Happy Hours in der Wallonie

Ein Gastbeitrag von Lars Terörde

Eine neue Zehnkilometerbestzeit werde ich in diesem Leben nicht mehr laufen, ein schneller Marathon ist mir wegen der nötigen Vorbereitung zur Zeit zu eintönig und den Kampf um Altersklassenpodeste beim Triathlon kann ich in meiner Altersklasse nur im Reich der Träume aufnehmen.

Außer schönen Erinnerungen habe ich als Sportler nichts mehr zu gewinnen. Deshalb beuge ich mich keinem Diktat irgendwelcher Trainingsplanungen, um zum Saisonhöhepunkt zwanzig Sekunden früher aus einem Schwimmbecken aussteigen zu können.  Daher habe ich die letzten Monate das Schwimmbad Schwimmbad sein lassen und den milden Winter zum Aufbau dessen, was wir Ausdauersportler hochtrabend „Radform“ nennen, genutzt.

Warum? Was trieb mich im Januar auf die Rolle in den Keller und im Februar ins Ruhrtal?

Es war mal wieder eine voreilige Verabredung vor Monaten. Lüttich-Bastogne-Lüttich wird gegeben für Hobbyfahrer. Am Vortag des Profirennens werden 85km, 167km und die originalen 270km dem gemeinen Radvolk zur Wahl gestellt. 167km sind etwa 17 mehr, als ich jemals an einem Stück gefahren bin. Aber wie so oft lassen sich Heldentaten Monate vorher leicht planen und schwuppdiwupp stand ich neben einigen Freunden in der Meldeliste über die Mitteldistanz (was auch der Grund für die Klammern in der Überschrift ist, denn diese Runde führt nicht ganz bis Bastogne).

Lüttich-Bastogne-Lüttich??? Kopfsteinpflaster…? Hellinge…? Schon mal gesehen…?

Alles konnte ich nach etwas Recherche verneinen. Die groben Pflaster gibt es bei Paris-Roubaix. Die giftigen flandrischen Steigungen, Hellinge genannt, bei der Flandernrundfahrt. Und da ich mich als durchschnittlicher Radsportgucker, der vor allem durch die Erfolge der Herren Zabel und Ullrich immer nur für drei Wochen zum Fachmann der Tour de France wurde, nicht an televisionäre Erlebnisse bei Lüttich-Bastogne-Lüttich erinnern konnte, tat ich dieses Rennen leichtfertig ab.

Bestimmt nur eine wenig anspruchsvolle graue Maus unter den Frühjahrsklassikern im Rennkalender, dachte ich. Der Vfl Wolfsburg der Radklassiker. Unbekannt, langweilig und nichtssagend. Da kann ich mich doch locker für anmelden…!  

Von wegen Wolfsburg! Ich lag mal wieder grandios daneben bei der Bewertung von Sportereignissen. Schalke oder Dortmund (da habe ich wirklich keiner Präferenzen) trifft es eher. Traditionsreich, geprägt von harter Arbeit und mit einem festen Platz im Herzen der Region.

Doch keine Sorge. Es kommt jetzt nicht das übliche Gejammer des ungeübten und übergewichtigen Hobbysportlers, der sich zu viel zugemutet hat und für seinen Übermut an den Steigungen der Ardennen  gestraft wird.

Zwar habe ich es glorreich unterschätzt, aber dennoch würde ich es wieder tun.

liege1

Die Vorbereitung auf den Tag bestand aus etwa tausend Kilometern und drei arbeitsfreien Dienstagen, an denen ich Überstunden in lange Kanten verwandelte.

Dazu einer etwas intensiveren Recherche über „La Doyenne“. Der älteste unter den Frühjahrsklassikern wurde dieses Jahr zum hundertsten Mal ausgetragen. Und die Youtube-Filmchen von den diversen Anstiegen sehen ja noch lustig aus, wenn sie dynamische Radprofis im Sprint durch ein dichtes Spalier zeigen. Aber es gab auch Aufnahmen von Radsportgruppen, bei denen Hobbyradler an „La Redoute“  mangels entsprechendem Vortrieb bei zwanzig Prozent Steigung einfach in den Graben kippen. Und das der sagenumwobene Anstieg an der Redoute zwar die spektakulärste, aber gar nicht die schwerste Steigung auf dem Ritt mit 2600 Höhenmetern durch die Ardennen sein sollte, machte mir zusätzlich Bauchschmerzen.

Noch mehr schmerzte es aber, dass sich zum abschließenden Formtest in Essen Kettwig am Sengenholzer Weg  bei gefühlten 25 Prozent der Freilauf meines Rennrades verabschiedete. Zwar rettete ich mich noch nach Hause, aber keinesfalls wollte ich mit einem Fixed Gear in Lüttich am Start stehen. Jetzt rächte sich zudem, dass ich mein Rad nach einer großzügigen Schenkung auf edle italienische Komponenten umgerüstet habe. In der nachösterlichen Woche war es gar nicht so einfach, ein Laufrad zu bekommen, welches zu der betagten Neunfach Campagnolo Gruppe passte. Nach langen Suchen fand ich schließlich in Duisburg ein Juwel unter den Fahrradgeschäften, das genau das erwünschte auf Lager hatte: Handeingespeichte 36 Edelstahlstängchen und ein Freilaufkörper, welcher paarungsbereit auf eine Campakasette wartete.

Wer noch nie auf einer so großen Radsportveranstalter war, der muss sich diese Challenge am Vortag des Profirennens als eine Art Großstadtmarathon auf zwei Rädern vorstellen. Sprachengewirr, Schlangen vor überdimensionierten Einschreibezelten. Verkaufsstände und Dienstleister, die um die Aufmerksamkeit der Sportler buhlen.

