„Wo ist denn dein Motor?“

Da das Protokoll der Friedensfahrt 1952 jeden Nachmittag ein Aschenbahn-Finish vor vollbesetzen Rängen vorsah, geriet meine Rad-Tour auf den Spuren von Täve & Co. in gewisser Weise auch zu einer Groundhopping-Tour. Ohne die Absicht und Möglichkeit, auch nur ein Spiel zu sehen, führte mich der Weg von Stadion zu Stadion-Baustelle – darunter auch Spielstätten der just zu Ende gegangenen EURO 2012. Zum Beispiel in Breslau, wo es allerdings nicht das neue Stadion Miejski war, das mich in seinen Bann zog …

Ortsschild Breslau. Die erste von letztlich gefühlten drei Dutzend im Stadtgebiet überquerten Brücken. Wie große, bereits in wirksame Anschlagwinkel gebrachte Fliegenklatschen lugen vier Flutlichtmasten über die Wipfel hinterm Treidelpfad. Das Stadion Olimpijski, auf dessen Aschenbahn einst manch Etappenfinale der Friedensfahrt ausgefochten wurde. Und das aus der Nahdistanz dann keineswegs an Ausstrahlung einbüßt. Wie eine schwachbrüstige, allzu fragile Persiflage auf die großen Lastenkräne der Baustellen von Warschau wirken sie nun, die vier Masten, von ihrem Fuße aus, der sich außerhalb der Stadionmauern in den Boden krallt. Wahrhaftig ein Ziegelmauerwerk ist dieses Stadion, ein ganzes Fort aus Backstein. Hier und da geben Gittertore aus spitzen Lanzen den Blick ins Innere frei. Auf die flachen Stehtraversen, der Unterrang ungeschützt in der Sonne, der Oberrang, gesäumt von hunderten Streichholzpfeilern, wie ein Separee im Dustern. Ehrfürchtig wandert das Auge hinauf zum hohen Uhrenturm, der ein wenig unentschlossen im Zentrum der Gegengeraden herumsteht.

Es ist seltsam, aber ein Ort wie Breslaus einstige Schlesierkampfbahn, gebaut allein für die Größe des Augenblicks, für die besten 90 Minuten der Woche, erweist sich als weit besser geeignet als alle geplanten Gedenkstätten, um das Erinnern zum simplen Reflex zu machen.

In meinem Fall ist es die rückwärtige Ansicht der Anzeigetafel über der Ostkurve, die den Sturzbach der Erinnerung in Wallung bringt. Alles andere als ein Schmuckstück ist diese Tafel, fürwahr, pragmatische Baumarktware aus der großen Zeit des Weltblechs. Wie zufällig streift der Blick diesen Magnet bangen Augenmerks in der verwaisten Pilgerstatt, und ich bin wieder leicht und klein, schwänze ein E-Jugend-Spiel im Moddenbachstadion und pilgere auf den Fußballolymp der Region.

Das Grummeln vor dem Anpfiff. Der hohe Mast mit den bei Bedarf zuschaltbaren Extralux als erster Anlaufpunkt. Alpecin-Turm heißt er im Munde des Mobs, dank Anzeigenschaltung des örtlichen Haarwässerchendrogisten. Heim und Gast, nullnull und sonst weiter nichts sagt die wortkarge Anzeige über den schwarz-weiß-blauen Mützen. Nur ein paar Meter weiter, direkt unterm Block der zu allem bereiten und angeheiterten Kuttenkrieger, ein Zwinger mit Stacheldrahtrollen bewehrt. Da müssen sie kommen: die Spieler, wie durch einen Raubtiertunnel werden sie in die Manege ausgespuckt. Doch Kinderaugen lugen himmelwärts. Fast bis zur Sonne ragt die Holztribüne, die zu erklimmen ist, nur das Bett vom Gerüstbauer, auf dem sie ruht, erregt mehr Sorge als Vertrauen … Wie sie wackeln die Planken, wie sie bebt, die Erde aus Holz, nach jedem Tor. Das Irrsinnsgedränge nach Spielschluss, Johlen, Gepöbel, zwei letzte Drucklufthupen, Schieben und Schubsen, kein Vor, kein Zurück, dann ein Sog, keine Luft mehr, kein Himmel und nur die Furcht, so banal und so greifbar, zwischen Stiefeln und speckigen Jeans aufgerieben und zertrampelt zu werden. Die Hand des Vaters, die zupackt und alle Zweifel ausräumt, dass sie jemals loslassen könnte. Komme, was wolle.

Ich sehe all das wieder vor mir, ganz klar und mit seligem Lächeln, und ich weiß: An einem Ort, der solche Erinnerung weckt, sollte ich nachholen, was ich in Warschau, Lodz, Chorzów bisher versäumt habe. Im Olimpijski eine Runde auf der originalen Asche drehen, auf der sie zu Büffelherden wurden und unter Einsatz aller Watt um Reifenbreiten feilschten. Jene Friedensfahrer, an die ich – wen auch immer – zu erinnern zu versuche.

