Quer durch Berlin

Etappe 8 meiner privaten Friedensfahrt-Wiederbelebungsversuche führten mich auf nicht sonderlich direktem Wege vom Rande des Unterspreewaldes nach Lutherstadt Wittenberg – mit einer Hauptstadtdurchquerung als Höhepunkt des Tages. Dabei erwies sich Berlin für Radfahrer als gar nicht so leicht zu knacken, aber dann überraschend leicht zu durchqueren. Zumindest im Vergleich zu systematisch angelegten Radfahrer-Schikanen wie Lodz oder Breslau. 21 Gründe, warum ein Radfahrer in Berlin schneller vorankommt als in die Stadt hinein:

Erstens. Wer den ganzen Tag Rad fahren will, muss frühstücken. Und wer einmal quer durch Berlin Rad fahren will, sollte dies nach Möglichkeit in einer der Herbergen im Speckgürtel des kapitalen Gekröses tun. In denen wiederum trifft sich alles: die kurzentschlossen erholungswilligen Städter mit den vielen Schulklassen und Monteuren, die sich Stadthotels nicht leisten wollen. Im Resultat wetteifere ich an diesem Morgen also mit fünf Mal so viel Menschen um die Gaben des Frühstücksbüfetts wie bisher auf der gesamten Fahrt zusammen. Statt freier Auswahl nun also Schlangestehen vor dem Graubrot. Das kann dauern, bis die Bauchspeicheldrüse den Blutzuckerspiegel für gesättigt erklärt.

Die Jugendherberge am See bietet alternative Tretmühlen. Ich maltratiere lieber weiter die gewohnten Pedale.

Zweitens. Auch Radwanderungen durch die Mark Brandenburg stehen offenbar hoch im Kurs. Der Spreewald hat alle Arten von Reisenden ohne Verbrennungsmotor als Kernzielgruppe entdeckt. Entsprechend fällt im Frühstückssaal das Angebot an Plakaten und Flyern aus, die Aufmerksamkeit bannen und so den Aufbruch weiter hinauszögern. Der ESV Lok Schöneweide lädt Rennradfreunde zur Radtouren-Fahrt von Bernau zur polnischen Odergrenze. Und ein Berliner Reisebüro wirbt für eine fünftägige Stippvisite in den »majestätischen Alpen«. Mit Bus, Radanhänger und prominenter Begleitung zur Tour de France, wo dann Friedensfahrt-Heroen von einst die pikante Aufgabe zufallen wird, eine Einführungsveranstaltung in die sportliche Ausgeburt des Kapitalismus zu halten. An Axel Peschel, dem Sieger von 1968, wird es sein, die Hobbyradler unter den Teilnehmern den Galibier hochzuschieben, derweil Täve Schur die Wandergruppe womöglich mit Anekdoten von Mutters Holunderbeersuppe als legalem Beinchenmacher unterhält. Interessant klingt das schon. Wolfgang Lippert und Frank Schöbel als MTV-Moderatoren, das hätte ja auch seinen Reiz gehabt. Ich sattele Legohr an diesem Morgen später als gedacht.

Drittens. Zwischen Spreewald und Heideseen scheint Eile deplatziert. Ferienlaune allenthalben. Immenhöfe säumen den Parcours. Ein Damenkränzchen hat zur Feier des Tages die von Kopf bis Fuß von einer Schleswiger Spirituosenbrennerei gesponserte Vereinskluft übergestreift und – weil das nicht gerade gut aussieht – sich in einen hölzernen Unterstand am äußersten Rande einer kaum als solche erkennbaren Ansiedlung zurückgezogen. Dort klopfen die klimakterischen Schluckspechte nun schon zu früher Stunde mit Hilfe ihrer kleinen Schnapspullen um die Wette und versuchen, die gelegentlichen Benutzer des vorbeiführenden Hofjagdradwegs zum Mittrinken zu animieren. Der kleine Hasenfuß auf friedlicher Mission umkurvt die im Original vermutlich von Wolfgang Petry stammenden Sirenengesänge lieber weiträumig. Derweil schweifen seine Gedanken immer wieder auf Terrains ab, die dem zügigen Vorankommen nicht dienlich sind: Was sind »Lütener Fenne Wustrickwiesen«? Wie überzeugend ist es, das Werbeversprechen von der »Märkischen Riviera« dort zu platzieren, wo gleich darauf jemand rüdestes Knüppelpflaster auf dem ausgeschilderten Weg abgekippt hat? Warum findet die örtliche Ü75 hier sofort die Ideallinie auf dem Sommerweg, während Legohrs Packtaschen noch ausgelassener herumhüpfen und an ihrer Befestigung zerren als die Möpse der Tambourmajorin im zu engen Kleiner-Feigling-T-Shirt?