Keineswegs ist es nur eine einsame und ruhige Fahrt über eine gut beschilderte Strecke. Es ist kein Radrennen, aber es fühlt sich doch so an. Es gibt keine Zeitnahme und den Zeitpunkt des Starts kann jeder innerhalb eines etwa zweistündigen Zeitfensters selbst wählen, aber die Duelle finden trotzdem statt. Immer mit dem, der gerade vor und hinter einem fährt. Einzig an vier markanten Steigungen gibt es separate Zeitnahmen für eine Wertung. Die Straßen sind nicht für den Verkehr gesperrt, aber an allen großen Kreuzungen sorgen Helfer für sichere Passage der Radler. Und die große Anzahl an Teilnehmern vermittelt das seltene Gefühl, als Pedaleur zur herrschenden Klasse der Landstraße zu gehören. Heute haben die Radler mehr Rechte. Und heute fahre auch ich in zweiter Reihe ohne schlechtes Spießergewissen.

Der Tag beginnt um 6.00 Uhr. Der Wecker meiner Sportuhr reißt mich aus dem komfortablem Bett des sauberen Mittelklassehotels im Herzen von Lüttich – im übrigen eine faszinierende Stadt voller offener Fragen, die ich gerne bei weiteren Besuchen beantwortet haben möchte-, eine schnelle Dusche, dann der fragende Blick nach draußen. Trocken, aber noch morgenkühl. Ich klappere also mit dreiviertel Hose und Zwiebellook in den Frühstücksraum. Die vierzehn zusätzlichen Euros für das Morgenmahl müssen sich lohnen. Joghurt, Obst, Brot, Rührei, Schinken werden mit großzügig bemessenen Filterkaffeemengen gemischt. Ein bedeutender Vorteil des Radfahrens gegenüber dem Laufen oder gar dem Schwimmen ist, dass es auch mit prallvollem Magen geht.

Um halb acht rollen wir so satt wie man nur sein kann durch Lüttich. Der Weg zum Start bringt uns die ersten sechs Kilometer, welche fast durchgängig bergauf gehen. Mit uns zwei Engländer aus dem Hotel, die extra für die Jubiläumsausgabe des Rennens aus Edingburgh angereist kamen.

Um acht starten wir. Ampeln und unzählige bunte Radfahrer erfordern volle Konzentration. Rasierte Beine in extravaganten Outfits auf teuren schmalen Reifen unter Carbonrahmen sind häufiger zu sehen als unrasierte Altmettaller. Aber im Großen und Ganzen ist alles auf zwei Rädern unterwegs was sich vorstellen lässt.

Ich orientiere mich an dem Klebestreifen, der den Startunterlagen beilag. Aufgeklebt auf der Trinkflasche zeigt er, wann Verpflegung und Berge kommen. Nach achtundvierzig Kilometern wartet die erste Zwischenmahlzeit und danach der erste Berg. Beruhigend viel Zeit zum Einrollen denke ich, als sich plötzlich eine Steigung vor mir auftut.

„Wie kann das sein, es steht doch noch gar nichts auf der Flasche?“ frage ich mich empört, während sich die Straße immer weiter aus Lüttich heraus durch Wald und Vororte bergwärts windet. Keine zehn Kilometer sind vorbei, und schon habe ich einen Begleiter einer grünen Ampelphase geopfert und die anderen drei nach vorne verloren. Ich bin alleine! Allein unter tausenden Radsportlern. Und auch wenn ich in den letzten Jahren schon häufiger das Niveau der Belgier und Niederländer auf zwei Rädern bewundern musste, frustriert es doch, dass ich in der Steigung zum Verkehrshindernis der einheitlich gekleideten Sportgruppen werde.

„Ob die wohl auch mit rechts eine wedelnde Handbewegung nach hinten machen, um den Hintermännern das große Hindernis in der weißen Jacke anzukündigen, kurz bevor sie mich überholen?“, frage ich mich besorgt. Ich fürchte sehr, dass sie es getan haben. Denn sie waren so schnell, dass ich noch nicht mal darüber nachdenken mochte, im Windschatten von der Führungsarbeit der Gruppe zu profitieren.

Auch wenn ich darauf eingerichtet war am Berg nicht den Ton anzugeben und ich mir im Laufe der Jahre etwas Altersweisheit zugelegt habe, so sticht doch jeder Überholvorgang ein bisschen. Nach wenigen Kilometern war ich das vollbelegtes Nadelkissen auf der Fensterbank meiner –Gotthabsieselig – Großmutter.

„Und wenn diese geschätzten vier Kilometer bergan es nicht wert sind auf dem Klebestreifen Erwähnung zu finden, wie mögen denn dann erst die vermerkten Steigungen sein, die nach über hundert Kilometer warten?“ Mir rutscht das Herz in die Polsterhose. Rückblickend kann ich sagen, dass die ersten fünfzig Kilometer die härtesten sind. Schlechte Laune wegen der ständigen Überholvorgänge mischen sich mit der Angst vor der langen Fahrt. Die Zweifel nagen in mir, ob ich mir da nicht doch zu viel zumute. So lange bin ich noch nie gefahren und so viele Höhenmeter auch schon lange nicht mehr.

In meiner Rückentasche liegen siebzig Euro als Rettungsanker. Aber was würden die mir nützen, wenn ich achtzig Kilometern vor Liege (der heimische Name für Lüttich) als Häufchen deutsch- und englischsprachiges Elend am frankophonen Wegesrand verrecken würde?

Nach achtundreißig Kilometern steht die erste Entscheidung des Tages an.

