“ verstanden werden kann. Die drei Rockmusiker wussten als allen Fremdsprachen bekanntlich mäßig wohlgesonnenen Franzosen vermutlich ebenso wenig, was sie da sangen, wie die freundlichen Gendarme an der Streckenabsperrung, die rhythmisch mit ihren Köpfen wackelten.

Wie heißt eigentlich die weibliche Form von Flic? Egal, die junge uniformierte Dame stört sich auf jeden Fall nicht an der Beamtenbeleidigung, die am Col de la Joux Verte zu maximal drei Akkorden aus den Boxen dröhnt.

Weil bei der Tour die Welt zu Gast in Frankreich ist, versuchen sich die Franzosen in Weltoffenheit. Als die Rundfahrt einst die Vogesen durchquerte, trieben uns Hunger und Durst in die Arme eines Restaurants, das sich seiner internationalen Gästeschar bewusst war und deshalb eine vielsprachige Speisekarte servierte. Wir entschieden uns für das Gericht „Schweinelende tunkt die Alte“ – zu unserer Enttäuschung wurde uns jedoch bloß ein branchenübliches Schweinesteak mit traditioneller Sauce serviert.

Natürlich, die Tour de France ist Kommerz. Aber selbst das deutlichste Zeichen dafür ist in seiner Art einzigartig beknackt: die Werbekarawane, die dem Fahrerfeld in so großem Abstand vorauseilt, dass nicht einmal Johnny Hoogerland auf Solopfaden sie jemals einholen dürfte. Umfragen der Veranstalter wollen herausgefunden haben, dass der Großteil der Zuschauer nur wegen der Geschenkaussichten an der Strecke weilt.

Bunte Fahrzeuge machen Reklame für Süßigkeiten, Waschmittel, Tourismusregionen. Überdimensionale Gummienten und Löwen fahren vorbei, tanzende Studenten werfen Mützen, Weingummi und Käsecracker in die Menge. Es ist ein infernaler Krach, der andernorts als „Carnival der Kulturen“ durchgehen würde.

Die Tour de France ist natürlich auch eine Qual – und zwar nicht nur für die Teilnehmer. Wenn die Rundfahrt durch die Alpen oder Pyrenäen führt, sind die Straßen am Renntag gesperrt, sodass Tausende von Hobbyfahrern sich Hunderte von Höhenmetern abmühen. Alles ist dabei. Von Menschen, die an Klausi Beimer und Iffi Zenker auf einem Tandem erinnern, bis zum toptrainierten Amateur-Profi, der mit dem Satz „Schatz, ich dreh mal ne kleine Runde“ eine Ehekrise heraufbeschwört, weil die Runde mindestens 150 Kilometer lang ist. So ist es denn auch normal, dass sich die Alltagsfahrer am Alpengipfel mit einem Eigentümer eines Profiteams wie Bob Stapleton austauschen, der seinerseits die Strecke abgefahren war.

Vom Karawane gucken über bilaterales Grillen bis zum verschwitzten Meinungsaustausch mit lycraumhüllten Team-Offiziellen: Wer die Tour de France besucht, kann manches erleben. Wirklich zweitranging, wer da gewinnt. Darauf ein baskisches Kalbsschnitzel.

 

Hat gerade Gelb und die Tour de France 2010 verloren: Cadel Evans kurz hinter der Passhöhe des Col de la Madeleine. Im Jahr darauf trug er das Maillot jaune dann bis nach Paris. Und 2012?

Von Andreas Beune erschienen im Covadonga Verlag die Bücher „Rennfahrerblut ist keine Buttermilch. Das Buch der Radsportzitate“, „Did not Finish“ und „Kette rechts! Im großen Gang durch das unnütze Radsportwissen“. Zuletzt veröffentlichte er zusammen mit Volker Backes und Christoph Ruf im Verlag Die Werkstatt das Buch „Ohne Fußball wär’n wir gar nicht hier.Geschichten von Fans in der Midlife-Crisis“.

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