Eiskalt gefinisht!

Ein Gastbeitrag von Lars Terörde
(„Barfuß auf dem Dixi-Klo“,
„Sind wir nicht alle ein bisschen tri?“)

Nach mehreren freudlosen Monaten ohne Wettkämpfe sollte es Sonntag endlich wieder losgehen. Der erste Formtest wartete in Hagen. 500m Schwimmen, 23 Kilometer Radfahren und 5 Kilometer Laufen sollten der Saisoneinstieg sein. Und wenn man den Winter über einigermaßen diszipliniert trainiert hat, dann fiebert der mittelalte Triathlet zuweilen ungeduldig auf den Tag, an dem man erste Ergebnisse für die Mühen abholen darf.

Leider wurde die Vorfreude getrübt. Nicht Verletzungen, Krankheiten oder Steuererklärungen machten mir das Leben schwer. Diesmal nicht! Diesmal war es der Wetterbericht, der sich in der letzten Woche von Tag zu Tag düsterer zeigte bei der Prognose für den Wettkampftag in Hagen am Tor zum Sauerland.

Übertroffen wurden die Prognosen dann von der erlebten Wirklichkeit am Sonntagmorgen. Bei sieben Grad und strömenden Regen packte ich Räder und Familie ins Auto. Auch mein Sohn sollte den ersten Start des Jahres wagen.

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Jahrelange Wettkampferfahrungen haben mich zwar hart gemacht im Ertragen widriger Umstände, aber der Tag in Hagen nimmt fraglos einen Spitzenplatz ein im Schechtwetterranking meiner Sportlerkarriere.

Starke Winde begleiteten den Weg vom Parkplatz zum Schwimmbad am Hengsteysee. Der Eindruck vom Wettkampfort hätte Klasse sein können. Ein Panoramaschwimmbad mit Blick auf den See. Die beste Kuchentheke aller Zeiten und die Möglichkeit, im Umkreis von fünfzig Metern alle drei Disziplinen zu sehen macht Hagen sehr zuschauerfreundlich.

Nicht so am 26.5.2013. Mal flog ein Zelt weg, dann peitschte der Regen wieder über das Schwimmbad und das alles unter dem Eindruck von spätherbstlichen Temperaturen. Während sich die Warnungen der bereits ins Ziel gekommenen Kurztriathleten vor den Wetterunbillen immer dramatischer gestalteten ( „zieht alles an, was ihr habt…“, „…bei uns habe sie einen unterkühlt ins Krankenhaus gebracht…“,) dachte ich an die Bilder vom Vortag, als beim Giro eine Bergankunft im Schneetreiben gefahren worden war. Radfahren im Schnee, Triathlon im gefühlten Herbststurm, während für Wintersportarten im Februar Kunstschnee in grüne Landschaften appliziert wird. Das stellt selbst den Klimawandel auf den Kopf.

Den Kindern war der Start denn auch verboten worden. Kein Triathlon für Sohnemann, der diese Nachricht erfreut aufnahm. Seine Lust auf Sport ist momentan eh etwas unterkühlt, so dass ihm eine Absage des Wettkampfes sehr gelegen kam. Den gleichen Gefallen taten sie den Erwachsenen nicht. Nach dem Motto „Ihr seid alt genug und solltet wissen, was ihr tut!“ wurden die Volkstriathleten minutengenau auf ihre Reisen geschickt.

12.50 Uhr! Meine Startzeit! Sie rückte unerbittlich näher. Die Wechselzone hatte ich bereits mit Radhandschuhen und einer Wetterfesten Softshell Jacke präpariert. Jetzt musste ich mich nur noch entkleiden und mich der Herausforderung des Ganges von den beheizten Umkleideräumen zum Schwimmbad stellen. Mehr als einmal kam mir eine Absage in den Sinn. Musst Du dich noch irgendwem beweisen? Triathlon kannst Du doch, hast es doch schon oft genug gemacht. Lass es doch einfach sein, pack das Rad wieder in den Kofferraum und geh mit deinen Lieben schottisch essen…! Konfrontiert mit der Vorstellung im Schwimmeinteiler ins Freie zu gehen schien mir nicht anzutreten eine vernünftige Alternative zu sein,. Andererseits: Volkstriathlon ist schnell vorbei. Und selbst das beste Drittel unser Familie war der Meinung, dass ich doch einfach starten sollte, um zumindest die Anfahrt zu rechtfertigen.