Kein Scharfrichter, der Gruppen sprengt, sondern schlicht die erste Streckenteilung. Wenn ich jetzt rechts abbiegen würde, dann würde ich auf direktem Weg in die schweren Steigungen fahren, aber dafür etwa hundert Kilometer dazwischen sparen. Die 78 Kilometer Fahrer verlassen die Route! Was für eine schwere Entscheidung. Es fällt mir schwer, aber ich bleibe doch auf der Strecke. Irgendwie habe ich sitzt mir das ungute Gefühl im Nacken, den 175 Kilometern nicht gewachsen zu sein. Und daher reift auf den nächsten zehn Kilometern, die im übrigen wieder unverzeichnet bergan führen eine verführerische Idee: „ Nach der Labe kehre ich einfach um und biege noch in die kurze Runde ein.“

Nahrung findet diese hässliche Gedankenpflänzchen in den unheilsschwangeren Schilderungen eines holländischen Mitfahrers, der in düsteren Tönen vor der Steilheit der letzten drei Steigungen (diese sind dann doch vermerkt) nach über hundert Kilometern warnt.

„O.K., das war es für mich.“ Der Entschluss steht fest, als ich an der ersten Verpflegung bin und mir den Bauch mit belgischen Waffeln (die mit den knirschenden Zuckerkristallen drin) vollschlage. „Du drehst um, nimmst die drei harten Steigungen in Angriff und hast dann immerhin auch knapp hundert Kilometer geschafft.“ Ich stehe auf der Landstraße und suche nach einer Lücke, um dem Strom der ankommenden Radler entgegenzurollen.

„Lieber resigniert und gesund als kämpferisch und halbtot!“ In Gedanken bin ich auf dem Rückweg. Finde ich den ohne Pfeile? Klar, doch, ich muss doch nur den radelnden Massen entgegen fahren, dann werde ich automatisch an die Streckenteilung kommen. Ich fahre los…

…und einem rätselhaftem Impuls folgend werfe ich in den Bruchteilen einer Sekunde alle Überlegungen über den Haufen.

„Was soll ich denn all den Vereinskollegen erzählen, wenn ich kürzer gefahren bin?“ Ich biege ganz kurzentschlossen nach rechts ab und bleibe auf der Strecke.

Achtundvierzig Kilometer hinter mir. Noch sieben Kilometer bis zur ersten verzeichneten Steigung. Jetzt gilt es. Und mit jedem Kilometer den ich mich durch die schöner werdenden Landschaft der ersten Prüfung nähere werden die Zweifel kleiner. Jetzt gibt es kein Zurück mehr. Auf geht’s in die Ardennen.

liege2

 

Landschaft, Straße, Tacho

L´Ancienne Bariérre ist der Name der ersten Steigung, die den Veranstaltern würdig genug erschien, auf der Streckenskizze Erwähnung zu finden. Ich persönlich fand das stete Auf und Ab bislang schon anspruchsvoll genug, so dass ich jetzt voller Ehrfurcht die Markierung passiere, die den Beginn des 4800 Meter langen Anstiegs ankündigt. Es ist leerer  geworden auf der Strecke. Die Streckenteilungen haben das Feld gelichtet. Trotzdem bin ich auch hier nicht der lässige Souverän der Landstraße. Im Gegenteil. Weiterhin gehöre ich aufwärts zu den unteren zehn Prozent.

Aber da ich Lüttich im Sattel sitzend wiedersehen möchte, widerstehe ich dem Drang mich an die verlockenden Rückfronten vorbeiziehender Bergziegen zu heften. Stattdessen lass ich den Blick über Landschaft, Straße und Tacho schweifen. Ich zähle die angekündigten 4800 Meter rückwärts. Stetig, schnurgerade und nicht so steil wie befürchtet führt mich die breite Straße in den Wald hinein. Und ohne das es besonders schwer geworden ist, habe ich schon die Hälfte geschafft. Der Rettungsanker dreht sich unberührt auf dem neuen Laufrad und das bleibt sogar bis zum Ende der Steigung so. Während oben die rasanten Gruppen verweilen, rolle ich in eine Abfahrt ganz nach meinem Geschmack. Nicht zu steil, nicht zu schmal und langgezogene Kurven. Die komprimierten Gewichtsvorteile katapultieren mich in die Upper Class des Tempofeldes. Die kleinen Freuden der Abfahrt begleiten mich einige Kilometer und schon naht die nächste Verpflegung.

Um es aber nicht zu leicht zu machen, haben die Veranstalter die Anfahrt zu dieser noch mit rauem Kopfsteinpflaster ausgelegt. Im Innenhof eines schlossähnlichen Gebäudekomplexes wandern unzählige Becher Iso, massenweise Salzstangen und Trockenobst, sowie die üblichen Süßspeisen in meinen Zwischenspeicher zu Energiegewinnung.

Umkehren ist jetzt keine Option mehr. Der Blick auf die große Landkarte bestätigt, dass ich weiter als hier in Stavelot nicht mehr von Lüttich weg sein werde. 73 Kilometer gefahren, aber noch sechs Cotes vor mir.

Von der rechten Schulter flüstert mir mein Sportengel aufmunternd zu, dass ich schon fast die Hälfte hinter mir habe: „Die Form stimmt, die fühlst Dich gut. Du bist unterwegs im Herzen Europas und nicht im Dschungel Amazoniens. Es kann Dir nichts passieren und schon bald bist Du wieder im Dunstkreis Deines Hotels. Mach Dir also keine Sorgen!“

Doch Teufel links lässt nicht lange auf sich warten: „Pah, Hälfte! Das ich nicht lache! Jetzt kommen die hundert schweren Kilometer! Du hast bisher gar nichts erreicht! Das war noch kommt ist der Hammer und Du hast schon Körner für fünfundsiebzig Kilometer verschossen. Bis jetzt war nur Kindergeburtstag. Dafür warst Du gerade gut genug. Aber jetzt ist für Erwachsene. Und ob Du da zu gehörst, frage ich mich schon lange. Fühl dich bloß nicht sicher!“

Danke Teufel.  Du hast dein Ziel erreicht: Ich fühle mich nicht sicher. Dafür aber einsam. Wie beim Berlin Marathon erdrückt mich die Masse an buntgewandeten Menschen. Ich wünsche mir jemanden, mit dem ich meine Sorgen teilen kann. Doch die Begleiter sind schon lange über zwei Berge und wahllos französisch sprechende Sportler anzusprechen scheint nicht erfolgsversprechend, wenn alles was einem auf Französisch noch einfällt die Frage nach dem nächsten Schwimmbad ist.

