Corsa Rosa – Zitate des Tages zum Giro d’Italia (1. Etappe – MZF Belfast)

In ein paar Stunden geht’s in Belfast los mit dem 97. Giro d’Italia. Statt eines Prolog: Contre-la-montre mit den Teamkollegen. Zur Einstimmung ein paar Impressionen vom Mannschaftszeitfahren (von Peter Winnen, David Millar, Paul Kimmage und Laurent Fignon):

 

Peter Winnen – Tour 1983

Der Tag danach. Mannschaftszeitfahren über hundert Kilometer. Das Team Post kassierte ausgerechnet im Teamzeitfahren eine Tracht Prügel. Es wurde Geschichte geschrieben. Die Mannschaft galt in dieser Disziplin als unschlagbar. Am letzten Messpunkt wurde Post noch als das schnellste Team gestoppt, trotz des frühzeitigen Verlustes von Mannschaftsmitgliedern unterwegs.

Fünf Kilometer vor dem Ende waren von den anfänglich zehn Fahrern nur noch fünf übrig. Dann fiel der fünfte Mann zurück. Das nötigte alle zur Zurückhaltung, denn die Zeit, mit der der fünfte ankam, wurde als Schlusszeit für das Team registriert. Raas ließ sich zum fünften Mann zurückfallen und brachte ihn wieder an die drei anderen heran. Dieses Spiel wiederholte sich ein weiteres Mal, denn der entscheidende fünfte hatte sein Limit erreicht und nahm seine Umgebung nur noch schemenhaft wahr. Schließlich schloss das Team Post mit dem vierten Platz ab. Der fünfte Mann hatte eine holländische Erfolgsgeschichte jäh zerstört. Das wurde ihm von allen Seiten eingehämmert. Der Störenfried wäre am liebsten mit einer Jacke über dem Kopf von der Bildfläche verschwunden. Dieser fünfte Mann war ich.

Aus: Post aus Alpe d’Huez (Covadonga Verlag, 2005)

 


David Millar – Giro 2008

Am ersten Tag des Giro d’Italia siegten wir dann beim Teamzeitfahren, und Christian holte das begehrte Rosa Trikot des Gesamtführenden. Für Slipstream ein gigantischer Erfolg – schon bei unserer ersten großen Rundfahrt hatten wir die Auftaktetappe gewonnen und einen Amerikaner an die Spitze gebracht. Dieses Ergebnis war das ideale Beispiel für unsere gelungene Mischung aus Wissenschaft und Teamgeist.

Aber an jenem Tag war es Matt White, der es uns ermöglichte, diese Mischung in die Rennpraxis umzusetzen. Von uns allen hatte er am meisten zu lernen, denn er war zu Anfang des Jahres ins kalte Wasser geworfen worden. Doch schon bis zum Beginn des Giro hatte Matt unvorstellbar viel gelernt, und er war bereits imstande, seinen Job besser zu erledigen als 90 Prozent jener directeurs sportifs, die schon seit langem im Radsport tätig waren.

Seine mitreißende Rede vor dem Mannschaftszeitfahren beim Giro bleibt einer meiner unvergesslichsten Augenblicke im Sport. Wir waren enorm inspiriert, und ich werde nie vergessen, wie wir uns hinter dem Ziel versammelten und uns gegenseitig zu unserem perfekten Ritt gratulierten. Wir wussten alle, noch schneller hätten wir nicht fahren können – trotzdem mussten wir 45 Minuten warten, bis wir endlich als Sieger feststanden. Das Resultat war uns im Prinzip egal, denn wir wussten, dass wir uns nichts vorzuwerfen hatten. Ein ganz erstaunliches Gefühl.

9783936973716

Aus: Vollblutrennfahrer (Covadonga Verlag, 2012)

 


Paul Kimmage – Tour 1989

Am Morgen fuhr ich so schlecht, dass ich mich gezwungen sah, für das nachmittägliche Mannschaftszeitfahren ein Koffeinzäpfchen einzunehmen. Vor dem Start rollten wir uns zwanzig Kilometer ein, und dabei wollte ich mir das Ding einführen. Aber das war ungünstig, weil Bazzo mit seinem Wagen direkt hinter uns herfuhr. Ich wollte nicht, dass er irgendetwas mitbekam. Er würde triumphieren, wenn er sähe, wie ich mir den Finger in den Arsch steckte. Und ich hatte keine Lust, mich ihm und seinen Sticheleien zum Fraß vorzuwerfen. Ich hielt an, gab vor, pinkeln zu müssen, und führte mir das Ding am Rande der Landstraße ein. Es war entwürdigend. Ich wusste, dass das Zeug keinen großen Unterschied machen würde. Es war lediglich eine Überlebensversicherung. Ich dopte, kein Zweifel, aber was ich nahm, war ein Taubenschiss gegenüber dem, was andere taten. Es grämte mich. Doch dies war meine letzte Tour. Ich wollte sie nicht schon am zweiten Tag aufgeben müssen.

