Aktuelle Radsportbücher: Einfach mal reinschnuppern…

Tim Moore als alter Mann auf alten Reifen, Wilfried de Jongs preisgekrönte Geschichten vom Radfahren, Dino Buzzati als Reporter beim Giro ’49, der amüsante Ratgeber „Frau & Rennrad“ und das „Buch der Radsporttrikots“ – das ist das 2014er Programm von Covadonga. Kostproben aller fünf Titel haben wir jetzt in einem kleinen Leseprobenheft zusammengefasst.

Hier geht’s lang: https://www.yumpu.com/de/document/view/27429113/radsportliteratur-von-covadonga-leseproben-herbst-2014

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Lob des ländlichen Tschechiens

Tschechien, ich fühle mich bezirzt. Alles hast du gerichtet, auf der Etappe vom Budweiser Moldaustrand ins mittelböhmische Hügelland, damit der Radfahrer sich weiden kann. Inliner-Highway auf Promenade und Hochwasserdeich. Allee durch Fischweiher, die im Wechsel der Jahreszeiten vom Ornithologen- zum Mückenparadies sich wandeln werden, durch den Sportpark am Fuße eines Märchenschlosses gebaut für Anhänger von Tudor- und Windsor-Dynastien. Das einsame Achterbahnabenteuer auf dem Gillette-Mach-3-Asphalt eines EU-geförderten Radwegs, direkt an der Moldau entlang, rauf und runter durch dichten Wald, in Parabolica- und Horseshoe-Kurven wieder hinab ans Gestade. Musterdörfer inmitten saftiger Almen, mit Flussblick und allen Zutaten: der Feuerlöschteich, der Senior mit Handkarren, die kleine Bühne für Kinderchor-Aufführungen und sommerliche Gemeinderatssitzung, ein seit Jahren verwaister Tennisplatz, der Sehnsucht weckt nach der großen Ära von Ivan Lendl. Am Wegrand verstreute Ferienhäuser und Camping-Gelegenheiten für die Freunde von Schlauchboot und Kajak, Luftmatratze und fangfrischem Zander. Der Fluss, der sich meditierend weitet, wahrlich die Ruhe weg hat, als Badesee und Stromproduzent. Kraftwerkstürme, die was von Burgen besitzen, wenn sie über irrsinnig grüne Kuppen hinweglugen und ihre rot-weiße Flugabwehr-Banderole sich zu Zinnen formt. Krämerläden am Bilderbuchmarkt, die dem Selbstbedienungs-Diktat trotzig entsagen. Rastplatz am Fluss, der mich bei dreißig schweißtreibenden Grad die Armlinge anlegen lässt, als Schutz vor Sonnenbrand. Landpartie von gemäßigter Mühsal auf kaum frequentierten Straßen, dann auf verschlungenen Forstwegen durchs verwunschene Schattenreich, in dem ich vorsorglich das Handy einschalte, damit man mich notfalls orten kann … sollte ich an ein Häuschen kommen, aus Pfefferkuchen fein. Der Hahn aus ungarisch-osmanischer Zucht, der mich wieder zurück in der Zivilisation begrüßt. Kükükerüküüüü. Immer wieder Steinsockel und Schrotholzbalken, die mit Feuereifer originalgetreu restauriert werden.

Tschechien - Legohr mit Raps

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Absteigen, bitte!

Die Ausreise nach Tschechien könnte sich etwas verzögern. Beim Frühstück hatte ich mit meinen Tischgenossen noch über die Gründe spekuliert für den so entschlossenen Run auf Pirna und auch auf das Büfett. Die wiederholten »Complet«-Auskünfte, mit denen wir alle am Vorabend von Gasthaus zu Gasthaus verwiesen wurden. Das nun geballte Auftreten an Seniorinnen in Hotpants. All die irritierenden Kombinationen aus sackartigen Trikotagen und Kompressionssocken, aus Leggings und Windjacken. Besorgniserregend dürre Störche in superenger, extraleichter, patentiert feuchtigkeitsableitender Funktionsfaser für 20 Euro das Gramm. Der Geruch von Massageöl, der sich mit den Aromen von Bacon, Eggs und Schlafsand mischte. Die manische Gier, mit der manch Konkurrent an der Anrichte das Futter auf seinen Teller schaufelte. Weiterlesen