Ich entscheide mich fürs weiterfahren und balanciere über das grobe Pflaster im kleinen Städtchen Stavelot auf eine Ampel zu. Sie zeigt rot und ich stelle mich am Pulk an. Die Pause eröffnet mir die Möglichkeit, in Ruhe geradeaus zu schauen.

–                    Das ist jetzt die Stelle, an denen im Unterschichtenfernsehen irgendeine tätowierte Teeniegöre „Oh mein Gott!“ rufen und sich vor Schreck die Hand vor den Mund halten würde, bevor sie in hysterisches Lachens ausbräche. –

Schnurgerade himmelwärts geht es hinter der Kreuzung durch den Ort weiter. Eine Steigung, die jetzt endlich Leiden verspricht.

Voller Unbehagen und Stroopwaffeln blicke ich zum Cote de Haute Leveè hoch. Irgendwann verliert sich der Blick hinter einer Kurve mit ungewissem Steigungsfortgang. Die Ampel wird grün, der Drang zur Konversation ist noch nicht verschwunden. Wie einen alten Freund begrüße ich den Rettungsanker.

„Komm Kumpel, Du und Ich, wir sind doch ein prima Trio!“, versuche ich mich mit Fußballerzitaten aufzumuntern. Kette links und Eyes Down. In steilen Stücken konzentriert sich mein Gesichtsfeld auf das in Zeitlupe vorbeischleichende Asphaltstück der nächsten fünf Meter. Stetig und steil geht es lange geradeaus auf die Kurve zu, hinter der der Anstieg unvermindert weitergeht. Einige wenige schieben, aber mit Hilfe meines 27zähnigen Freundes lasse ich die Kompakte Kurbel bis oben rotieren.

„Ging doch einigermaßen….!“, gratuliert mir das Engelchen von der rechten Schulter runter, was zur Folge hat, dass der Teufel wortlos auf das Schild deutet, welches die Kilometer bis zur nächsten Steigung ankündigt. Es wird die erste mit Zeitnahme sein. Das lässt zumindest befürchten, dass sie spektakulär schwerer sein wird. Die eigene Zeit ist mir diesmal wirklich egal.

„Hauptsache ankommen, die Zeit spielt keine Rolle!“, gehört bekanntlich zu den Top Five der Hobbysportlerlügen, aber hier und heute stimmt es für mich. Mein einziges Zeitziel ist die Happy Hour an der Hotelbar, die Bier zum halben Preis verspricht.

Ein paar Impressionen vom Sonntag / Foto: A. Beune

Ein paar Impressionen vom Sonntag / Foto: A. Beune

An mir fliegt ein Trikot vorbei. „Kölner Universitätskliniken“. Soll ich als Düsseldorfer so weit sinken, mich in den Windschatten eines rheinischen Rivalen zu setzen? An Tagen wie diesen…? Sicherlich. Kennt mich ja keiner hier…

„Das musst Du aber zu Hause erzählen…“, hält mir der freundliche Bewohner der rheinischen Metropole vor (Anm. des Autors: „Hiermit erledigt!“)

Auf den Flachstücken lutsche ich gnadenlos, bergan verliere ich das Trikot aus den Augen und abwärts überhole ich ihn. Die Kilometer fliegen über den Tacho, es könnte endlos so weiter gehen, doch plötzlich und unvermittelt bereitet die Streckenführung diesem heiteren Spielchen ein jähes Ende. Hinter einer scharfen Rechtskurve versteckt wartete der Col du Rosier. Der erste Berg mit Zeitmessung veranlasst die ehrgeizigen Fahrer zur Pause vor dem Start. Ich rolle stoisch weiter und begrüße den Rettungsanker.

Das die Belgier schnell Rennradfahren können, habe ich schon bemerkt. Dass ich aber mitten im Anstieg die vierköpfige Familie mit den normalen Tourenrädern nur sehr langsam überhole, sorgt am Abend in Lüttich für Erheiterung. In dem Moment aber verhöhnen mich die prall gefüllten Satteltaschen der Mutter mitten in der Steigung. Strecken, die meine Holden nicht mal mit dem Auto fahren möchten, sind den Belgiern eine Familienradtour wert. Ich fasse es nicht.

Doch auch irgendwann ist der Anstieg vorbei. Während sich ausgepumpte Zeitfahrer in schattigen Plätzchen mit Getränken versorgen rolle ich in der Manier eines Dieseltreckers weiter. 25 Kilometer bis zur dritten und letzten Verpflegung bei Kilometer 115.

Ausnahmsweise jetzt wirklich flach. Die Landstraße bleibt im Flusstal. Und es beginnt die logische, wenn auch immer wieder erstaunliche Sogwirkung des Pulkfahrens.  Am Ende sind wir bestimmt hundert. Das macht nicht wirklich Spaß, wenn man sich schon bei der Ausfahrt der achtköpfigen Trainingsgruppe des Triathlonvereins beengt und unwohl fühlt. Anflüge falscher Platzangst und die todesverachtenden Überholmanöver der belgischen Autofahrer lassen zumindest vergessen, dass man nach fünf Stunden auf dem Rad eigentlich leiden sollte. Ich frage mich, ob das Anhupen von Radgruppen wie bei uns ein aggressiver Akt der Verkehrserziehung oder einfach ein freundlicher Hinweis auf den bevorstehenden Überholvorgang durch den Autofahrer ist. Mich stresst es jedenfalls jedes Mal. Zum Glück nicht allzu lange. Denn plötzlich und unerwartet sind wir an der letzten Labe. Der letzten Labe vor den großen Prüfungen. Der letzten Labe vor  dem legendären Cote de la Redoute, dem Cote de la Roche au Faucons und dem Cote de Saint-NicolasLa Redoute“. Der letzten Labe vor fünfzig schweren Kilometer mit Steigungsspitzen über 20 Prozent, die noch zwischen mir und der Happyhour liegen.

