Sie waren alt und brauchten das Gel (Rad am Ring 2012 – Tag 2)

Ein Gastbeitrag von Ulf Henning,
Autor von „Dicker Mann auf dünnen Reifen“

Was bisher geschah: Tag 1

Samstag, 01. September 2012

„Guten Tag allerseits, liebe Radsportfans, hier ist wieder Radio Nürburgring, und ich, ihr Reporter Fritz von Tut und Kannix, heiße Sie alle hier an der Strecke und zuhause vor den Radiogeräten herzlich willkommen! Es ist jetzt 13 Uhr, und bevor das 24-Stunden-Rennen beginnt, bleibt mir gerade noch genug Zeit, sie darüber zu unterrichten, was hier und heute bisher geschehen ist.

Die meisten Anwesenden dürften heute morgen ziemlich enttäuscht gewesen sein, vor allem die Teilnehmer der Laufwettbewerbe, denn abgesehen von den immerhin knapp zweistelligen Temperaturen mussten sie bei unverändert unfreundlichem Wetter an den Start gehen. Viele derer, die hier campiert haben, haben sich aber davon nicht abschrecken lassen und standen applaudierend vor ihren Parzellen an der Strecke. So auch unsere Freunde vom Covadonga Racing Team und vom Hallzig Express, die zuvor nach einer nicht allzulangen, aber offenbar erholsamen Nacht ein gutgelauntes gemeinsames Frühstück genossen hatten. Die Stimmung war umso besser, als am späten Abend noch Matt Gelpe eingetroffen war, dessen Einfahrt nach Toresschluss erst möglich geworden war, nachdem er eine Angehörige des Wachpersonals überzeugt hatte, ihn ausnahmsweise doch noch hineinzulassen. Wie er das geschafft hat? Wir werden es wohl nie erfahren, meine Damen und Herren, und vielleicht wollen wir das auch gar nicht.

Jedenfalls ist es gut, dass er hier ist, denn der Wuppertaler Wunderradler ist der erste, der für sein Covadonga-Team an den Start geht. Und in diesem Moment, da wie aufs Kommando die Sonne herausgekommen ist, sitzt er auch schon auf seinem federleichten Carbonboliden mitten im Tausende zählenden Starterfeld. Mehr als 700 Viererteams haben sich für das 24-Stunden-Straßenrennen gemeldet, dazu kommen noch die Mountainbiker, die 24-Stunden-Einzelstarter, -Zweier- und -Achterteams sowie 1300 Jedermänner, die eine, drei oder sechs Runden auf der Nordschleife zu absolvieren haben. Insgesamt stehen auf der Starterliste über 6400 Radsportler, davon ungefähr 1900 Einzelstarter und mehr als 4500 Teamfahrer. Und sie alle erwarten ungeduldig den Startschuss.

Und der ist jetzt erfolgt! Unter lautem Jubel setzt sich der bunte Pulk in Bewegung und umrundet einen Teil des modernen Grand-Prix-Kurses, bevor die Strecke auf die alte Nordschleife abbiegt, die unter der ehrfürchtigen Bezeichnung Grüne Hölle zur Legende geworden ist. Jetzt erwarten die Rennfahrer zunächst ungefähr 8 Kilometer, in denen es von 650 auf 300 Meter über dem Meeresspiegel hinabgeht durch eine rasche Folge halsbrecherischer Abfahrten, die nur durch einige Steilkurven und kurze Bergaufpassagen unterbrochen werden. Im Streckenabschnitt Fuchsröhre erreichen die Wagemutigsten dabei Geschwindigkeiten von über 100 km/h, bevor bei Streckenkilometer acht der lange Aufstieg zur Hohen Acht beginnt. Gut vier Kilometer geht es dann bergauf, zumeist mit um die 10 % Steigung. Dann kommt das leicht abschüssige Caracciola-Karrussell, und schon mancher, der die Strecke nicht kannte, dachte hier, das Schlimmste sei überstanden, um ausgangs der nächsten Kurve brutal eines Besseren belehrt zu werden.

