Das Dilemma polnischer Straßen – Impressionen von der 3. Etappe (Lodz–Tschenstochau)

Die Frage der Etappe speist sich aus dem steten Dilemma des Radreisenden in Polen: Folge ich einfach der Hauptstraße oder suche ich mir eine Route über Nebenstraßen und Wirtschaftswege? Will ich vorankommen, will ich »Strecke machen« auf einer viel befahrenen Direttissima, oder möchte ich ein wenig mehr vom Land sehen und Ruhe haben vor Rasern und Schwerverkehr? Will ich es wie dereinst Täve & Co. an Tag drei bereits bis an die Nahtstelle von Chorzów und Kattowitz schaffen, ins montaninfarktgeschwächte Herz des oberschlesischen Industriereviers, oder gebe ich mich an diesem Samstag vielleicht mit einem Zwischenziel zufrieden? Will ich hyperventilieren wegen kritischer CO2-Konzentrationen oder lieber, weil die asphaltierte Wegdecke mal wieder in einem Weiler im Niemandsland verreckt?

Erfordern auf dem Weg von Lodz nach Tschenstochau zusätzliche Umwege: weiträumig zu umkurvende Tagebaulöcher der Superlative.


Ich entscheide mich für die Variante Eintagesklassiker nach belgischer Lesart. Das heißt: zum Einrollen einige Kilometer geradeaus auf der für Brummirennen und Selbstversuche des Robert-Kubica-Fanclubs gebauten Überlandchaussee, dann im Zickzack über die Dörfer, die von einem »Straßen«-Netz zusammengehalten werden, das sich im Luftbild ausnehmen muss wie das Schnittmuster für die irrsten Kreationen einer John-Bock-Modenschau.

Das trifft sich ganz gut, denn schließlich ist so eben noch April, der Wonnemonat der Klassikerjäger. Jener zähen, auch bei der Friedensfahrt stets aussichtsreichen Athletenspezies, die erst richtig aufdreht, wenn die Kletterflöhe auf dem Knüppelpflaster herumhüpfen wie Ping-Pong-Bälle. Vor allem aber soll diese Etappe letztlich im Wallfahrtsort Tschenstochau enden. Und der beherbergt mit dem Grand Prix Jasnej Góry-Czestochowa nicht nur eines der am höchsten eingestuften polnischen Eintagesrennen, sondern bietet mit eben jener Jasna Góra auch den idealen Schlussanstieg: einen Kirchberg, eine über der Stadt thronende Festung, die jedes Kind im Land kennt. Genau wie in Belgien die von der Liebfrauenkapelle gekrönte Muur van Geraardsbergen oder die Mur de Huy hinauf zur Zitadelle, mithin die Schlüsselstellen der Flandern-Rundfahrt respektive des Wallonischen Pfeils.

Umwege sind also das Salz dieser Etappe: Nach wenigen Pedaltritten verhieß am Ortsausgang von Lodz ein Schild an der Staatsstraße noch: »Katowice 180 km / Czestochowa 112 km«. Als ich jedoch am Ende der Etappe in Tschenstochau einen Blick auf den Radcomputer werfe, weist dieser als Tagesstrecke

»166,5 km« aus. Ein Verhältnis von Luftlinie und effektiver Distanz, das ebenfalls klassikerkompatibel ausfällt. Wenn auch nicht ganz so beeindruckend wie beim Amstel Gold Race, dessen Organisatoren es Jahr für Jahr gelingt, eine Weg­strecke von 250 Kilometern auf einer Fläche von 30 mal 30 Kilometern unterzubringen, sodass sich manch Teilnehmer alsbald in einer Achterbahn wähnt.

Auch mich beschleicht an diesem Tag mehrfach das Gefühl, im Kreis gefahren zu sein, und es lässt sich schwerlich verscheuchen. Und schon gar nicht der Verdacht, vornehmlich Wege zu nutzen, die sich auch als Versuch polnischer Straßenbauer werten lassen, die Anlage von Serpentinen erst mal ohne Not, Sinn und Verstand im welligen Flachland zu üben, bevor man sich an die Erschließung der Hohen Tatra wagt. In der Praxis wird sich so manche Straße, die sich im Maßstab 1:250.000 wie eine gerade Linie ausnimmt, als ausgewachsenes »S« erweisen. Oder – wenn man sich bei der Navigation davon verwirren lässt, dass es manche Dörfer in den Ausführungen »Duze« und »Małe« (Groß und Klein), »Stary« und »Nowa« (Alt und Neu), »Pierwszy« und »Drugi« (I und II), »Ksieze« und »Szlachecki« (Geistlich und Herzöglich), »Kolonia« und »Logota« (Siedlung und keine Ahnung) gibt – mitunter gar als »ß«. […]

Aus dem 9. Kapitel „Ganz klassisch“ (S. 115-123).

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