 

Tetanische Tendenzen

Die dritte Verpflegungsstelle sieht nicht anders aus als die ersten beiden. In mehreren Reihen schieben sich Radsportler an langen Tischen vorbei, weiter hinten stehen große Plastiktanks in denen unablässig Wasser mit unvorstellbaren Mengen Iso Pulver verrührt wird und an den Dixipissoirs kann man dem Gegenüber in leere Augen schauen, während man den Hauptstrahl an Uringetränkten Bananenschalen vorbeilenkt.

Die Optik ist die gleiche wie bei Kilometer 48 oder 73, doch jetzt ist die Stimmung anders. Nicht mehr geprägt vom Aufbruch in den jungen Tag und guter Laune. Die Gespräche sind leiser und aus den Gesichtern ist die Zuversicht gewichen. Diejenigen, die am Anfang gar nicht aus dem Sattel steigen wollten, klammern sich jetzt an die Hoffnung, dass zwanzig Minuten Pause die verbrauchten Energien zurückbringen können. Es ist ruhiger hier, wo sich die Mitteldistanzler und Langstreckler fünfzig Kilometer vor dem Ziel treffen. Die lauten Maulhelden der Landstraße brauchen den Mund zur Aufnahme zuckerhaltiger Nahrung. Trainingsweisheiten und Beschwerden über Wetter, Verkehrsteilnehmer und Mitfahrer werden nur noch gedacht. Kurz vor den schweren Steigungen wird der gemeine Radsportler zum Öko-Aktivisten und schont Ressourcen.

Und auch mir geht es an Labe drei anders: Bei Verpflegung eins waren Sorge und Selbstzweifel meine Begleiter, bei zwei Einsamkeit und fehlende Fremdsprachenkenntnisse. Und jetzt…? Niedergeschlagenheit und Erschöpfung? Angst und Verzweiflung? Bei mir…? Mitnichten!

Gänzlich andere Gefühle treiben mich durch die bunten Reihen.  Gelassenheit, Vorfreude, Gewissheit!!! Ich fühle noch ausreichend Kraft für die letzten harten Prüfungen in den Beinen und fünfzig Kilometer vor dem Zielstrich die – trügerische? – Sicherheit, zur Happyhour das belgische Bier im Hotel zum halben Preis zu bekommen. Der Teufel auf der Schulter kann mir nichts mehr anhaben. Seine schwachen Versuche, mich mit den Beschwerden des arthritischen Großzehengrundgelenks aus der Ruhe zu bringen, sind zwecklos. Ich fühle mich gut! Mir jubilieren Engelschöre.

Und je mehr Gesichter voller Erschöpfung und Angst mir begegnen, umso mehr strahlt meines. Ich bin gemein, aber ich kann nicht anders. Die vielen ausgemergelten Fahrer entschädigen mein geschundenes Sportlerego für die demütig ertragenen Überholvorgänge auf den ersten Anstiegen. In mir wächst die Gewissheit, dass es richtig war den Verlockungen von Tempospielen widerstanden zu haben. Lässig blende ich aus, dass auch Fahrer der langen Runde – mit inzwischen satten 220km auf dem Tacho- mit mir das Pinkelbecken teilen.

Sorgen? Verflogen an einem sonnigen Tag südlich von Lüttich. Einsamkeit…? Ich treffe die beiden Hotelgenossen aus Edingburgh wieder und gebe ungefragt intime Kenntnisse zur Strecke („Now, it´s getting really hard!“) weiter. Wenn genervte Gesichtsausdrücke Waffen wären, dann hätte ich in dem Moment gefährlich gelebt. Es war genau das, was sie in dem Moment nicht von dem blöden Deutschen hören wollten.

Ich treffe den warnenden Holländer wieder. Auch er weniger frisch als noch Stunden zuvor, als ich kaum sein Hinterrad halten konnte.

In diese Momente voller Überheblichkeit platzt ein Handyklingeln! Nanu, das klingt wie mein nostalgischer Nokiatune…?  Wer hat denn so etwas noch heutzutage, frage ich mich, als mich das Vibrieren in der Trikottasche gewahr werden lässt: Es ist meins!

Ein dienstlicher Anruf am Samstagnachmittag! Die Frage nach Terminwünschen in der nächsten Woche kann unwirklicher nicht sein als in diesem Moment vollkommener Eintracht mit der Welt voller Radsportler in den Ardennen. Kurz vor „La Redoute“, inmitten von Isotanks, Orangenstücken und Fahrern, die verzweifelt nach einem  Abstellplatz für ihre Boliden suchen, reißt mich das Telefonat wie ein Portschlüssel aus der Harry Potter Welt in eine andere Wirklichkeit. Zwischen Becher sieben und elf kläre ich das Problem und klappere auf Shimanos Rappen zurück zu den Schotten. Ich will weiter. Die beiden noch nicht. Mich rufen die Steigungen und die Happyhour, sie die Hoffnung, noch einige Körner an den Verpflegungsständen zu finden.

Nach wenigen Metern kommen die Wege, die mir von den ungezählten Youtube-Videos ins Gedächtnis gebrannt wurden. Eine Unterführung, eine Rechtskurve und dann steht dann schon das Spalier von Wohnwagen, die sich für den Tag des großen Rennens die besten Plätze gesichert haben. Auf dem Asphalt immer wieder „PHIL“ als Anfeuerung für den morgen startenden belgischen Heroen. Die ersten Meter „La Redoute“. Noch nicht wirklich steil.