Denn dann stellt sich dem erschöpften Radler der Schlussanstieg entgegen: 70 Höhenmeter auf 400 Meter Fahrtstrecke, das entspricht im Schnitt ungefähr 18 Steigungsprozenten und sieht aus wie eine Wand. Am rechten Fahrbahnrand hat sich dort für gewöhnlich schon eine kleine Karawane derjenigen, die kapitulieren und absteigen mussten gebildet, und wenn man sich nicht auch gedemütigt und ausgepumpt einreihen möchte, heißt es jetzt kämpfen, kämpfen, kämpfen, bis zur Verpflegungsstelle auf dem Gipfel. Wir legen dort jetzt ebenfalls einen kurzen musikalischen Zwischenstopp ein und melden uns gleich zurück.

[http://www.youtube.com/watch?v=b9iOk8PqkKs]

Wer denkt, der Rest der Runde sei lockeres Ausrollen, irrt: Denn nach einer weiteren rasend schnellen und kurvigen Abfahrt kommen noch zwei giftige kleine Rampen und schließlich die Döttinger Höhe. Eine lange Gerade, die fast eben aussieht, aber nach dem ersten Drittel beständig leicht ansteigt. Am Ende der Nordschleife wird es dann für ein paar Meter noch einmal etwas steiler, und dann biegen die Rennfahrer auf die Zielgerade der Grand-Prix-Strecke ein. Die ist fast eben und lädt zum Endspurt ein, falls die Kraft noch reicht. Die paar letzten Körner, die dann noch übrig sein mögen, verschlingt der Anstieg vor der NGK-Schikane, und dann ist es endlich geschafft: Knapp 27 Kilometer, für die die meisten Rennfahrer knapp eine Stunde benötigen.

Aber, liebe Radsportfreunde, das gilt nicht für Matt Gelpe! Der übergibt nach unfassbaren 44 Minuten den Staffelstab in Form einer Trinkflasche mit dem Transponder darin an Rainer Sprehe und begibt sich ungerührt an den mit heruntergeklappter Kinnlade dastehenden Teamkollegen und Konkurrenten vorbei in den Pavillon und macht es sich gemütlich. Nur drei Minuten später schickt auch Stefan Schütze, Startfahrer der Hallziger, Andy Kneisel auf die Strecke. Wir dürfen gespannt sein, ob die Sportler, die noch auf ihren Einsatz warten, dieses hohe Niveau halten können. Ich habe da so meine Zweifel, insbesondere bei einem von ihnen.

Ich weiß, was Sie denken, und sie haben recht: Ich spreche von Ulf Henning. Und da ich gerade die Transponderflasche erwähnt habe, fällt mir eine bezeichnende Anekdote aus dem Vorjahr ein: Henning hatte sich – als ob seine ohnehin beschämende Leistung nicht genügt hätte – zu allem Überfluss und guter, nein schlechter Letzt noch einen dicken Klops geleistet, indem er ohne die besagte Transponderflasche zur Schussrunde aufgebrochen war. Lars Terörde, der sich eigentlich noch in seiner wohlverdienten und bitter nötigen Pause wähnte, musste sich daraufhin früher auf die Strecke begeben, um den moppeligen Münsterländer einzuholen, was im Steilstück der Hohen Acht, das Henning wie immer schiebend zurücklegte, auch mühelos gelang. Allerdings stellte sich dort heraus, dass Terörde in der Hektik des Finales eine zwar ähnlich aussehende, aber transponderlose Flasche in den Halter gesteckt hatte. Niemand anderes als Matt Gelpe war es schließlich, der dafür sorgen musste, dass diese letzte Runde auch gewertet wurde, während Terörde und Henning sich an der Labe verlustierten und danach in aller Seelenruhe ihre Runde zu Ende fuhren.