An der steilen Wand

Ich mühte mich vergeblich, zum Gruße eine Miene freudiger Zuversicht aufzusetzen, jedes Mal, wenn mir einer der zahlreichen Rennradfahrer entgegenkam, die ihre samstäglichen Trainingstouren in Angriff nahmen. In Altenburg fotografierte ich die stolzen Goldlettern am »Haus der Zeitarbeit« als Symbol für das aufrechte Arrangieren mit galligen Realitäten und konnte im neuen Logo der örtlichen Spielkartenfabrik doch immer nur ein Herz erkennen, das ins Gesäß gerutscht war. Denn die Bilder von Meeranes steiler Wand, sie spukten mir vom Etappenstart an düster im Kopf herum …

Körnige Schwarzweiß-Aufnahmen. Entsetzte, entnervte, entschlossene Rennfahrer, die mit um die Schulter geschlungenen Ersatzreifen wie ein aus der Zeit gefallenes Sondereinsatzkommando wirken. Im Kampf mit einer Rampe, die auch Straße in San Francisco hätte sein können. Der energische Wiegetritt, in dem sie sich über ihre beiden Blechpullen an der Lenkstange beugen, um mit Ganzkörperunterstützung die Kurbel rumzuwuchten. Mit einer letzten Vehemenz, die einen auch aus der Distanz von mehr als einem halben Jahrhundert heilfroh sein lässt, dass dereinst noch nicht spätere Leichtbaumanie Einzug gehalten hatte. Das kollektive Japsen, in dem doch jeder Fahrer ganz für sich allein ist. Der Schrei nach Sauerstoff. Nach vollem Bewusstsein. Die unglaublichen Zuschauermassen, rechts und links, und in allen Fenstern der aufeinandergestapelten Häuser. Diese faustische Kulisse, so abenteuerlich präsent, so irrsinnsneugierig, als hätten sie am Bergisel zu Abertausenden die Sprungrichtertürme geentert. Das imposanteste aller Spontanstadien. Ein Amphitheater, wie es nur der Radsport sich bauen kann.

Und nicht zu vergessen: Die deprimierten Mienen derer, die kapituliert haben. Die sich verschaltet haben oder die Übersetzung nicht mehr rumgewürgt bekommen. Und nun dreinblicken, geduckt unter dem Schirm ihrer Baumwollkäppis, als sei Schieben vor Publikum die größtmögliche Schande, die einem Menschen auf Erden widerfahren kann. Das seltsame Schauspiel auch, wie ältere Herrschaften in langen Mänteln einen offenen Wagen über die Kuppe der steilen Wand zu befördern versuchen, samt Lorbeerkranz an der Kühlerhaube und dem Heck voller Ersatzlaufräder. »Weil die Maschinen die langsame Fahrweise hinter den Aktiven nicht vertrugen«, wie die Bildzeile verrät. Weiterlesen

Quer durch Berlin

Etappe 8 meiner privaten Friedensfahrt-Wiederbelebungsversuche führten mich auf nicht sonderlich direktem Wege vom Rande des Unterspreewaldes nach Lutherstadt Wittenberg – mit einer Hauptstadtdurchquerung als Höhepunkt des Tages. Dabei erwies sich Berlin für Radfahrer als gar nicht so leicht zu knacken, aber dann überraschend leicht zu durchqueren. Zumindest im Vergleich zu systematisch angelegten Radfahrer-Schikanen wie Lodz oder Breslau. 21 Gründe, warum ein Radfahrer in Berlin schneller vorankommt als in die Stadt hinein:

Erstens. Wer den ganzen Tag Rad fahren will, muss frühstücken. Und wer einmal quer durch Berlin Rad fahren will, sollte dies nach Möglichkeit in einer der Herbergen im Speckgürtel des kapitalen Gekröses tun. In denen wiederum trifft sich alles: die kurzentschlossen erholungswilligen Städter mit den vielen Schulklassen und Monteuren, die sich Stadthotels nicht leisten wollen. Im Resultat wetteifere ich an diesem Morgen also mit fünf Mal so viel Menschen um die Gaben des Frühstücksbüfetts wie bisher auf der gesamten Fahrt zusammen. Statt freier Auswahl nun also Schlangestehen vor dem Graubrot. Das kann dauern, bis die Bauchspeicheldrüse den Blutzuckerspiegel für gesättigt erklärt.

Die Jugendherberge am See bietet alternative Tretmühlen. Ich maltratiere lieber weiter die gewohnten Pedale.