Und so kam es, dass ich mich kurz darauf schon im Becken wiederfand. Und wenn mir die freie Wahl zwischen fünfzig und fünfundzwanzig Meter langen Bahnen gegeben wird, dann entscheide ich mich gerne für die vermeintlich schnellere Kurzbahn. Mit mir nur drei andere Starter zwischen den Leinen. Das Wetter hat das Starterfeld wohl schon ordentlich ausgedünnt.

Wir sprechen uns ab. Einer droht mit einer Schwimmzeit von fünfzehn Minuten für die Fünfhundert Meter. Das wird ein veritables Slalomschwimmen geben, fürchte ich. Zum Glück hatte der gute Mann nicht schon darauf hingewiesen, dass er ausladende Schwimmstile in Brust und Rückenlage bevorzugt, mit denen er die Bahn zudem alleine blockiert. Gefühlte fünfmal hatte ich das zweifelhafte Vergnügen, mich an einem breiten und weit austretenden Hindernis vorbeizukämpfen, bis ich nach achteinhalb Minuten aus den kuscheligen 22 Grad des Hagener Freibads heraus musste.

So viel Zeit habe ich selten in einer Wechselzone zugebracht. Doch ich habe keine Sekunde des Ankleidens bereut. Nicht, dass ich mit Laufschuhen auf herkömmlichen Radpedalen auf den Triathlonboliden sprang. Das erwies sich angesichts der völlig durchweichten Wiese, als deutlich bessere Wahl als Barfuß oder auf Radschuhen durch den Schick zu eiern. Dazu eine Jacke, die ich zuletzt im März zu läufen in verschneiten Wäldern zum Sporttreiben getragen hatte und als Krönung Handschuhe. Ich habe es nicht bereut! Die Finger blieben warm, die Jacke war erst zum Ende der 23 Kilometer mit Wasser gesättigt und hatte mich so auf der Radstrecke, die doch mehr Steigungen aufwies als ich es nach der Beschreibung erwartet hatte, warm und leidlich trocken gehalten. Nach 46 Minuten testete ich meine neuen ultraleichten Laufschuhe zum ersten Mal im Wettkampfeinsatz. Das die Sohle Lüftungslöcher hatte wurde mich schnell klar, als ich das erste Mal durch tiefe Pfützen stampfte. Doch wo Wasser schnell eindringt, kann es auch wieder abfliessen. Einzig das ständige Quietschen der Sockenlosen Fersen in den nassen Schuhen machte mir Sorgen um die Widerstandsfähigkeit von Haut. Nach 21 Minuten und fünf ungleichmäßig vermessenen Kilometern (warum schaffen so viele Triathlonveranstalter es eigentlich nicht, tausend Meter abzumessen? – Ist nur mal so ein leise geäußerter Gedanke von mir!) kämpfte ich mich ein letztes Mal über die tiefe Schwimmbadwiese. Die Füße kalt, das Herz heiß und doch glücklich, mal wieder einen Wettkampf gefinisht zu haben.

Mit meinen Leistungen bin ich zufrieden, auch wenn ich aus Erfahrung weiß, dass verheißungsvolle Platzierungen bei Volkstriathlons (diesmal siebzehnter von über hundert Startern) schnell meinen irrigen Glauben nähren, dass ich mich mit ambitionierteren Ausdauerdreikämpfern auf längeren Distanzen messen könnte.

Egal! Einige Stunden später, als mich das heisere Röhren von hochgezüchteten Motoren in Monaco im Fernsehsessel in den Schlaf wiegte, träumte ich schon von guten Zeiten bei der Bocholter Mitteldistanz in vier Wochen.

 

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