Viertens. In einem Landstrich voller Themenradwege zeigt sich, dass die Fallstricke spezieller Radkarten im Vorfeld nicht ausreichend bedacht wurden. Unzählige Linien in diversen Farben und mit kryptischen Kürzeln beschriftet legen sich über das Basiswerk vom Katasteramt. Das verleiht Fahrten auf solchen Pfaden einen gewissen Überraschungsei-Effekt. Von autobahnähnlichem Geläuf bis hin zu Singletrails mit exorbitanten Ansprüchen an die Offroad-Tauglichkeit ist alles in der Verlosung. Der Hofjagdradweg offeriert zunehmend Schmankerl für Freunde der härteren Gangart. Unvermittelt taucht er im Forst ab, um sein Gefolge dann kilometerlang auf schmale Fischgrät-Panzerplatten zu zwingen. Ein Ausweichen ist nicht möglich. Ringsherum nur feinster märkischer Sand, in dem Legohr bis zur Nabe versinken würde. Wenn ich mich nicht verrechnet habe, werde ich minütlich von knapp 180 Schlägen durchgerüttelt. Ein rigider Takt ist das, der bald lobotomische Wirkung zeigt. Jetzt verstehe ich auch das Symbol dieses Themenradwegs. Hier bräuchte es die Traktion einer gekrönten Wildsau, um ohne bleibende Sprachstörungen voranzukommen. Halali.

Fünftens. Im weiteren Verlauf kann es dem Radfahrer passieren, dass das Drehen der Beine als bewussteste Form der Körperertüchtigung vom Schütteln des Kopfes abgelöst wird. In meinem Fall passiert das, weil sich der interne Foodwatch-Abgeordnete in Alarmbereitschaft versetzt sieht.

In den sechziger Jahren, so lehrte ihn nämlich unlängst abendliches MDR-Telekolleg über die Kulinarik-Geschichte der DDR, trat der Goldbroiler seinen Siegeszug an. Und das Königswusterhausische war die Keimzelle der Bewegung, die der Bewegungsfreiheit des domestizierten Gockels nicht allzu große Bedeutung zumaß. Hier entstand der Musterbetrieb für die Massenproduktion von Hühnerbrüsten und Schlegeln, die Zentrale des Kombinats Industrielle Mast. Und ausgerechnet hier beginnt nun hinter Gebüsch und paramilitärisch gesicherten Zäunen ein Gebäudetyp zu dominieren, den PETA-Aktivisten gern als »Geflügel-KZ« brandmarken. Offenbar gibt es auch Branchen, in denen sich die Produktion nach Zentralplan sehr reibungslos in offensiv deregulierte Marktwirtschaft überführen ließ.

»Köstlich! Immer Marktfrisch«, so übersetzten auf Binnenhandel spezialisierte Parolenschmiede das Kürzel K.I.M. dereinst in eine fernsehspottaugliche Zielgruppenansprache. Heute muss man Verbraucher schon auf andere Weise veräppeln. Von der Landstraße aus ist von den tristen Barackenschläuchen auch nichts mehr zu sehen. Die Außendarstellung obliegt einem modernen Funktionsbau, gekrönt von einem Logo, das beschauliches Fachwerkgehöft im Grünen zeigt: unser aller kleine Farm, auf der noch glücklich gegackert wird. Das Kopfschütteln erlahmt erst wieder, als mir dämmert, dass meine ebenfalls von keinem Kreisveterinär geprüfte Selbstdeklarierung als »Friedensfahrer« einen nicht minder dreisten Fall von Etikettenschwindel darstellen könnte.