Und jetzt das! – Was ist das? Was passiert da auf der Rückseite des rechten Oberschenkels? Zum ersten Mal in meinem – nicht so kurzen – Radsportleben spüre ich Krampfneigung auf dem Fahrrad. Schreck, lass nach!
Da will ich mich frohgemut und voller Elan in die Schlüsselstelle der ganzen Tour stürzen und nur wenige Augenblicke überlegt sich der lange Kopf des Musculus Bizeps Femoris, mich mit tetanischen Tendenzen zu bremsen? Die komische Tragik des Moments lässt mich verzweifelt lächeln.

Ich trete kürzer und horche in den bösen Muskel hinein. Einige lockere Tritte und dann beruhigt er erst sich und danach mich. Die Pause an der Verpflegung hat ihm wohl nicht geschmeckt. Nach einigen Metern stelle ich erleichtert fest, dass der zweiköpfige Muskel heute keine Heldentaten verhindern wird. Es war nur ein kurzes Aufbegehren in der nachmittäglichen Sonne der beginnenden Steigung. Dann ist wieder alles gut und ich werfe eine Blick nach vorne.

Nächster Schreck lass nach…!

Da mögen die Gefühle zuvor noch so zuversichtlich gewesen sein, doch was ich am Fuße der Redoute zu sehen bekomme, flößt mir definitiv Respekt ein. Ungehindert sehe ich, wie sich wenige Minuten weiter oben die Vorausfahrer quälen. Einige im Sattel, einige im Wiegetritt, andere per Pedes mit der Hand am Lenker. Das ist wirklich steil. Den Erbauern des Weges waren die segensreichen Wirkungen von Serpentinen scheinbar egal. Im Gegenteil. Es scheint so, als wäre es ihr Ehrgeiz gewesen, dem Ardennenhügel die maximale Zahl an Steigungsprozenten abzupressen.

Nicht lange, und auch ich muss einsehen, dass ich den kleinsten Gang schon vor den steilsten Stellen brauche. In besserer Schrittgeschwindigkeit kämpfe ich mich nach oben. Kein Stau, der mir eine willkommene Ausrede zum Absteigen hätte sein können in Sicht. Und um nicht vom Rad zu kippen, greife ich zum letzten Mittel. Raus aus dem Sattel und in den Wiegetritt. Aber was Pantani und Armstrong minutenlang konnten, ist mir leider nur kurz möglich. Dreißig Sekunden, dann sind die Muskeln komplett sauer. Doch kurz bevor ich mich resigniert in die saftigen Wiesen am Wegesrand werfe, verliert die Straße einige Prozent Steilheit. Ich kann mich wieder setzen und spüre wie das Laktat aus den Beinen den Rest des Körpers flutet.  Die Steigung ist noch nicht vorbei, aber das schlimmste überstanden. Wenige Minuten später gönne ich mir einen stolzen Blick ins Tal. Ich habe es geschafft. Die Redoute liegt hinter mir!

Das bekannteste Teilstück der inzwischen liebgewonnenen Strecke ist geschafft. Gänsehaut und Atemnot kämpfen einen süßsauren Kampf. Mir hängt Schmodder aus dem Gesicht, die Lunge pumpt wie ein löchriger Riesenblasebalg und doch könnte ich vor lauter Selbstergriffenheit heulen. So muss  sich Kindbett anfühlen!

Stoisch rolle ich weiter. Die Tritte kommen jetzt von alleine. Es kann von mir aus ewig so weitergehen. Ich bin im Egalmodus. Wieweit noch? Wie hoch noch? Wie lange noch?

EGAL. Ich kann es. Die Beine treten einfach weiter. Ich spüre sie nicht mehr. Schmerzen tut der Fuß, der Rücken und der Hintern. Alles EGAL. Die Beine kurbeln schmerzfrei.

Zwar stimmt das gefühlte Tempo (etwa 29 km/h) nicht mehr mit der Anzeige auf dem kleinen Sigmafreund (24 km/h) überein, aber auch das ist… ihr wisst es schon… EGAL. Ich fahre in einem Zustand genussvoller Lethargie Richtung Lüttich.

Das Schlagloch vor mir… EGAL. Der Fahrer am Wegesrand, den ich fast über den Haufen fahre…EGAL. Die Motorradgruppe, die mit mir die Linksabbiegerspur benutzen will…EGAL.

EGAL??? „Moment mal!“, ruft da eine Stimme, die ich schon fast vergessen hatte. Der Engel auf der Schulter besinnt sich seiner Kernkompetenz. Beschützen!!!

„Fahr ruhig so gedankenlos und leichtsinnig weiter, dann hast Du die Notfallrufnummer auf der Karte in der Rückentasche nicht umsonst notiert! Reiss Dich zusammen, verdammt noch mal! Du hast zwar gute Beine, aber dein Kopf wird müde. Du bist noch nicht im Ziel.“

Ich höre auf ihn. Zumindest nehme ich es mir vor.

So schön es ist, ermüdungsfrei und entspannt weiterfahren zu können, so wenig hilfreich ist die selbstzufriedene und erschöpfe Lethargie bei dem Versuch, unfallfrei durch die Vorstädte von Liege ins Ziel zu kommen.

 

Ist das noch Belgien?

Zwei weitere Anstiege liegen vor der Einfahrt nach Lüttich. Zwei Anstiege, die schwerer, aber nicht so eindrucksvoll sind wie die sagenumwobene Redoute.

Während ich die Redoute noch Monate danach in Momenten seltener Schlaflosigkeit im Kopfkino abspulen kann, gelingt mir die Retrospektive bei den folgenden beiden Prüfungen nicht mehr. Einzig als ein Brei aus gemeinen Rampen in waldreichen Vororten voller Schmerzen sind mir der „Cote des Forges“ und der „Cote de la Roche au Faucons“ in Erinnerung.

Aber eins weiß ich sicher: Ich bin nicht abgestiegen und das ist es, was zählt! Möglicherweise wäre ich schneller gewesen, hätte ich das Rad geschultert und wäre gelaufen.