Jetzt warten hier alle gespannt auf den nächsten Wechsel. Lars Terörde für das Team des Covadonga-Verlags und der Hallziger Marco Richter machen sich bereit, Sportwart Kugler sitzt mal wieder am Computer und Gelpe sonnt sich, aber ansonsten passiert nicht viel. Wir spielen in der Zwischenzeit ein weiteres Stück Musik.“

[http://www.youtube.com/watch?v=AMwUToUmQjo]

„Krrrpffzzzstpfffffrrrrxzs!

Haha, endlich hat’s geklappt! Hier ist der Kugelralf von der Piratenwelle Freies Muldetal, und ich tüftel hier schon seit Stunden mit meinem Laptop herum, um die Frequenz von diesem Langweiler zu kapern. Aber jetzt bin ich ja endlich on air, wie wir Männer vom Rundfunk sagen, und kann Euch berichten, was hier im Herzen des Jedermannradsports am Eingang zur Grünen Hölle wirklich vor sich geht. Ich beeile mich lieber, bevor die mich wieder aus dem Äther schmeißen! Aber wo fange ich an? Am besten am Anfang, und zwar gestern:

Einen Tag früher anreisen war die Devise, hatten wir doch eine Anfahrt von rund 500 km zu bewältigen. Rolf und Ralf trafen sich Freitag 9 Uhr, um wahre Poinierarbeit zu leisten. Unsere Aufgabe bestand darin, unser aller Zelte aufzubauen, da Andy, Marco und Stefan etwas später in Leipzig losfuhren und mit ihrer Ankunft erst später gerechnet werden konnte. Da fuhren wir also in die Eifel. Laut Regenradar auch ins schöne Wetter, aber ein Regenradar ist auch nur ein Mensch, und das bekamen wir auch immer mehr zu spüren, je näher wir unserem Ziel kamen. Die Wolken verdunkelten sich und konnten schließlich ihre Last nicht mehr halten. Es fing an zu regnen und die Hoffnung auf eine trockene Ankunft floss im Rinnsal am Straßenrand dahin.

Pünktlich 16 Uhr reihten wir uns in die Warteschlange der anderen Sportler ein. Die Wohnmobile und Hängerzüge warteten auf Einlass und nach einer halben Stunde Wartens rückte die Kolonne ein und das Gelände der Nürburgrings verschluckte uns in unsere 24-Stunden-Welt. Es regnete, und es wurde von Minute zu Minute kälter. Es war der letzte Tag des meteorologischen Sommers, aber das stand heute wahrlich nur noch auf dem Papier. Wir suchten unsere Parzelle und markierten mit unserem geparkten Auto unser Revier.

Kalt war es, ok, aber jetzt kam auch noch Wind dazu. Ich erinnerte mich ans letzte Jahr, da haben wir alles in schönster Wärme (fast zu warm) ausgepackt und aufgebaut. Diese Gedanken waren reine Motivationsübungen, mussten wir doch unter diesen Bedingungen den Pavilion und die beiden Zelte aufbauen, damit unsere Nachzügler, welche wir gegen 22 Uhr, also im Dunklen, erwarteten, eine fertige Behausung vorfinden. Der Wind war die Voraussetzung für einen äußerst kreativen Aufbau. Erst das Gestänge und dann die Seitenwände…Ein Blick in die nähere Umgebung zeigte uns, dass unsere Nachbarn die gleichen Probleme hatten, das machte das Ganze erträglicher.

André traf ein. Er nimmt am 75 km-Rennen teil und hatte ein Zimmer in einer Pension kurz außerhalb des Ringes gebucht. Er war in der Nacht weniger dem Wetter ausgesetzt und musste sich deswegen einige Sprüche anhören, trotzdem half er artig beim Aufbau mit, danke.

Etwas Warmes im Bauch wäre nicht schlecht und so unterbrachen wir unsere Arbeiten und schlenderten zum Ringboulevard, wo warme Speisen gereicht wurden. Derart gestärkt gingen wir wieder ans Werk, drängte doch die Zeit. Die Dunkelheit würde heute ob des stark bewölkten Himmels noch früher einbrechen als sonst schon.

