Lob des ländlichen Tschechiens

Tschechien, ich fühle mich bezirzt. Alles hast du gerichtet, auf der Etappe vom Budweiser Moldaustrand ins mittelböhmische Hügelland, damit der Radfahrer sich weiden kann. Inliner-Highway auf Promenade und Hochwasserdeich. Allee durch Fischweiher, die im Wechsel der Jahreszeiten vom Ornithologen- zum Mückenparadies sich wandeln werden, durch den Sportpark am Fuße eines Märchenschlosses gebaut für Anhänger von Tudor- und Windsor-Dynastien. Das einsame Achterbahnabenteuer auf dem Gillette-Mach-3-Asphalt eines EU-geförderten Radwegs, direkt an der Moldau entlang, rauf und runter durch dichten Wald, in Parabolica- und Horseshoe-Kurven wieder hinab ans Gestade. Musterdörfer inmitten saftiger Almen, mit Flussblick und allen Zutaten: der Feuerlöschteich, der Senior mit Handkarren, die kleine Bühne für Kinderchor-Aufführungen und sommerliche Gemeinderatssitzung, ein seit Jahren verwaister Tennisplatz, der Sehnsucht weckt nach der großen Ära von Ivan Lendl. Am Wegrand verstreute Ferienhäuser und Camping-Gelegenheiten für die Freunde von Schlauchboot und Kajak, Luftmatratze und fangfrischem Zander. Der Fluss, der sich meditierend weitet, wahrlich die Ruhe weg hat, als Badesee und Stromproduzent. Kraftwerkstürme, die was von Burgen besitzen, wenn sie über irrsinnig grüne Kuppen hinweglugen und ihre rot-weiße Flugabwehr-Banderole sich zu Zinnen formt. Krämerläden am Bilderbuchmarkt, die dem Selbstbedienungs-Diktat trotzig entsagen. Rastplatz am Fluss, der mich bei dreißig schweißtreibenden Grad die Armlinge anlegen lässt, als Schutz vor Sonnenbrand. Landpartie von gemäßigter Mühsal auf kaum frequentierten Straßen, dann auf verschlungenen Forstwegen durchs verwunschene Schattenreich, in dem ich vorsorglich das Handy einschalte, damit man mich notfalls orten kann … sollte ich an ein Häuschen kommen, aus Pfefferkuchen fein. Der Hahn aus ungarisch-osmanischer Zucht, der mich wieder zurück in der Zivilisation begrüßt. Kükükerüküüüü. Immer wieder Steinsockel und Schrotholzbalken, die mit Feuereifer originalgetreu restauriert werden.

Tschechien - Legohr mit Raps

Tschechien, ich fühle mich bezirzt, so umworben, dass ich meinerseits schon anfange, um Adoption zu buhlen, mich zu bewerben als Neubürger, der deine Hymne trällert.

 

Wo durch Wiesen Bäche brausen,

Wo auf Felsen Wälder sausen,

Wo ein Eden uns entzückt,

Wenn der Lenz die Flure schmückt:

Dieses Land, so schön vor allen,

Böhmen ist mein Heimatland.

Böhmen ist mein Heimatland …

 

Ländliches Tschechien, ich fühle mich umgarnt. Böhmen, du hast mich erweckt. In dir, auf dir, mit dir werde ich wieder Radfahrer mit Leib und Seele, mit riesig’ Lust und vortrefflichster Laune. Allein unterwegs – unvorstellbar allein, wunderbar allein! – zwischen Budweis und Prag, zwei Touristen-Magneten mit globaler Zugkraft. Immer rauf und runter. Wie im Leben. Doch ich bewahre die Ruhe, immerzu, bleibe Buddha im zu engen Dress, auch im Anstieg, denn ich weiß, ich werde schon gleich wieder belohnt, mit dem Rausch einer Abfahrt, auf der ich die Beine hängen lassen kann und die Seele baumeln. Das Pedal, das nicht an Drosselklappen und Einspritzanlagen angeschlossen ist, heut’ erweist es sich wieder als magisches Werkzeug. Als ein Instrument der Grazie fast, selbst in der Gewalt eines Bauerntrampels. Alles ist Rhythmus, jeder Gang passt, denn er ist niedlich klein und mit gelassenem Bedacht gewählt. Kein Hochpuls triezt die Ventilation, keine Säure sickert in mein Fleisch. Wie heißt noch das Grimmsche Märchen, in dem ein Prinz sich in eine Taube verwandelt, wenn Feuerschein auf ihn fällt? Gleich hebe ich ab. Wann habe ich eigentlich zum letzten Mal geflucht? Es muss in einem anderen Leben gewesen sein.

Böhmische Städter, böhmische Dörfler, ich bin hingerissen. Wenn ihr das Rad bewegt, dann mit jenen »schmiegsamen, elastischen Bewegungen«, an denen schon Heinrich Laube während seiner Reise durch das Biedermeier gleich zu erkennen glaubte, dass man hier in einem slawischen Land sein müsse. In einem Land voller geborener Radfahrer. Ob ihr es in Leggings im kreischenden Flieder beweist oder im Maillot jaune aus Baumwolle, das von Körpersäften kunstvoll zum Batik-Leibchen umgestaltet wurde – es ist eine Wonne, eure Beine sich drehen zu sehen. Mettendchen und Ebenholz, wurstig und akzentuiert, haarig und gut geölt.