Ich rüttele an den Lanzentoren, doch sie sind fest verschlossen. Ich werde bei dem Herrn in Arbeitskluft vorstellig, der an der Außenhaut des Stadions mit zerlegten Werbebanden herumfuhrwerkt und offenbar zum Personal der Betreibergesellschaft oder des städtischen Bauhofs gehört. Doch auch sein Mund bleibt zunächst fest verschlossen.

Unter Rückgriff auf alle Would-Could-Please-Höflichkeitsfloskeln, die mir auf die Schnelle einfallen, frage ich freundlichst an, ob es nicht unter Umständen, ganz vielleicht, möglich wäre, dass er die Freundlichkeit besäße, mir doch bittebitte ein Tor zu öffnen, damit ich, natürlich ohne ihm dabei auch nur die geringsten Umstände zu bereiten …

Eisiges Schweigen.

Unter Rückgriff auf meine begrenzten pantomimischen Fähigkeiten wiederhole ich die Frage ein wenig energischer.

Heiseres Gelächter.

Die Heiterkeit löst sich in einem Schnauben und Achselzucken auf, das vermutlich besagen soll: „Es tut mir ein wenig leid, aber ich bin hier nur ein Hiwi, der nichts zu sagen oder zu erlauben hätte, ich trage zwar schwer, aber nur im physischen Sinne, die Verantwortung aber, die tragen halt andere, und die sähen so was bestimmt gar nicht gern, und überhaupt, allein aus versicherungstechnischen Gründen …“ Nach einer präzise bemessenen Kunstpause lässt er die Bande sinken und mich in verb- und höflichkeitsfreiem Englisch wissen, dass es mir ja wohl an ein paar PS mangeln würde.

Ich mache große Augen und tätschele besänftigend des Oberrohr meines Fahrrads. Der kräftige Onkel hätte das gewiss nicht böse gemeint.

Naja, bekomme ich gesagt, mir fehle da ja wohl ganz offensichtlich ein Motor.

Beseelt von lauter unlauterem Hochmut in Folge des vormittäglichen Überangebots an Rückenwind fällt meine Antwort mindestens drei Spuren zu theatralisch aus. Ich fasse mir ans Herz.

Da schnaubt er erneut, der Herr über die Bande. Fahrrad gefahren würde hier schon lange nicht mehr. Fußball gespielt übrigens auch nicht. Das Olimpijski sei doch eine Speedway-Arena, versucht er wohl zu erklären. Polnische Ekstraliga. Europäischer Speedway Grand Prix. Jason Crump, der Serienweltmeister, als Käpt’n des örtlichen Teams. An guten Tagen dreißigtausend Zuschauer, die einen Heidenrabatz veranstalten und eine Bengaloshow, für die allein sich das Eintrittsgeld schon lohnen würde.

Speedway als polnischer Nationalsport? Das erklärt so einiges. Die todesverachtenden Kawasaki-Piloten von Jelcz und die Dragster-Starts der Fiats von Warschau.

Im Sportpark Leerbeutel von Breslau. "Fünf vor zwölf" war schon vor einer Stunde ... Und das real-existierende Olympische Motto in Polen hat eigentlich mehr von "Tiefer (gelegt), schneller, lauter". Was immer das auf Latein heißen mag.

Erst jetzt, nach Tagen, fällt es mir auf: Mit Ausnahme der drei, vier leichten Athleten, die gerade auf der benachbarten Tartanbahn im Sportpark Leerbeutel ihre Runden drehen, mit Ausnahme der sehr, sehr vereinzelten mal etwas flotteren Radfahrer und der frommen Jazztanztruppe von Oppeln war sportliche Betätigung bis dato ein absolutes No-go in polnischen Stadt- und Landschaftsbildern. Wenn der gemeine Pole es wagt, in der Öffentlichkeit Sport zu treiben, dann achtet er dabei tunlichst darauf, dass ihn Karosserien oder Vollvisierhelme vor den Blicken der Mitmenschen schützen. Und darauf, dass sich die körperliche Ertüchtigung auf die Aktivierung von Einspritzsystemen und Turboladern beschränkt.

Erst jetzt, nach Tagen, fällt mir auf, was ich vermisse: Wo sind die bolzenden Kids in den Parks, in Hinterhöfen, auf den Spielstraßen? Wo die Jogger auf Ufer- und Radwegen? Wo die nordisch wandelnden Gefahrenquellen, die Damenfechtkränzchen mit beidhändigem Floretteinsatz? Der Schweiß im öffentlichen Raum, er muss ein Tabu sein, im Lande des EM-Gastgebers von 2012.

In dieser Hinsicht liegt Schlesien offenbar auch nicht näher an Deutschland als Warschau und Masowien. Und mich überfällt eine leise Ahnung, was all die skeptischen, durch nichts in ihrem unerbittlichen Argwohn getrübten Blicke fragen wollen, die seit der Ankunft am Bahnhof Warszawa-Centralna auf mir lasten: Junge, fehlt dir nicht was? Wo ist denn dein Motor?

Aus dem 15. Kapitel „Himmelfahrt mit Pinguinen“.

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4 Gedanken zu „„Wo ist denn dein Motor?“

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