Ich fuhr stärker als bei den Mannschaftszeitfahren im Giro, doch ich war weit davon entfernt, etwas Großartiges zu vollbringen. Am Abend bin nicht gerade stolz auf mich.

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Aus: Raubeine rasiert (Covadonga Verlag, 2003)

 


Laurent Fignon –  Team Renault-Elf 1983

»Guter Mann, alles, was du machen musst, ist, mehr zu trainieren. Dann klappt’s auch wieder im Rennen.« Ich höre mich diese Worte noch mit einer Lockerheit sagen, die keine mildernden Umstände erlaubte. Sie waren an Bernard Hinault gerichtet. Ja, an Bernard Hinault höchstpersönlich…

Zu Beginn der Saison 1983 befanden wir uns in Italien, und unser Bretone steckte ernsthaft in Schwierigkeiten: Sein Wintertraining ließ mal wieder zu wünschen übrig… Eines Abends, bei Tisch, nachdem er uns zuvor übelst beschimpft hatte, weil wir bei einem Mannschaftszeitfahren ein allzu flottes Tempo vorgelegt hatten, konnte ich der Versuchung nicht widerstehen, ihm meine Meinung zu geigen. Woher dieser leicht aggressive Ton kam? Er war – ohne Vorsatz – einfach meinem Mundwerk entschlüpft. Eiseskälte breitete sich über die Tischrunde. Und es geschah Unglaubliches. Während ich eine heftige Reaktion des damals viermaligen Siegers der Tour de France erwartete, war dieser über seinem Teller eingenickt.

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Aus: Wir waren jung und unbekümmert (Covadonga Verlag, 2010)

 


 

Peter Winnen –  Tour de France 1982

Die Körper kamen langsam auf Renntemperatur. Wir fuhren im allergrößten Gang, alles Blut wurde in die Beine gezogen, wodurch unsere Köpfe jene merkwürdige Blässe zeigten, wie sie der Hingabe an die größtmögliche Anstrengung zu eigen ist. Braun sorgte für lange, für sehr lange Ablösungen an der Spitze. Sein Tritt war verdammt elegant und kräftig. Nein, so einfach wurden sie uns heute nicht los. Dann kam uns plötzlich das vollzählige Team Wickes-Splendor entgegen, das zu diesem Zeitpunkt mindestens zwanzig Kilometer weiter vorne über die Piste hätte rasen müssen. Sie strampelten ruhig, die Hände am Oberlenker. Eine Meuterei, weil die Zahlungen des Sponsors ausgeblieben waren? War ein Flugzeug auf der Piste abgestürzt? Der dritte Weltkrieg ausgebrochen? Kurz darauf, in Denain, fuhren wir in eine Wegblockade. Wir kamen zum Stillstand. Das Rennen war vorbei.

Was ich davon hielt, fragte ein Journalist.

»Was ist denn los?«

[…] Ich hörte, dass Arbeiter des Stahlgiganten Usinoir das Rennen blockiert hatten. Sie flehten um Kameras, also um Aufmerksamkeit. Zehn Jahre lang hatte man sie systematisch belogen, zehn Jahre lang hatte man sie systematisch kaputt gespart. Von den ursprünglich 10.000 Arbeitern waren nur noch 1.300 übrig. Und für diese 1.300 war es nun ebenfalls aus. Also, was hielt ich davon?

Durch die Anstrengung war nicht mehr besonders viel Blut in meinem Kopf, doch ich erinnerte mich, dass wir heute Morgen irgendwann zwischen neun und elf Uhr durch Denain gekommen waren. Wir hatten auf dem Rad die Strecke des Mannschaftszeitfahrens erkundet. Bereits da herrschte strahlendes Wetter, und es war warm. In meiner Erinnerung war Denain eine einzige Aneinanderreihung von Arbeiterhäusern. […] Als wir an all den grimmigen Männern vorbeifuhren, versuchte ich, nicht daran zu denken, was sich wohl hinter ihrem Rücken abspielte. Vergeblich. Vor mir tauchten hässliche, ermattete Frauen mit sträh-nigen Haaren auf. Kinder mit großen, schwarzen, stupiden Stielaugen. Küchentische, auf denen Brotkrusten lagen. Benutzte Teebeutel und Cervelatwurstpellen. Kanarienvogelkäfige. Sich fortlaufend kratzende Hunde. Rissige Hornhautränder an roten Füßen. Wäscheleinen mit schlapp herunterhängender Unterwäsche. All diese Dinge sah ich, ohne sie wirklich gesehen zu haben, außer in einer Fotoreportage.

»Es ist ärgerlich, wir waren gerade so gut in Fahrt«, antwortete ich dem Journalisten, um die trüben Gedanken zu vertreiben.

Aus: Post aus Alpe d’Huez (Covadonga Verlag, 2005)

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