Sechstens. Berlin wirft Schatten voraus. Ein alter Grenzstein sagt: Motzen! Dem Vernehmen nach eine viel gerühmte Hauptstadtspezialität. Auch wenn ich dachte, die hätten hier andere Vokabeln für dieses Hobby. »Anpaulen« oder so. Irgendwie etwas knuffiger.

Spätestens ab Königswusterhausen ist auch die Gastronomie auf die Gewohnheiten des Berliner Publikums eingestellt. Das Kaschemmchen an der Ecke heißt jetzt lieber Osteria. Und für vergnügungsbedürftige Berliner, deren größtes Glück auf Erden die freie Parkplatzwahl ist, gibt es die vollüberdachte Freizeitwelt direkt an der Autobahn. 3D-Lichtspielsäle, Tanzboden, Zehn-Pin-Kegelbahnen und ein Erotik-Store, der nach Scharlachsymptomen benannt wurde. Erdbeermund, das klingt nun mal ein wenig verführerischer als Himbeerzunge und bringt die White-Van-Fahrer mit Kennzeichen B mächtig in Wallung. Das Auftauchen von Radfahrern im Kreisverkehr wird von ihnen geradezu philharmonisch geahndet. Mit Posaunenchören und karajanschen Drohgebärden.

So wächst schon in der Annäherung die Angst vor Berlin und den Berlinern. Eine Angst, die den Tritt nicht unbedingt beflügelt. Man muss das Unheil ja nicht unnötig früh heraufbeschwören.

Siebtens. Dies ist nicht Polen, das vermehrte Aufkommen an Kreuzen und Blumenschmuck am Fahrbahnrand also keineswegs Ausdruck eines psychedelischen Marienkults. Im Zweifelsfall lasse ich lieber eine Kurbelumdrehung zu viel aus. Auf einer brandenburgischen Allee möchte ich mein Leben nicht lassen. Sollen ruhig andere dafür sterben, um ein Klischee zu bestätigen.

Achtens. Alle Leitmedien haben sie bereits thematisiert: Berlins neue Identität als Fahrradmetropole. Hunderttausende steigen wieder aufs Velo, um Hauptstadtlüfte ungefiltert zu inhalieren und Schupos zu ärgern. Die aktuellen Verkehrsstatistiken haben jedoch bei zumindest einem einflussreichen Beamten die Einsicht reifen lassen: Jetzt ist es genug!

Im Versuch, den ungehinderten Zufluss weiterer Radfahrer nach Berlin zu stoppen, wird die Einreise also durch unkonventionelle Schikanen erschwert. Der direkte Weg ist vorübergehend an die Zulassung für Kraftfahrzeugstraßen geknüpft. Den ausgegrenzten Verkehrsteilnehmern weisen spezielle Umleitungsschilder mit Fahrrad- und Traktorensymbolen eine weiträumige Umleitung, die sich bald ähnlich zielführend anfühlt wie der Parcours von Lüttich–Bastogne–Lüttich.

Neuntens. Das Berliner Stadtgebiet beginnt mit einer langen schnurgeraden Magistrale, auf der sich herrlich Tempo bolzen lässt, während diverse Reize den Tritt zusätzlich beflügeln. Zum Beispiel die in ihrer Absolutheit seltene Gewissheit, sich exakt auf der Route der Friedensfahrt von 1952 zu befinden. Adlergestell heißt diese Straße, und das tat sie schon im originalen Streckenplan. Was durchaus Ausnahmecharakter hat. Etliche Abschnitte der damaligen Ortsdurchfahrten haben inzwischen Neutaufen erlebt, weil die Eignung von Friedrich Engels, Josef Stalin und deutsch-sowjetischer Freundschaft als Namenspatron für Plätze und Chausseen in Zweifel gezogen wurde.

Als zusätzliches Lockmittel dient die Rückenansicht einer graziös dahinschwebenden Speedskaterin im Einteiler, die das Adlergestell als Trainingsstrecke auserkoren hat. Dieses Phänomen kennt wohl auch jeder Radfahrer: Tauchen vor einem andere Verkehrsteilnehmer in Kompressions-Pants auf, bewirkt dies nicht selten ein Motivationshoch, mit dem man sich auch ohne physikalisch messbaren Windschatten praktisch heransaugen kann.