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Keine Formalitäten: Rübermachen von Zgorzelec (PL) nach Görlitz (D)

Angekommen in Görlitz. Die Klamotten klamm, die Laune im Keller, zurück in deutschen Landen…

Der 4. Mai des Jahres 1952. Was für ein Moment. Was für eine Meldung. Der Erste in der DDR ist Bulgare. Milko Dimoff. Als Neunter dann rattert als erster Deutscher ein gewisser Gustav-Adolf Schur über die Oder-Neiße-Friedensgrenze in Form von Planken der Görlitzer Stadtbrücke. Im Sprachgebrauch, der sich offiziell verlautbaren lässt, heißt sie in diesen Jahren nur »Brücke der Freundschaft«, genau wie das Oder-Pendant weiter nördlich in Frankfurt, und für das besondere Ereignis hat man sie so hergerichtet, dass möglichst nichts an Schlagbäume erinnern mag. Durch große »Ehrentore« rollen die Friedensfahrer, zahllose Fahnen und weihnachtlich anmutendes Gezweig wehen im Wind, auf Bannern sind Losungen mit zackigen Begrüßungsworten in allen Sprachen zu lesen. Lediglich der Schotte Ian Steel, der eine Woche später diese V. Internationale Friedensfahrt gewinnen wird, hält sich nicht ans Drehbuch der Parade und fährt direkt auf der Brücke »platt«.

Der 3. Mai des Jahres 2011. Was für ein Moment. Was für eine Ernüchterung. Die Straßen nass, die Fassaden trist, der Himmel grau, die Laune ob der per Zug abgekürzten Friedensfahrt-Kilometer im Keller. Auch die Brücke selbst ist keine Visitenkarte, wirkt eher wie eine Dauerbaustelle im hintersten Winkel eines allmählich wrackgewordenen Gewerbegebiets, das seiner Revitalisierung noch harrt. Keine Blumen. Keine Formalitäten. Kein Mensch zu sehen. Eine Stele erinnert daran, dass inzwischen Johannes Paul II. als Namenspatron auserkoren wurde, die gewollte Nähe zwischen Polen und Deutschen zu verkörpern. Regt sich da kein Protestantismus? Weiterlesen

Lieber Eingeweide

Vier Uhr. Sagt der Wecker, der tagsüber Handy ist. Brautpaar und Gäste haben noch nicht genug. Zack-zack-bumm bollert es aus der Tiefe. We will rock you mit den Mitteln des synthetischen Dancefloor.

Halb sechs. Ein neuer Takt. Leises Trommeln hat eingesetzt und durchaus meditative Wirkung. Zumindest, solange meinem schlaftrunkenen Geist noch nicht bewusst ist, woher es stammt. Dann zucke ich schreckhaft zusammen. Denn es ist der Regen, der sanft ans Dachfenster klopft. Direkt über meinem Kopf. Ich erinnere mich. Der ungelenke Herr im Sakko, den ein landesweit zu empfangender Bildfunksender gestern Abend gegen die Konkurrenz von ­Klerus-, Casting- und Operetten-Shows auf Quotenfang schickte. Wie er sich im bösen Blick übte. Wie seine Rechte mit militärischem Ruckzuck hervorschnellte. Im nicht gerade treffsicheren Versuch, auf Zahlen zu weisen, die einen merklichen Temperatursturz verhießen. Und auf finsterstes Gewölk mit drei Schrägstrichen darunter. Regen mit Steherqualitäten. Ich will gar nicht erst daran denken. Das klappt ganz gut. Ich nicke noch mal ein.

Viertel nach sechs. Ich bin das nächste Mal wach. Dabei herrscht nun selige Ruh’ über Legnicas Wipfeln und Firsten. Das Trommeln hat aufgehört. Grund genug, sich noch mal genüsslich zu wälzen, im Kingsajz-Bett für Doppel- und Dreifachzentnerduette, und von einem Tag zu träumen mit kräftigem Rückenwind und transpirationstötenden Temperaturen. Dann fällt ein Blick, unvorsichtig wie er ist, auf das Dachfenster. Und das Herz rutscht im Nu ins Schaumstoffpolster. Die Aussicht auf den morgengrauenden Himmel über Legnica ist auf einmal blickdicht verhüllt. Was ja nicht schlimm wäre, wenn der neue Vorhang nicht verdächtig nach einer Schneedecke aussehen würde.

Plötzlich blickdicht verhüllt: die Aussicht aus dem Dachfenster in Legnica.