Das Covadonga-Team, bestehend aus Ulf, Lars, Rainer und Matthias trudelte in der Nachbarschaft ein und nach einer kurzen Begrüßung setzten wir den Aufbau gemeinsam fort. Kalt war es, sehr kalt. Ich glaube jeder von uns holte all seine nur für den Notfall gedachten warmen Klamotten raus und zog sie an. Ein gemeinsames Grillen und Gespräche über den morgigen Tag des Rennens lenkte uns von unseren momentanen Zweifeln über unser Vorhaben ab. Einen kleinen Lichtblick gab es aber doch: Der Wetterbericht verhieß Gutes für den morgigen Tag, wärmer sollte es werden und die Sonne sollte scheinen. Mit den Gedanken daran verschwand jeder von uns nach und nach in seinem Zelt.

Endlich, der Morgen. Ich zog den Reißverschluss am Zelteingang hoch: Neblig, kein Regen und immer noch kalt, aber die Situation besserte sich zusehends und mit aufsteigender Sonne stieg auch unsere Stimmung. Das individuell gestaltete Frühstück eines jeden verhalf nur zur notwendigen Lebens- und Rennenergie. Die Räder wurden bereit gestellt, erste Schraubarbeiten zeugten von der rituellen Einstimmung auf unser Projekt..

Unser Team, Rolf, Andy, Marco und Stefan bestand aus 3 Rookies und einem Erfahrenen. Rolf hatte das Event bereits im letzten Jahr erlebt, ich setze dieses Jahr mal aus…und betreue die Truppe. Andy, Marco und Stefan lauschten aufmerksam unseren Schilderungen, damit sie optimal „durchkommen“.

Was ziehe ich an, war der wohl meist gedachte Gedanke des heutigen Vormittags, denn abzüglich der unsteten Wettersiuation kommt ja noch ein beträchtliches Höhenprofil dazu. Eine Erkundungsfahrt von Marco und Andy bestätigte die Vermutung. Hier im Fahrerlager noch wohl temperiert, konnte es weiter unten noch ziemlich frisch sein. Man sollte seine Kleidung also für alle Eventualitäten wählen. Ein paar Warmfahrkilometer brachten dahin gehend also die entsprechenden Erkenntnisse. Die Stunden vergingen und gegen 13 Uhr starteten die verschieden Rennen, 25km 150 km, 75 km und schließlich 13.15 Uhr das 24h-Rennen.

Stefan war der Erste, der sich auf die Distanz machte. Er sollte sich „durch die Massen“ wühlen. Das hat geklappt, und Andy ging auf die Strecke. Stefan hat die Abfahrt sehr genossen, ging sie aber sehr schnell an, die Rechnung bekam er aber am Berg, seine Schaltung ließ das größte Ritzel hinten nicht zu – alles eine Einstellungssache. Die Luft steht, einige haben Atemprobleme. Als dritter geht Marco auf die Strecke, und Rolf ist im Gegensatz zum letzten Jahr, als er der erste Starter war, diesmal das Schlusslicht, aber gewiss nicht, was die Rundenzeiten angeht. Da wird er wieder ganz weit vorne zu finden.

Der erste Durchlauf ließ das Covadonga-Team einen echten Vorsprung heraus fahren. Ca. 3 min nannten sie ihr Eigen. Das muss aber nichts heißen, beruhigte ich mich und die anderen.  Auf die Gleichmäßigkeit kommt es an, und am Ende wird abgerechnet. Aber so ein Konkurrenzdenken nehmen wir alle nicht so ernst, dafür ist die Stimmung zu gut, aber wir wären keine Männer, wenn wir es nicht erwähnten. Die hohe Acht, eine finale 17%ige Steigung nach rund 5km Bergauffahren ist die Herausforderung der Runde. Nicht jeder fährt sie hoch. Unsere beiden Teams bewältigten die Herausforderung aber bravourös.