Zehntens. Die charakterlichen Eigenschaften von Radkurieren werden gemeinhin unterschätzt. Nachdem ich auf die andere Spreeseite »rübergemacht« habe, versuche ich, mich zu orientieren. Ich bin zufällig gerade an einem Fußballstadion, und ich möchte auch zu einem Fußballstadion, doch von der Wuhlheide, Heimstatt von Eisern Union, scheint es noch ein weiter verschlungener Pfad bis zu jenem Sportpark, in dem in den Fünfzigern die Friedensfahrer um Platzierungen sprinteten. Mein erstes Kartenstudium auf Berliner Boden ­dauert dennoch nur zwanzig Sekunden. Dann ist auch schon ein freundlicher junger Herr mit dem für urbane Einsatzzwecke verschlankten Mountainbike zur Stelle: »May I help you?« So komme ich auf den folgenden Kilometern in den Genuss einer persönlichen Eskorte, erfreue mich willkommenen Windschattens und einer Schnelleinführung in die spezielle Linienwahl erfahrener Berliner Radler.

Elftens. Dank der traditionellen, nur punktuell gelockerten Berliner Traufhöhe von im Metropolenvergleich biederen 22 Metern ist die Grobnavigation auch für Neulinge ein Kinderspiel. Der Fernsehturm auf dem Alex erfüllt ganz vortrefflich seine Rolle als allseits sichtbare Mittelpunkt-Markierung. Zusammen mit einem Wind, der kräftig genug ist, auch in Straßenschluchten zielstrebig aus einer Richtung zu wehen, ernenne ich ihn zum TomTom ehrenhalber. Ohne Irrungen und Wirrungen treffe ich exakt am vorbestimmten Punkt auf die Ringstraße, die mich zum Zwischenziel führt.

Zwölftens. Fast alle Berliner Radfahrer haben es eilig, und sie sind unglaublich viele. Schaltet eine Fahrradampel auf Grün, klackern daraufhin gleich reihenweise die Schaltwerke. Und ab Friedrichshain dann immer häufiger auch deutlich vernehmbar die Knieknorpel von Mitstreitern, die aus Image- oder Wartungsgründen Verzicht auf variable Gänge und die segensreiche Erfindung des Freilaufs üben. Unter energischen Tritten formiert sich nach einigen Posi­tionskämpfen jedes Mal wieder ein flotter Zug und annektiert mit kollektivem »Platz da«-Habitus den spontan benötigten Verkehrsraum. Widerstand regt sich nicht. Selbst die Taxifahrer haben ein Einsehen. Oder resigniert.

Dreizehntens. Das frühere Stadion an der Cantianstraße, auf dessen roter Asche einst Fritz Deutsch seine Ehrenrunde drehte, heißt seit Jahren Friedrich-Ludwig-Jahn-Sportpark. Und sieht auch so aus. Fleißarbeit aus Tartan und Schalensitz. Betreten nur für Befugte. Die Feier des Augenblicks fällt an­gemessen unspektakulär aus. Und zeitsparend.

Der Wendepunkt meiner Expedition Friedensfahrt ist erreicht. Darauf ein Schlückchen gut geschütteltes Oppacher aus dem Kunststoffnippel. Und weiter geht’s. Fortan südwärts. Zurück nach Brandenburg und Sachsen. Auf nach Tschechien.

Vierzehntens. In der Hauptstadt gilt es als rufschädigend, nicht rund um die Uhr beschäftigt zu wirken. Keiner der angefunkten Wahlberliner aus dem Freundes- und Bekanntenkreis zeigt sich zu einer spontanen Audienz bei Muckefuck und Windbeuteln in der Lage. Was ich zu hören bekomme, sind vornehmlich Handyansagen von Computerstimmen, die in verklausulierten Höflichkeitsformeln mitteilen: »Der Teilnehmer hat Besseres zu tun und Ihren Anruf mit genervtem Augenrollen weggedrückt.« Die einzige nicht vollautomatische Replik erinnert mich, dass ich wieder eine Altersklasse aufgerückt bin. Der Herr Meiermüllerschulz sei in einer wichtigen Besprechung, rattert ein Sekretariatspraktikant seinen Text herunter. Das ist sehr zuvorkommend. Denn beim Gedanken an Vorstandsflure und die Chromschwingstühle von Konferenzzimmern fühlen sich der rot grundierte Radstreifen und 143 Millimeter Sattelbreite mehr denn je an wie die ganz große Freiheit.