Die Bilder kommen wieder…

Die Streckenposten leiten mich. Liege ist ausgeschildert. Eine Auffahrt, ein Beschleunigungsstreifen… Eine Autobahn!!! Kann das richtig sein? Autos – Lastwagen gar – mit mir auf der Fahrbahn. Ich fühle mich schrecklich fehlgeleitet. Radfahrer auf der Autobahn…? Wie kann einem nur so etwas Doofes passieren? Wie erkläre ich das mit meinen rudimentären Fremdsprachennkentnissen der Polizei? Doch dann sehe ich, dass weiter vorne auch noch große zweirädrige Pulks auf der ungewohnten Straße unterwegs sind. Die Strecke führt uns über den großen Fluss, dessen Name („La Meuse“) mein erschöpftes Hirn nach hundertundfünfzig Kilometer auf das Niveau eines Präpupertierenden zurückwirft. Kichernd gleite ich über sie hinweg, während sich alle unmöglichen Assoziationsketten bilden, die besser am Ort des Entstehens bleiben. Autobahnabfahrt!

Der Anblick des ehrwürdigen Stadions von Standard Lüttich erspart mir eine Fortsetzung der immer neuen Flusswortspiele, die – gleich lästiger Kindergartenviren in den Körper eines Familienvaters in der  Marathonvorbereitung – Eingang finden in mein Bewusstsein.

So müssen Stadien aussehen. So muss Fußball sein. Ich kann sie förmlich spüren: Die tausendfach hinein- und enttäuscht herausgetragenen Hoffnungen. Die alkoholschwangeren gegrölten Schlachtrufe, die latenten und offenen Aggressionen, die archaischen Rituale der politisch so unkorrekten neunziger Jahre. Ist das noch Belgien oder eine Kulisse für britische Hooligan-Sozialdrama -Filme?

Diese Frage drängt sich umso mehr auf, als es jetzt durch Stadtgebiete geht, die ich nur anderteinhalb Autostunden entfernt von meinem Wohlstandsbürgerdorf an der Düssel mit einer Mischung aus Schreck und Faszination betrachte.

Sind die barfüßigen Kinder und die mürrischen Biertrinker am Straßenrand Ausdruck von Nonchalance oder ist das bittere Armut? Sind die verfallenen Arbeiterhäuser Zeichen der frankophilen Nachlässigkeit in Bezug auf Instandhaltungsbemühungen von Immobilien oder eine schreiende Ungerechtigkeit gegenüber Teilen der Bevölkerung, die von den modernen Zeiten links liegen gelassen wurde? Hat das noch Charme oder muss das weg? Ich kann mich in der Kürze der Zeit nicht entscheiden. Zumal sich schon bald die letzte ausgeschriebene Prüfung auf dem Asphalt manifestiert. Der Einstieg in den Cote de Sant-Nicolas erspart mir, darüber nachzudenken wie die schottischen Hotelgenossen wohl „Rue du Coq“ übersetzen würden. Gottseidank geht es aufwärts und ich kann mich nicht mehr auf weitere Übersetzungsversuche konzentrieren.

Es ist nochmal brutal steil. Jeder Hauseingang, jeder schräg stehende Kinderwagen, jeder abgepolsterte Fenstersitzer bildet einen eindrucksvollen Winkel zur Straße, auf der ich mich hochwinde. Wo manchmal die Vorentscheidung im Rennen fällt, erwacht auch mein Kampfgeist. Ist das nicht der letzte Anstieg mit Zeitmessung? Ist es nicht endlich mal an der Zeit, alle Körner einer nichtsnutzigen Ergebnisliste zu opfern? Wenn nicht jetzt, wann dann? Zehn Kilometer vor dem Ziel führe ich einen verzweifelten Kampf mit der zweistelligen Anzeige des Tachos. Zwar liege ich auf dem Display meist im Hintertreffen, aber dafür überhole ich jetzt sogar gelegentlich im Anstieg. Das fühlt sich gut an. Die Bergwertung rückt näher. Das könnte diesmal ein gutes Video vom Mediendienst geben, denke ich und versuche mich am eleganten runden Tritt.

Wenn da nicht dieser verdammte Rentner mit seinem vierrädrigen Elektrowägelchen wäre, der mir zur Rechten den Bürgersteig hochrollt und mein Motiv stört. Was wird denn das für ein Film, wenn ich hinter einem kettenrauchenden Rollstuhl über die Bergwertung rolle? Ich versuche mich vor der Kurve abzusetzen, aber es gelingt nicht. Während er mit einer Bierdose in der Hand den Bürgersteig hochzieht, reicht meine Kraft leider nicht, mich dieses Schandflecks auf dem Heldenvideo zu entledigen.

Das war ein hartes Stück Arbeit. Das jetzt nur noch wenige Kilometer vor mir liegen, ist mir gar nicht wirklich bewusst. Die winkligen Straßen und der belgische Asphalt, der nach dem Zufallsprinzip um Schlaglöcher und vereinzelte Kopfsteinpflaster verteilt ist, erfordern noch mal Disziplin und Aufmerksamkeit. Einige Kilometer, und dann geht es schon wieder bergauf.

Was soll das denn jetzt? Jetzt reicht es aber. Meine Geduld mit unverzeichneten Höhenmetern findet ein jähes Ende. Wie viele Steigungen können noch in einer einzigen Stadt stecken? Ich verabschiede mich aus dem „Egalmodus“. Was kommt danach? Der „Wut- oder Verzweiflungsmodus?“ 2600 Höhenmeter reichen mir nach einem Tag im Sattel. Mühsam schleppe ich mich hoch. Es hat ja doch Spaß gemacht bis hier, aber den ganzen Tag Spaß kann ich nicht vertragen. Ich will nur noch ins Hotel rollen und mich dem belgischen Nationalgetränk ergeben.