Rund 3 Minuten gilt es also aufzuholen. Ulf ging gerade auf die Strecke und unser letzter Mann, Rolf, musste noch 3 geschlagene Minuten warten, ehe Marco kam. Ich habe Vertrauen in Rolfs Stärke, er wird Ulf einhokkrrrchhxspfffzzz!“

„Ohjeohje, ich bin untröstlich, liebe Radsportfans! Bitte entschuldigen sie diese kleine technische Panne, die unsere Techniker gottlob beheben konnten. Und sie arbeiten weiter mit Hochdruck daran, dass sich so etwas nicht wiederholt. Immerhin war derjenige, der uns hier im wahrsten Sinne des Wortes dazwischengefunkt hat, unvorsichtig genug, einen Hinweis darauf zu geben, von wo er sendet. Das war ein Fehler, den er bitter bereuen wird, sobald Sergeij Haudroff , unser Mitarbeiter für Inkasso- und Sonderaufgaben, ihn aufgespürt hat. Der hat sich mit seinem Team aus erfahrenen Fachkräften bereits auf den Weg ins Muldetal gemacht, wo er in einigen Stunden eintreffen wird.

Aber zurück zum Geschehen in der Eifel, wo inzwischen famoses Radsportwetter und beste Laune herrschen. Alle bisher Gestarteten konnten ihre Runden ohne nennenswerte Probleme absolvieren, nur Rainer Sprehe kam von seiner ersten Runde zurück und hatte einen mittelschweren Tobsuchtsanfall, was bei dem selbst für ostwestfälische Verhältnisse eher ruhigen Sprehe bedeutet, dass er seinen Helm auf einen Klappsessel warf. Außerdem soll er halblaut darüber geklagt haben, wegen der hohen Luftfeuchtigkeit nicht frei atmen zu können und war offenbar mit seiner eigenen Leistung nicht besonders zufrieden. Die Rundenzeit von 52 Minuten geht allerdings vollkommen in Ordnung. Schneller war er im Vorjahr auch nicht, und das kann auch keiner erwarten.

Obwohl: Er raucht nicht mehr. Im Vorjahr hatte er auch zwischen den Runden öfter mal einen Glimmstengel im Mund – und wurde nach dem Anzünden umgehend und jedesmal von Ulf Henning angeschnorrt -, aber damit scheint Schluss zu sein. Selbst Henning hat sich heute bisher nicht mit Zigarette erwischen lassen. Gleich werden wir erfahren, ob das segensreiche Auswirkungen im Aufsteig zur Hohen Acht zeitigt. Nach einem flotten Stück Musik wissen wir mehr.

[http://www.youtube.com/watch?v=Q9zWw0Ru28w]

Eben bekomme ich eine Nachricht unseres Kollegen an der Strecke hereingereicht, der ich  entnehme, dass Ulf Henning tatsächlich auf statt neben seinem Fahrrad die Verpflegungsstelle auf der Hohen Acht außer Acht gelassen hat und sich – nota bene: ohne abzusteigen, liebe Rennradfans! – in die anschließende Abfahrt gestürzt hat. Das haben ihm nicht viele zugetraut, am wenigsten ich oder irgendein Radsportexperte. Die Frage, wie er das gemacht hat, muss also erlaubt sein. Vermutlich darf Henning sich glücklich schätzen, dass in Jedermannwettbewerben Dopingkontrollen eher eine Seltenheit sind, obwohl natürlich selbst in seinem Fall die Unschuldsvermutung gelten muss; und nichts läge mir ferner, als durch finstere Andeutungen einen Schatten auf eine sauber erbrachte Leistung zu werfen.

Also, sei’s drum! Ansonsten herrscht hier, wie gesagt, eitel Sonnenschein, man nimmt Kontakt zu den Nachbarparzellen auf, es wird gegrillt, gefachsimpelt, geschraubt und gefahren. Alle Wechsel haben bisher reibungslos geklappt, und jetzt warten wir hier auf das Eintreffen der jeweils zuletzt gestarteten Fahrer Weißelberg und Henning, die mit der Übergabe des Staffelstabs an Stefan Schütze bzw. Matt Gelpe den zweiten Durchlauf einläuten werden.