Fünfzehntens. Der Bezirk Mitte ist tatsächlich Fixed-Gear-Front. Das hohe Aufkommen an Bahnrädern liefert Anschauungsunterricht, der auf ungeahnte Lernfähigkeiten trifft. Im hohen Alter von fast vierzig Jahren gelingen mir vor Berliner Ampeln die längsten »Trackstands« meiner Karriere. Seinen Ursprung soll dieses Mätzchen ja in den Fliegerduellen der Velodrome haben, wo es schon halbstündige taktische Stehversuche ermöglicht hat. Doch im Berliner Straßenverkehr bedeutet es keineswegs ein Moment der Entschleunigung. Ganz im Gegenteil. Hier ist der Trackstand das Mittel, um bei sich anbahnendem Grün gleich wie der Teufel lospreschen zu können.

Sechzehntens. Die symbolkräftigen Sightseeing-Stationen am Rande meiner Route sind allesamt von früheren Berlin-Aufenthalten noch so sattsam bekannt, dass allein die Tatsache, sie einmal per Velo erreicht zu haben, keine ergriffenen Posen und Pausen mehr provozieren kann. Ich belasse es dabei, sie als Kulisse zu benutzen, um alle etwaigen Skeptiker – mich selbst eingeschlossen – auch später noch von meiner Anwesenheit in Berlin überzeugen zu können.

Die Ausbeute bleibt dürftig. Nur ein paar aus der Hüfte geschossene Selbstporträts nehme ich auf der Speicherkarte mit nach Hause. Ohrläppchen vor der Reichstagskuppel. Helm und verschwitzte Stirn vor einem Ensemble aus Brandenburger Tor und Bierbike mit acht Japanern ohne Steuermann. Grund genug, um schleunigst die Flucht nach vorn anzutreten.

Stillleben mit Segelohr, Fahrrad und Reichstag.

Siebzehntens. Was vor einer Generation noch als Republikflucht geahndet worden wäre, lässt längst alle Ordnungshüter kalt. Nur ein Freiwilliger oder Zivilbeamter gestikuliert an diesem Mittag genervt, als müsste er sich vor lauter Überfüllung der Brandenburger Torbögen eine Menge Luft zufächeln: »Weiter, weiter … keinen Stau.«

Früher, knapp vier Jahrzehnte lang, war bei der Friedensfahrt natürlich Schluss hier. 1952 ging es am nächsten Morgen sogar auf fast identischen Wegen wieder aus der Stadt hinaus, über das Adlergestell und dann im Bogen um die Westsektoren herum Richtung Potsdam.

Inzwischen aber haben die Mauerreste, die stehen geblieben sind, nur noch rein musealen Charakter. Kein Vier-Mächte-Abkommen zwingt weiterhin zum Rund um Berlin, um Sanssouci zu erreichen. Ich kann die direkte Route nehmen. Was nur einen Nachteil hat. Einer der übelsten musikalischen Auswüchse der Achtziger möchte sich auf die Lippen legen. »Durch den Grunewald zum Badestrande …«

Achtzehntens. Der hohe Beamte, der das »Es ist genug«-Verdikt über Fahrräder auf Berliner Straßen sprach, hat auch in Tiergarten und Charlottenburg noch genügend Einfluss. Damit der schleunigen Ausreise von Radfahrern nichts im Wege steht, hat er von der Siegessäule bis fast zu den Funkausstellungshallen die grüne Velo-Welle geschaltet. Auch die Gesichtsausdrücke der zum Warten auf Rechtsabbiegespuren verdammten Autofahrer haben eine höchst motivierende Gleichschaltung erfahren. Aus allen Blicken spricht der pure Neid.

