Lieber Eingeweide

Vier Uhr. Sagt der Wecker, der tagsüber Handy ist. Brautpaar und Gäste haben noch nicht genug. Zack-zack-bumm bollert es aus der Tiefe. We will rock you mit den Mitteln des synthetischen Dancefloor.

Halb sechs. Ein neuer Takt. Leises Trommeln hat eingesetzt und durchaus meditative Wirkung. Zumindest, solange meinem schlaftrunkenen Geist noch nicht bewusst ist, woher es stammt. Dann zucke ich schreckhaft zusammen. Denn es ist der Regen, der sanft ans Dachfenster klopft. Direkt über meinem Kopf. Ich erinnere mich. Der ungelenke Herr im Sakko, den ein landesweit zu empfangender Bildfunksender gestern Abend gegen die Konkurrenz von ­Klerus-, Casting- und Operetten-Shows auf Quotenfang schickte. Wie er sich im bösen Blick übte. Wie seine Rechte mit militärischem Ruckzuck hervorschnellte. Im nicht gerade treffsicheren Versuch, auf Zahlen zu weisen, die einen merklichen Temperatursturz verhießen. Und auf finsterstes Gewölk mit drei Schrägstrichen darunter. Regen mit Steherqualitäten. Ich will gar nicht erst daran denken. Das klappt ganz gut. Ich nicke noch mal ein.

Viertel nach sechs. Ich bin das nächste Mal wach. Dabei herrscht nun selige Ruh’ über Legnicas Wipfeln und Firsten. Das Trommeln hat aufgehört. Grund genug, sich noch mal genüsslich zu wälzen, im Kingsajz-Bett für Doppel- und Dreifachzentnerduette, und von einem Tag zu träumen mit kräftigem Rückenwind und transpirationstötenden Temperaturen. Dann fällt ein Blick, unvorsichtig wie er ist, auf das Dachfenster. Und das Herz rutscht im Nu ins Schaumstoffpolster. Die Aussicht auf den morgengrauenden Himmel über Legnica ist auf einmal blickdicht verhüllt. Was ja nicht schlimm wäre, wenn der neue Vorhang nicht verdächtig nach einer Schneedecke aussehen würde.

Plötzlich blickdicht verhüllt: die Aussicht aus dem Dachfenster in Legnica.


Legnica. Ausgangspunkt der neuen Eiszeit. Von hier aus brachen 1968 die sowjetischen Truppen in die Tschechoslowakei auf, um Prager Frühling den Garaus zu machen. Von hier aus muss ich nun womöglich zu einer ungeplanten Polarexpedition aufbrechen. Gestern noch sommerliche Anwandlungen vor Rapskulisse, nun über Nacht ein formidabler Wintereinbruch?

[…] Die ersten Meter fahren sich ungewohnt. Mit der Plünderung der Packtaschen hat sich der Schwerpunkt des Mensch-Maschine-Systems spürbar verlagert. Und ein wenig seifig geworden ist es schon, das Geläuf in Legnica. Spiegelglatt aber glücklicherweise nicht. Noch will der Schnee auf den Straßen nicht recht liegen bleiben. Nicht in den engeren Grenzen der Innenstadt. Lieber vermengt er sich mit Splitt und Feinstaub und den Hinterlassenschaften, die von Hundesöhnen und anderen Pottsäuen in den öffentlichen Raum geworfen wurden. Im Paket pappen diese Zutaten an Felgen und Bremsen. Legohrs Vorderrad beginnt schon bei Kilometer anderthalb durchdringend zu knirschen. Es klingt, als würde ein renitenter Rütli-Schüler die Kreidetafel bearbeiten. Mit der Zirkelspitze.

Soll man bei dem Mistwetter wirklich losfahren? Am Morgen des Nationalfeiertags lassen Polens Landesfahnen und radwandernde Gäste bibbernd die Köpfe hängen.

Auch ein alter Bekannter meldet sich zu ungewohnt früher Stunde dienstbereit. Der Schnottfaden namens Ole-Einar hängt mir schon wieder am Kinn. Ich fürchte, heute wird er gefrieren. Ein einziges Automobil tastet sich vorsichtig, ganz vorsichtig voran durch die Südstadt. Auf dem Dach ein blaues Schild, das vor einfallsreichen Lenkmanövern warnt. Ein Fahrschüler nutzt die seltene Gelegenheit der ungemütlichen Feiertagsfrüh, um einmal ganz in Ruhe zu üben, ohne Kawasaki- und Dragster-Piloten im Nacken.

Der Schneefall wird dichter. Und es geht leicht bergauf. Vorerst nur eine läppische Anhöhe, aber genug der Höhenmeter, um Ängste weiter zu schüren. Denn ich weiß: Heute könnte es bergig werden. Die Originalroute leistete sich auf dem Weg nach Görlitz einen kleinen Schlenker südwärts, der Sudetenausläufer zu streifen droht.

