Absteigen, bitte!

Die Ausreise nach Tschechien könnte sich etwas verzögern. Beim Frühstück hatte ich mit meinen Tischgenossen noch über die Gründe spekuliert für den so entschlossenen Run auf Pirna und auch auf das Büfett. Die wiederholten »Complet«-Auskünfte, mit denen wir alle am Vorabend von Gasthaus zu Gasthaus verwiesen wurden. Das nun geballte Auftreten an Seniorinnen in Hotpants. All die irritierenden Kombinationen aus sackartigen Trikotagen und Kompressionssocken, aus Leggings und Windjacken. Besorgniserregend dürre Störche in superenger, extraleichter, patentiert feuchtigkeitsableitender Funktionsfaser für 20 Euro das Gramm. Der Geruch von Massageöl, der sich mit den Aromen von Bacon, Eggs und Schlafsand mischte. Die manische Gier, mit der manch Konkurrent an der Anrichte das Futter auf seinen Teller schaufelte.

Bald schon reiften Spekulationen, im Frühstückssaal des Deutschen Hauses zu Pirna müsse sich der Olympiakader der Seniorenklassen I bis XV versammelt haben, um den Elberadweg im Kampf um Gold unter die Räder zu nehmen. »Und gleich kommt bestimmt Waldi Hartmann um die Ecke, um den unterhaltenden Teil der Veranstaltung einzuleiten«, mutmaßte augenrollend mein Sitznachbar. Zweifel aber blieben, denn in den Boxen des hoteleigenen Rowerstalls dominierten Stahlrösser aus holländischer Zucht.

Romantische Träume, die Straßenkarte diktiert, wo's lang geht ...

Romantische Träume, die Straßenkarte diktiert, wo’s lang geht …

 

Jetzt wundere ich mich nicht mehr. Am Rande des Elberadwegs werden reihenweise Tapeziertische aufgebaut, mit Plastikbechern und Bananenhälften bestückt. Tafeln mit abnehmenden Zahlen säumen die Strecke. 19, 18, 17. ­Kilometermarken offenbar. Für den Oberelbe-Marathon, wie eine angehende Verpflegungsstandbesatzung informiert. Die klassischen 42,195 Kilometer als flacher Landschaftslauf von Königstein nach Dresden. Startschuss um zwanzig vor zehn. Das könnte etwas knapp werden. Ich schalte in den Wettkampf­modus. An jeder Kilometermarke taxiere ich aufs Neue meine Chancen, es rechtzeitig bis zum Startort zu schaffen, bevor die Läufermeute sich in Bewegung setzt und den Weg nach Tschechien blockiert. Das regelmäßige Feedback liefert Motivation für eine konzentrierte Tempo-Einheit.

Ich wähne mich ganz gut in der Zeit. Dann geht eine Schranke runter, ein Zug bringt Frühlingsfrischler in den Luftkurort Rathen. Es scheint ewig zu dauern, bis alle ausgestiegen sind. Der langgezogene Sprint, er kommt zu spät. An der letzten Eisenbahnunterführung vor Königstein breiten Streckenposten die Arme aus. Das Rennen gegen den Marathon ist verloren. Absteigen, bitte! Zwangspause nach nicht mal zwanzig Tageskilometern.

Ich geselle mich in einen losen Zuschauerblock aus Anwohnern und -gehörigen, die sich strategisch günstig postiert haben. Wir haben perfekten Blick auf die Auftaktkilometer und die aus unzähligen Hubschrauberbildern bekannte Feste, die über dem Startort thront. Dann der Ruf, der aufgeregte Ruf, fast wie einst bei der Friedensfahrt: »Sie kommen! Sie kommen!«

Zweckentfremdung des Elberadwegs.

Zweckentfremdung des Elberadwegs.

Und wie sie kommen. Jeder auf seine Art. Wie variantenreich doch Laufstile sein können.

Gestern hatte ich auf den finalen Kilometern noch sinniert, wie verschiedenartig in ihrer Anmutung die praktischen Möglichkeiten sind, auf Sätteln zu sitzen und in die Pedale zu treten. Im Rennrad-Habitat des auslaufenden Erzgebirges war ich mehrfach richtig neidisch geworden, wie ruhig doch mancher auf seiner Maschine lag und die Kurbel mit einer Eleganz drehte, die wie gottgegebene Leichtigkeit aussah. In der Bewegung unbewegt. Später auf dem Elberadweg dominierten dann schwerfälliger Kniehub, der was von Holzhacken hatte, und Oberkörperhaltungen, die an Dressurreiten wilhelminischer Schule erinnerten. Ganz offen wurde mehrfach an orthopädische Beschützerinstinkte appelliert. Man musste glauben, nicht wenigen sei das Sitzrohr ihres Rades durch die Wirbelsäule gewachsen.

Doch im Marathonlauf offenbart sich das Wunder der Biologie in noch  überwältigenderer Manier. Ich kann nur staunen über die Vielfalt der Arten. Das Laufen um die Wette, um Ruhm und den Selbstbeweis der eigenen physischen Existenz bietet noch viel mehr Möglichkeiten, Individualität auszudrücken, als das Radfahren. Fast das komplette landbewohnende Tierreich ist beim Marathon entlang der Oberelbe vertreten. Vornweg die Gazellen, anmutig und schwerelos. Am Schwanz der Karawane die hoffentlich gut versicherten Trampeltiere, die altersschwachen Mulis auf ihrem allerletzten Humpeltrab zum Abdecker, die durch nichts aus der Ruhe zu bringenden Schildkröten mit entrücktem Turniertanzgrinsen. In der Mitte die bunt durcheinander fleuchende Schar, dicht gedrängt um die Luftballons mit den Zielzeiten. Klapperdürre Reiher. Majestätische Straußenvögel. Lautlos über Asphalt huschende Hauskatzen. Tapsige Bären. Trippelnde Frettchen. Angeschossene Bisons. »Nur noch vierzig«, ringt sich ein Riesenerpel unter Keuchen ein Lächeln ab.

Lediglich auf die Weinbergschnecke warte ich vergebens. Bei Kilometer 2,5 kriecht noch keiner. Nicht auf dem Bauch. Und doch ist das Läuferfeld schon an diesem frühen Punkt der Strecke unglaublich weit auseinandergezogen. Mehr als eine Viertelstunde vergeht, bis das Besenfahrrad vorbei ist und den Elberadweg wieder zum allgemeinen Gebrauch freigibt. […]

Aus dem 23. Kapitel: „Eurovisionen“

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