Und wenn ihr kein Rad bewegt, dann habt ihr für den, der es tut, stets ein freundliches Wort und dazu eine ebensolche Geste. Es wird nicht geglotzt, sondern gegrüßt – und zwar gefälligst als Erster. Sobald ihr einen Fremden am Horizont sich buckeln seht, holt ihr bereits aus zu einer Friedensbewegung, die Hand zum Ave. Fast scheint es, in böhmischen Dörfern grassiere die Furcht, das Gesicht zu verlieren, wenn man nicht selbst es ist, der zuerst grüßt. »Ahoi« und »Dobrý den«. Sogar die noch schulpflichtigen Söhne des Landes wirken eifrig mit, in einem Alter, in dem doch eigentlich zu vermuten stünde, Feuerwehrmann Sam hätte als Rollenmodell ausgedient, wäre längst von zahnlos sich prügelnden Eishockey-Stars abgelöst oder von demonstrativ schlecht erzogenen Koryphäen des Sprechgesangs. »Ahoi! Ahoi!«, grüßt es auch im Stimmbruch, dessen Besitzer dem Großmütterchen die Einkaufstaschen den weiten Weg zurück vom COOP Tuty im Nachbardorf schleppt. Hinter dessen langem Tresen hat die heimliche Königin böhmischer Liebenswürde ihr Reich, freut sich wie Bolle über jeden Kunden. Auch wenn der seine Bestellung nur mit verdruckstem Kichern und frei interpretierbaren Fingerzeigen zu übermitteln versteht. Und bevor sie ihn wieder entlässt in seine nächste Rast, dann nicht ohne ihm noch einen mehrminütigen privaten Sprachunterricht geschenkt zu haben. Auf dass auch er künftig in der Lage ist, die gängigen Abschiedsworte in der gemessenen Melodie zu nuscheln und zu singen. Na shledanou! Ich mühe mich redlich, bekomme den richtigen Rhythmus aber einfach nicht hin. Zunge und Gaumen fehlt es an ausreichend schmiegsamer Elastizität.

Die ansteckende Unschuld, die diesen Landstrich beseelt, seine geradezu grandiosen Harmonien, habe auch ich längst verinnerlicht. So unzugänglich sich abschnittsweise die Moldau zeigt, wenn sie sich fern aller Straßen durch dicht bewaldete Hügelketten windet, so zugänglich ist hier jede Menschenseele. Gäbe es ein paar intakte Gotteshäuser mehr, vielleicht auch ein paar Grindcore-T-Shirts und Militäranzüge weniger, würde ich mich in einem riesigen Hutterer-Reservat wähnen. Es kann zwar auch hier vorkommen, dass ein junges Mädchen halbbekleidet am Ortsausgang steht, aber es ist allein den hochsommerlichen Temperaturen geschuldet und ein Akt unschuldigen Urvertrauens ins Gute im Menschen. Denn sie streckt nur den Daumen heraus, nicht den Mittelfinger oder Schlimmeres.

Am Moldaustrand: Zwei verwundete Finger begrüßen die "2.000" auf dem Tacho.

Am Moldaustrand: Zwei verwundete Finger begrüßen die „2.000“ auf dem Tacho.

Böhmen, ich fühle mich bezirzt. Böhmen, ich danke dir, für die Huld im rechten Moment. Bei Erreichen der Zweitausend-Kilometer-Marke habe ich deine Moldau ganz für mich allein. Nur eine gefühlte Reifenbreite entfernt schwappt sie an mir vorbei, kein Mensch weit und breit. Ich stoße mit der Trinkflasche mit Legohr an, mit seiner Lenkstange, dass es herrlich Pling macht, und sonne mich in dem Gefühl, am anderen Flussufer, da könne er jede Sekunde herausgetrottet kommen, Petzi, der Bär, seine Angel auswerfen und reihenweise Lachse aus dem Fluss ziehen. Stunden später dann erwarten mich plötzlich auf weiter Flur zwei steinerne Figuren. Rechts und links der Landstraße stehen sie – Fürst, Kardinal, Papst? – auf ihren Sockeln, einander zugewandt, und der weniger Mächtige unter ihnen entbietet dem Gegenüber eine Verbeugung. Eine Reverenz, die ich in spontanem Größenwahn gleich auf mich beziehe, denn die Kilometeranzeige auf dem Display ist soeben umgesprungen: »2.087,0« lese ich und bekomme eine Gänsehaut. Noch mögen es Abertausende Pedaltritte sein bis Prag, aber jetzt wähne ich mich endgültig auf der Zielgeraden angekommen, nun, wo exakt die Distanz der Friedensfahrtstrecke gemeistert ist, der zu folgen ich mir vorgenommen hatte. Wenn mir schon wieder die Tränen kommen, dann ausnahmsweise nicht, weil mir ein Insekt ins Auge geflogen wäre.

 

Aus dem 31. Kapitel: „Maiandacht“

 

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