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„Wo ist denn dein Motor?“

Da das Protokoll der Friedensfahrt 1952 jeden Nachmittag ein Aschenbahn-Finish vor vollbesetzen Rängen vorsah, geriet meine Rad-Tour auf den Spuren von Täve & Co. in gewisser Weise auch zu einer Groundhopping-Tour. Ohne die Absicht und Möglichkeit, auch nur ein Spiel zu sehen, führte mich der Weg von Stadion zu Stadion-Baustelle – darunter auch Spielstätten der just zu Ende gegangenen EURO 2012. Zum Beispiel in Breslau, wo es allerdings nicht das neue Stadion Miejski war, das mich in seinen Bann zog …

Ortsschild Breslau. Die erste von letztlich gefühlten drei Dutzend im Stadtgebiet überquerten Brücken. Wie große, bereits in wirksame Anschlagwinkel gebrachte Fliegenklatschen lugen vier Flutlichtmasten über die Wipfel hinterm Treidelpfad. Das Stadion Olimpijski, auf dessen Aschenbahn einst manch Etappenfinale der Friedensfahrt ausgefochten wurde. Und das aus der Nahdistanz dann keineswegs an Ausstrahlung einbüßt. Wie eine schwachbrüstige, allzu fragile Persiflage auf die großen Lastenkräne der Baustellen von Warschau wirken sie nun, die vier Masten, von ihrem Fuße aus, der sich außerhalb der Stadionmauern in den Boden krallt. Wahrhaftig ein Ziegelmauerwerk ist dieses Stadion, ein ganzes Fort aus Backstein. Hier und da geben Gittertore aus spitzen Lanzen den Blick ins Innere frei. Auf die flachen Stehtraversen, der Unterrang ungeschützt in der Sonne, der Oberrang, gesäumt von hunderten Streichholzpfeilern, wie ein Separee im Dustern. Ehrfürchtig wandert das Auge hinauf zum hohen Uhrenturm, der ein wenig unentschlossen im Zentrum der Gegengeraden herumsteht. Weiterlesen

Das Dilemma polnischer Straßen – Impressionen von der 3. Etappe (Lodz–Tschenstochau)

Die Frage der Etappe speist sich aus dem steten Dilemma des Radreisenden in Polen: Folge ich einfach der Hauptstraße oder suche ich mir eine Route über Nebenstraßen und Wirtschaftswege? Will ich vorankommen, will ich »Strecke machen« auf einer viel befahrenen Direttissima, oder möchte ich ein wenig mehr vom Land sehen und Ruhe haben vor Rasern und Schwerverkehr? Will ich es wie dereinst Täve & Co. an Tag drei bereits bis an die Nahtstelle von Chorzów und Kattowitz schaffen, ins montaninfarktgeschwächte Herz des oberschlesischen Industriereviers, oder gebe ich mich an diesem Samstag vielleicht mit einem Zwischenziel zufrieden? Will ich hyperventilieren wegen kritischer CO2-Konzentrationen oder lieber, weil die asphaltierte Wegdecke mal wieder in einem Weiler im Niemandsland verreckt?

Erfordern auf dem Weg von Lodz nach Tschenstochau zusätzliche Umwege: weiträumig zu umkurvende Tagebaulöcher der Superlative.

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Trainspotting in Skierniewice

Impressionen von der zweiten Etappe Warschau-Lodz.

Bei Familie Chopin auf dem Gästeparkplatz: Einer nicht repräsentativen Stegreifstudie zufolge tragen 45 Prozent der in Żelazowa Wola verhökerten Andenkenfiguren das Konterfei von Johannes Paul II., derweil die restlichen 55 Prozent des hiesigen Souvenirmarktes naheliegenderweise auf den Komponisten entfallen, um dessen moralischen Besitzanspruch sich Polen und Franzosen mit einiger Verve balgen.

Endlich – endlich! – ein paar Höhenmeter. Nein, es sind noch keine Hügel, höchstens Dellen. Cellulite der Erdkruste. In sanften S-Linien geht es durch Wiesen, Wälder, Weiler. Und dabei immer mal ein paar Meter hinauf und auch wieder hinunter.

Welch eine Wohltat das doch ist, welch eine Erlösung. Für die Beine, die bis dato mit stetig gleichem Widerstand ihren Trott runterkurbeln mussten und nun ein paar ersehnte Rhythmuswechsel aufgezwungen bekommen. Vor allem aber für den Geist, der ein wenig müde geworden war. In Trance geschaukelt nach etlichen Kilometern schnurgerader, brettebener Allee, die am Horizont flirrte, als spiegele sich dort der wieder hyperaktiv lodernde Lorenz in einem Teich. Weiterlesen