Und da erkennen wir auch schon Rolf Weißelberg, ein Stilist, wie er im Buche steht, der mit elegantem Schwung durch die NGK-Schikane rast und – wie zu erwarten war – Ulf Henning einige Minuten abgenommen hat, denn der Münsterländer ist noch nirgends zu sehen. Die Hallziger wechseln also zuerst, Schütze schießt mit kraftvollem Antritt davon, und zurück bleibt Gelpe, der ungeduldig mit den Hufen scharrt, weil er darauf brennt, auch endlich seine zweite Runde unter die schmalen Reifen zu nehmen.

Und nun sehen wir auch Ulf Hennings massige Gestalt ausgangs der Warsteiner-Kurve, weithin am auffälligen Trikot seiner Münsteraner Leezenritter unschwer zu erkennen. Und ich kann Ihnen jetzt schon verraten: Für die Rundenzeit hat es nichts gebracht, dass er nicht schieben musste. Denn im letzten Jahr hatte er für den ersten Törn nur um die 55 Minuten benötigt, und das kann er jetzt schon nicht mehr unterbieten.

Aber was macht er denn da? Vor lauter Freude darüber, dass er nicht hat absteigen müssen, denkt er offensichtlich gar nicht daran, einen Endspurt anzuziehen, sondern rollt gemütlich über die Strecke, grüßt huldvoll nach beiden Seiten – nicht, dass sich irgendwer dafür interessierte! – und posiert im Vorbeifahren ein bisschen für die Fotografen. Als ob er nicht seine erste, sondern schon die letzte Runde absolviert hätte, nähert er sich jetzt recht gemächlich und breit grinsend der Wechselzone, wo Gelpe zähneknirschend auf seinen Einsatz wartet. Der setzt sich jetzt langsam in Bewegung, bekommt endlich, endlich den Transponder überreicht und hetzt Stefan Schütze hinterher, um die vier Minuten Rückstand aufzuholen, die sein beleibter Teamkollege ihm mit einer Rundenzeit von exakt einer Stunde aufgebürdet hat.

Satte sieben Minuten hat Henning insgesamt verloren, aber das scheint ihn nicht weiter zu stören. Er stellt sein Fahrrad ab, bemerkt ebensowenig die etwas säuerlichen Mienen seiner Teamkollegen wie die Freude der Hallziger, und läuft stattdessen wie das Duracell-Häschen durch das Fahrerlager. Um anscheinend allen, die nicht bei drei auf den Bäumen sind, von seinem Triumph über die Hohe Acht zu berichten. Gelangweilte Gesichter sind die Quittung, aber in seinem Siegestaumel entgeht ihm auch das, und er lässt sich selbstzufrieden in den nächstbesten Sessel fallen, um sich ein Bier zu genehmigen. Immerhin ist es ein alkoholfreies.

Verehrte Radsportfans, jetzt, da jeder Fahrer eine Runde absolviert hat, verabschieden wir uns vorerst und melden uns gegen halb drei Uhr in der Nacht wieder, um zu sehen, wie es den Teams ergeht. Der Wetterbericht sagt wieder einstellige Temperaturen voraus, und es wird spannend sein zu beobachten, wie die Fahrer mit der Kälte zurechtkommen in einer Nacht, in der sie wenig Schlaf und große Strapazen erwarten. Wir werden auch ein Auge auf die unterschiedlichen Wechseltaktiken der Teams werfen: Werden sie weiterfahren wie bisher, oder den Wechselrhythmus ändern, damit man zwischendurch etwas längere Ruhepausen einlegen kann? Wir werden sehen. Bis später, liebe Zuhörer!“

[http://www.youtube.com/watch?v=qCRae5mRoRE]

Fortsetzung folgt. Nämlich hier.

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