Corsa Rosa – Das Zitat des Tages zum Giro d’Italia (Marcel Kittel vs. zu viel Wasser)

Zwei Dinge prägten die Bilder der ersten Giro-Tage: 1.) Die überlegene Sprint-Power aus den Schenkeln des mittlerweile krankheitsbedingt ausgeschiedenen Marcel Kittel, die er zwei Mal aus fast aussichtslos erscheinender Position fulminant in Szene zu setzen wusste. Und: 2.) eine Menge Wasser – von oben und entlang der Küstenstraße in der Irischen See und im Mittelmeer. Als der einflussreiche Journalist Joris van den Berg, Teamchef auch der ersten holländischen Tour-de-France-Teams, im Jahr 1941 mit „Die mysteriösen Kräfte im Sport“ den Klassiker der niederländischen Sportbibliothek verfasste, formulierte er gleich in den ersten Zeilen des Buches noch einen eindeutigen Rat an die endschnellen Männer: Sprinter sollten ihre Muskeln tunlichst vom Wasser fernhalten.

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Der Muskel, das Wachstum des Muskels, erfährt die Kraft des gedanklichen Beistands, der Geist assistiert dem Körper. […] Wir haben einen Athleten gekannt, der ein sicheres Gespür für diese geistige und mentale Materie besaß. Er war auf seinem Gebiet, dem Radsport, einer der Größten, den die Welt je hervorgebracht hatte, und während der vielen Fachgespräche, die wir mit ihm führten, hat er einmal Folgendes dazu gesagt:

»Der Sportler, der allein körperlich trainiert, ist wie ein Maler, der nur Farbe aufträgt. So wie ein Künstler mit dem Kopf, mit Gefühl, mit Gedanken malt, so können wir auch Sport treiben und mit der Kraft des Geistes trainieren.

Du kannst einen Muskel durch Übung aufbauen. Du lässt ihn viel arbeiten und du pflegst ihn gut, und dann wird er auf die Dauer von selbst stark. Das ist kinderleicht. Doch ein Muskel, der nur auf diesem Wege stark geworden ist, bleibt ein ›dummer‹ Muskel.

Nun kannst du einen Muskel aber auch durch deine Gedanken stärken, indem du mit deinem Kopf bei diesem Muskel bist. Die meisten Menschen wissen nicht, was der Beistand des Hirns für den Sportler bedeutet. Die meisten Sportsleute haben auch keine Ahnung davon. Nur ganz Vereinzelte spüren es. Die anderen lachen darüber und sehen dich an, als ob du aus der Irrenanstalt entlaufen bist. Deshalb spreche ich mit ihnen auch nicht darüber, und außerdem brauche ich die Konkurrenten doch nicht aufzuklären. Aber ich sage dir, wenn du einen Muskel gestärkt hast, indem du an ihn denkst, indem du mit deinem Hirn bei der Sache bist, dann ist das etwas ganz anderes als der rein körperlich gestärkte Muskel, als der ›dumme‹ Muskel. […]«

Zunächst noch etwas über den lebendigen, vor allem feinfühligen, den heftig reagierenden Muskel. Dies ist der Muskel für den Leichtathleten, für den Läufer, den Weitspringer, den Hochspringer, der Muskel für den Radrennfahrer, vor allem für den Sprinter. Es ist der verzärtelte Muskel, der gepflegte Muskel, der auch durch den Geist umsorgte Muskel, der dünnhäutige Muskel, und er ist von einer Geschmeidigkeit, die ihn, im Ruhezustand, weich erscheinen lässt. Es ist der doppelköpfige Wadenmuskel, es sind die Oberschenkelmuskeln, die man, mit sanften Fingern abtastend, fast wie eine gelatineartige Substanz hin und her werfen kann. Solch ein Muskel ist für manche Sportarten ein schlechter Besitz, und insbesondere der Fußballer sollte ihn niemals ausbilden.

Die Muskeln des Leichtathleten und des Radsprinters in Topform sind dermaßen reizbar, so hyperempfindlich, dass sie zu Reaktionen fähig sind, die man als »erschrecken« bezeichnen könnte. Und so »erschrecken« diese Muskeln unter anderem vor kaltem Wasser.

Sie können kein kaltes Wasser vertragen, ohne von ihrem funktionellen Wert für die sportliche Betätigung einzubüßen. Für Leichtathleten, Radrennfahrer (Bahnradsportler und insbesondere Sprinter) und Boxer, vor allem wenn sie sich in bester Verfassung befinden, sollte das Schwimmen denn auch zu den verbotenen Genüssen zählen.

Es ist nicht allein der Einfluss der Abkühlung; vielmehr steht der plötzliche Gebrauch anderer Muskeln beim Schwimmen im Vordergrund. Dies gilt für alle Sportarten, und deswegen sollten auch Ruderer nicht schwimmen. Außerdem wird der Automatismus – welcher den Körper zu ökonomischem Arbeiten befähigt – durch plötzliche andere Bewegungen gestört werden.

Wir haben gesehen, wie ein Rennfahrer, der Olympiasieger Van Egmond, der sich eben noch in bester Verfassung befand, durch ein einziges Mal Schwimmen total außer Form geriet und am Tag nach dem Schwimmen bezeugte, dass seine Beine, die ihm zufolge so »wunderbar geschmeidig« gewesen waren, sich in Stöcke verwandelt hatten.

Solche Muskeln verlangen immerfort verhätschelt zu werden. Sie müssen ständig warm, ständig wohltemperiert sein, wie in Watte gepackt. Kaltes Wasser verroht einen solchen Muskel, macht ihn spröde.

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Aus: „Die mysteriösen Kräfte im Sport“ von Joris van den Bergh (Covadonga Verlag, 2010)

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