Vorerst liefert ein kleiner Grünzug effektiven Anschauungsunterricht zum Mikroklima europäischer Mittelstädte. In der Frischluftschneise, ohne die Abwärme von menschlichen Behausungen und Lichtquellen, denken die frisch auf Asphalt gefallenen Flocken gar nicht mehr daran, im Nu zu schmelzen. Ich beginne, zwei sich tänzelnd kreuzende Spuren in Schnee zu malen. Der Kopf müht sich unterdessen mit simplen Kalkulationen. Ein Dreisatz, der auf der Annahme beruht, dass im Winter eine gewisse Proportionalität zwischen dem Höhenunterschied eines Ortes gegenüber Amsterdam und der jeweiligen Schneefallmenge besteht. Als das Resultat vermeldet wird, versuchen die Mimikmuskeln, Brauen und Stirn in Falten zu werfen. Vergeblich. Alles eingefroren. Am Nationalfeiertag gibt’s Botox für umme. Tausend kleine Nadelstiche inklusive.

Der Ortsrand naht. Ich treffe auf den Südring. Ein Kreisverkehr stellt mich vor Entscheidungen. Eigentlich müsste ich geradeaus. Aber ich will da nicht hin. Alles sträubt sich, in dieses Meisterwerk des Tonalismus einzutauchen, so eindringlich, so atmosphärisch dicht, wie es seine trübsinnige Botschaft vermittelt. Nocturne in Grau und Weiß. Kupferhütte im Schneesturm. Das Asphaltband versinkt in etwas, das fast aussieht wie Tiefschnee. Ungeachtet des riesigen Schmelzofens, der es vermutlich säumt. Schon beim leisesten Gedanken an Vorgebirge wird mir mulmig. Ich krame die Karte raus. Polen Südwest. Ein leicht muffiger Lappen inzwischen, aber mit wichtigen Informationen. Ich fahr’ lieber auf Nummer sicher. Zu verwinkelt erscheint die Originalstrecke, zu verwaist die Landstriche, die sie erkundet. Ich will nicht durch Arktis irren. Ich will zurück auf die rote Route ninetyfour, die mich schon nach Oppeln gebracht hat und aus Breslau heraus. Die ein wenig Orientierung verspricht und auf halbem Weg nach Görlitz eine Stadt von nennenswertem Ausmaß, in der sich bestimmt ein Café findet zum Aufwärmen. Ich bin schließlich nicht auf Krakauers Spuren unterwegs. Das Vorbild heißt Krolak, dessen Lungen dereinst fauchten wie der brennende Samowar. Es ist nicht lange her, da ging’s mir genauso. Jetzt ist meine Atmung eine Nebelmaschine. Und auf Legohrs Zügen da liegt schon der Schnee.

Kilometer 10: Legohrs Spuren im jungfräulichen Schneematsch.

Eine weiträumige Ortsumgehung bringt mich auf den neuen Kurs. Die Koniferenplantage, die ihren Radweg säumt, wirkt wie veritable Taiga. Halten die Packtaschen wohl? Wird es da draußen über Land womöglich glatt? Schon wenn mir vier, fünf Minushöhenmeter kurzzeitig Schwung verleihen, rutscht mir das Herz mit Schmackes in die Hose. Der kühle Kopf sieht sich dennoch auf kurzem Wege als Gauner und Scharlatan verspottet. »Wer seine Wege abkürzt, der kommt nie zu Hause an«, tuschelt es aus dem Hinterstübchen, wo diese Mahnung in der Rubrik »Berühmte polnische Sprichwörter« gespeichert ist. Irgendwo zwischen dem nationalhymnischen »Noch ist Polen nicht verloren« und dem alltagspraktischen Fatalismus von »Hallo Bauch – auf Wiedersehen Pippimann«.

Die »rote 94« hat mich wieder, die Nationalstraße nach Westen. Über historisch bedeutsame Pfade rolle ich, einen Nachkommen der Via Reggia. Und doch fräse ich eine erste Spur in unberührten Schnee. Auch hier ist kein Auto unterwegs, keine Menschenseele. Keinen Hund jagt man bei diesem Wetter vor die Tür, auch leider keine Katze. Da hat sie noch mal Glück gehabt. Mir ist bitterkalt, ich zittere schon im Mark, ich hätte für nichts garantieren können. Adolf Klimanschewsky, der Chronist der 52er Friedensfahrt, ist es, der blutrünstige Fantasien weckt. Ein Rat aus seinem zeitgenössischen Trainingsleitfaden Der Strassenfahrer ist mir in Erinnerung geblieben: »Besonders im Frühjahr muss sich der Rennfahrer warm anziehen. Bei langen Rennen ist es sogar zweckmäßig, sich ein präpariertes Katzenfell besonders um die Nierengegend zu legen, wie es Richard Huschke immer getan habe.«

Ich will nicht Deutscher Meister werden. Ich muss kein Rennen fahren. Ich muss immer nur geradeaus. Das klingt einfach, hat aber seine Tücken. Immerhin, auch wenn ringsherum fast alles weiß ist, lassen die Reihen der mächtigen Alleebäume vorerst keinen Zweifel am exakten Straßenverlauf. Gleichzeitig aber ist die Topografie der Schlaglöcher unter der Schneematschdecke höchstens vage zu erahnen. Die Hände krallen sich um den Lenker, um im Gewitter der rüden Schläge bloß nicht die Kontrolle zu verlieren. Sie hatten schon mal mehr Gefühl, in den Fingerspitzen und auch palmarseitig. Von jenseits der Gürtellinie erreichen mich noch eindeutigere Körpersignale. Beide Hoden geben unmissverständlich zu verstehen, dass sie lieber Eingeweide wären. […]

Kilometer 40: Wo ist eigentlich das kleine Kettenblatt?

Aus dem 17. Kapitel „In eisige Tiefen“.

 

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