Doch bevor ich weiter verzweifeln kann, fallen mir die Absperrungen und die vielen Schilder am Straßenrand auf. Und da wird es mir klar! Ich bin auf dem letzten Kilometer der Rennstrecke! Die Profis dürfen morgen links abbiegen, dann wartet wenige Meter später der Zielstrich auf sie. Wir müssen noch drei Kilometer weiter, aber gefühlt ist die Strecke am Ende der Steigung vorbei. Morgen fahren sie hier den Zielsprint. Da gewinnt nur einer. Aber hier bei den Amateuren, da fühle auch ich mich als Sieger. Ein Tag voller Höhen und Tiefen liegt hinter mir. Das ich bis hierhin kommen würde, habe ich am Anfang nicht geglaubt. Das Glücksgefühl kommt spontan und überraschend. Ein lauter Jubelschrei und dann lasse ich mich zu einer Siegesgeste hinreißen, auf die ich rückblickend besser verzichtet hätte: Ich erlaube mir eine angedeutete Champagnerdusche mit der Plastiktrinkflasche voller Plörre, die angeblich Flügel verleiht. Die gab es bei einer Steigung als Sponsorenbeigabe. Da ich es nicht mag, fällt es mir nicht schwer, das teure Zeug einmal quer über die Straße zu spritzen. Ich habe es geschafft!!! (Anm.: Lieber Dan Martin: Das Dich meine Freudenfeier am nächsten Tag um den größten Sieg Deiner Karriere gebracht hat, tut mir aufrichtig leid…YouTube Video ab 2:20min.)

Die drei Kilometer bis zum Zielbereich der Radtouristiker sind nur noch ein selbstzufriedenes Ausrollen. Das ich dabei wirklich im Stau stehe auf schmalen Wegen, die blockiert werden von schon abreisenden Radsportlern mit ihren Autos, ist die einzige kleine Schwäche der ansonsten perfekten Organisation. Doch es trübt nicht den Stolz über einen neuen Sieg über den eigenen Schweinehund und die Vorfreude auf einen schönen Abend mit Bier und ungehemmter Kalorienzufuhr.

Schon im Zielbereich fließt das heimische Leffe in Strömen. Doch noch entsage ich der Versuchung. Ich muss noch sechs Kilometer zum Hotel finden. Das will ich mutterseelenallein nicht auch noch bierbenebelt tun.

Ich hole mir das schönste Finisher Shirt meiner Sportlerlaufbahn ab. Zwar aus profaner Baumwolle, aber von einer schlichten Eleganz, die mich seitdem schon auf einige Partys begleitet hat.

Dann rufe ich zu Hause an. „Mir geht es gut!“

„Schön, Du hörst Dich auch noch so an!“, antwortet meine Frau mit einem Anflug von Misstrauen. „Bist Du wirklich gefahren…?“

Na was denn sonst? Was sollen Männer in den reifen Jahren schon machen, wenn sie frei von familiären Ketten ein Wochenende im Ausland verbringen?

Dann rufe ich meine Mitfahrer an. Die sitzen schon seit geraumer Zeit an der Bar und warten auf mich, um die Happyhour einzuläuten.

Die sechs Kilometer dorthin verlängere ich um eine unfreiwillige Rundfahrt durch den Lütticher Innenstadtbezirk und dann endlich rolle ich endlich ein.

Es wartet ein Sessel, fünf Menschen die das gleiche erlebt haben, es sich aber trotzdem nochmal voller Begeisterung erzählen wollen und natürlich, endlich, wunderbar…:

Das ultimative Tagesziel! 0,5 Liter massives Glas mit Henkel, gefüllt mit goldgelbem belgischen Bier zum halben Hotelpreis (der immer noch nicht nachgeworfen günstig ist)! Der Moment zum Sterben schön.

Das mit dem Sterben habe ich dem Hotelpersonal erspart, aber eingeschlafen wäre ich garantiert in dem Fauteuil, hätte ich noch ein zweites Bier bekommen. Doch die Mitfahrer drängen mich zur Dusche. Sie haben Hunger und ich eigentlich auch, nur war diese Sache mit dem Aufstehen zu beschwerlich.

Den Rest des Abends schweben wir auf schweren Beinen durch Lüttich. Pizza, volle Kneipen und viele leere Gläser verleihen dem Abend einen würdigen Glanz. Zurück wanken wir durch Fußgängerzonen voll jugendlicher Partygänger, die uns wahlweise für uncoole Eltern oder schlecht verkleidete Zivilfahnder halten.

Die letzten Schritte werden bleischwer! Im Aufzug schlafe ich das erste Mal ein. Der lange Flur wird zu einem steilen Hügel in den Ardennen. Steht da etwa mein Name in dicken Lettern auf dem Teppichboden? Feuert mich da jemand an…? Höre ich Engelsstimmen auf der Schulter? „Geh, alter Mann! Geh… Gleich hast Du es geschafft!“

Jeder Meter eine Qual für sich, das Türschloss und der verwirrenden Chipkartenmechanismus der Scharfrichter. Schaffe ich es ins Bett oder breche ich vor verschlossener Pforte zusammen? Knapp öffne ich das Zimmer, pinkel nur unwillig zielend im Stehen, taumel zum Bett, falle in die gestärkten Laken, schließe die Augen! … Und stehe plötzlich nochmal im Sonnenlicht am Gipfel der Redoute und schaue in ein weites, grünes Tal. Mittendrin eine Autobahn, ein schmaler Wirtschaftsweg, der sich hochschlängelt, viele verzweifelte Gesichter und… ach, EGAL!

Besser kann ich nicht mehr einschlafen.

 

563

 

…Wollt Ihr auch mal mit meinem Kopfkino einschlafen, dann könnt Ihr es haben: „Barfuß auf dem Dixi-Klo“ und „Sind wir nicht alle ein bisschen Tri“ verstauben sonst in kalten, seelenlosen Lagerhallen oder heimeligen Buchhandlungen.

2 Gedanken zu „Happy Hours in der Wallonie

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.