Neunzehntens. Spätestens mit Erreichen der Bezirksgrenzen von Grunewald gilt: This is Bärstadt not Berlin. Heile Welt mit direktem S-Bahn-Anschluss. Der ewige Sidekick der ZDF-Serie Löwenzahn, schon unter dem Diktat von Peter Lustig als stets wohlgenährter Trottel vom Dienst gebucht, hat an diesem Tag drehfrei. Und der ultrablaue Himmel, die Sommerzeit im Mai, hat ihn auf Trab gebracht. Er hat sich den viel zu großen Helm um das Kinn aller Kinne geschnallt, ein Rotwild-Mountainbike zwischen die Schenkel im Lycra gepresst und sich an strategisch günstiger Stelle postiert, um nun irritierten Durchreisenden eine gute Weiterfahrt zu wünschen: »Kein Problem. Mit dem Fahrrad kommt man durch«, bescheidet er mir, der ich mich gerade ob diverser Baustellen- und Sackgassenschilder frage, wie ich auf die andere Seite der Avus kommen soll.

Zwanzigstens. Der Weg zum Badestrande, die feinst asphaltierte Grunewaldschneise parallel zur Avus, ist der erhoffte Highway für alle ohne Motor. Schilder bitten um rücksichtsvolles Miteinander von Inline-Skates, Carbonfelgen und Seil-Roll-Leinen der Marke Flexi. Das mag am Wochenende im Hochsommer seine Bewandtnis haben, heute aber lockt die autofreie Hochgeschwindigkeitspiste fast ausschließlich Rennradfahrer. Und die geben richtig Gas. Die große Eile, das Rennfieber der Berliner Radfahrer, das sich schon im Häuserdschungel offenbarte, hier bricht es sich vollends Bahn. Was mir entgegenkommt, presst fast ausnahmslos in geduckter Haltung die letzten Watt aus der Heldenkurbel eines Edelboutique-Renners. Und quittiert gängige Radfahrergrüße zumeist nur mit abschätzigen Blicken.

Ich scheine auf ungebührliche Weise gegen geltende lokale Dresscodes verstoßen zu haben. Auf meinem Kopf nämlich sitzt ein Helm, und das schickt sich offenbar nicht für den trendbewussten Elitefahrer mit Berliner Lizenz. So eine Eierschale mit Lüftungssystem der vierten Dimension, das sei doch nur was für Trekking- und Stützradfahrer, entnehme ich den nonverbalen »Ab mit dir aufs Ergometer«-Urteilen. Offenbar muss der Berliner auch beim Radfahren die richtige zeitgemäße Frisur präsentieren – und wenn’s ein Glatzkopf ist.

Von solcherlei Konkurrenz lasse mich ich willfährig anstecken, schenke dem Radcomputer die schnellsten Kilometer seit Rückenwindpassagen in Polen, weide mich an guter Tagesform. Und dann schäme ich mich, weil ich mich über den sich abzeichnenden Erfolg im finalen Tempo-Duell vielleicht doch ein wenig zu früh gefreut habe. Und vor allem zu ausgiebig. Eine Eisenwade auf 6.000 Euro teurem Titan war der Rivale, doch seine kahle Pläte wurde kaum als modisch motivierte Kampfansage angelegt. Der Mann erweist sich bei näherem Hinsehen als alt genug, um bei der ersten Friedensfahrt auf Berliner Boden aktiv mitgetan zu haben. Und er hat einen freundlichen Gruß auf den Lippen. All Heil.

Einundzwanzigstens. Der Radfahrer, er merkt instinktiv, wann Berlin zu Ende ist und Potsdam begonnen haben muss. Seltsam parfümierte Rentner steigen mit Teleskopstöckchen bewaffnet aus einer Kreuzfahrtlimousine der S-Klasse, die halb auf dem Radstreifen geparkt ist. Alles ist Wasser und Park und viel zu viel Geld. Selbst der Aldi-Parkplatz hat Seeblick.

Es ist geschafft. Gelegenheit für einen symbolischen Akt der Erleichterung. Die Radtourenkarte Brandenburg/Spreewald landet mit elegantem Dunking im Mülleimer an Havelseegestaden. Wieder fast 200 Gramm weniger auf Legohrs Rippen.

Vom kläglichen Versuch, radfahrend ein nationales Symbol zu fotografieren …

Aus dem 21. Kapitel „Schnauze, Berliner!“

 

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