An der steilen Wand

Ich mühte mich vergeblich, zum Gruße eine Miene freudiger Zuversicht aufzusetzen, jedes Mal, wenn mir einer der zahlreichen Rennradfahrer entgegenkam, die ihre samstäglichen Trainingstouren in Angriff nahmen. In Altenburg fotografierte ich die stolzen Goldlettern am »Haus der Zeitarbeit« als Symbol für das aufrechte Arrangieren mit galligen Realitäten und konnte im neuen Logo der örtlichen Spielkartenfabrik doch immer nur ein Herz erkennen, das ins Gesäß gerutscht war. Denn die Bilder von Meeranes steiler Wand, sie spukten mir vom Etappenstart an düster im Kopf herum …

Körnige Schwarzweiß-Aufnahmen. Entsetzte, entnervte, entschlossene Rennfahrer, die mit um die Schulter geschlungenen Ersatzreifen wie ein aus der Zeit gefallenes Sondereinsatzkommando wirken. Im Kampf mit einer Rampe, die auch Straße in San Francisco hätte sein können. Der energische Wiegetritt, in dem sie sich über ihre beiden Blechpullen an der Lenkstange beugen, um mit Ganzkörperunterstützung die Kurbel rumzuwuchten. Mit einer letzten Vehemenz, die einen auch aus der Distanz von mehr als einem halben Jahrhundert heilfroh sein lässt, dass dereinst noch nicht spätere Leichtbaumanie Einzug gehalten hatte. Das kollektive Japsen, in dem doch jeder Fahrer ganz für sich allein ist. Der Schrei nach Sauerstoff. Nach vollem Bewusstsein. Die unglaublichen Zuschauermassen, rechts und links, und in allen Fenstern der aufeinandergestapelten Häuser. Diese faustische Kulisse, so abenteuerlich präsent, so irrsinnsneugierig, als hätten sie am Bergisel zu Abertausenden die Sprungrichtertürme geentert. Das imposanteste aller Spontanstadien. Ein Amphitheater, wie es nur der Radsport sich bauen kann.

Und nicht zu vergessen: Die deprimierten Mienen derer, die kapituliert haben. Die sich verschaltet haben oder die Übersetzung nicht mehr rumgewürgt bekommen. Und nun dreinblicken, geduckt unter dem Schirm ihrer Baumwollkäppis, als sei Schieben vor Publikum die größtmögliche Schande, die einem Menschen auf Erden widerfahren kann. Das seltsame Schauspiel auch, wie ältere Herrschaften in langen Mänteln einen offenen Wagen über die Kuppe der steilen Wand zu befördern versuchen, samt Lorbeerkranz an der Kühlerhaube und dem Heck voller Ersatzlaufräder. »Weil die Maschinen die langsame Fahrweise hinter den Aktiven nicht vertrugen«, wie die Bildzeile verrät. Weiterlesen

Share