Happy Hours in der Wallonie

Ein Gastbeitrag von Lars Terörde

Eine neue Zehnkilometerbestzeit werde ich in diesem Leben nicht mehr laufen, ein schneller Marathon ist mir wegen der nötigen Vorbereitung zur Zeit zu eintönig und den Kampf um Altersklassenpodeste beim Triathlon kann ich in meiner Altersklasse nur im Reich der Träume aufnehmen.

Außer schönen Erinnerungen habe ich als Sportler nichts mehr zu gewinnen. Deshalb beuge ich mich keinem Diktat irgendwelcher Trainingsplanungen, um zum Saisonhöhepunkt zwanzig Sekunden früher aus einem Schwimmbecken aussteigen zu können.  Daher habe ich die letzten Monate das Schwimmbad Schwimmbad sein lassen und den milden Winter zum Aufbau dessen, was wir Ausdauersportler hochtrabend „Radform“ nennen, genutzt.

Warum? Was trieb mich im Januar auf die Rolle in den Keller und im Februar ins Ruhrtal?

Es war mal wieder eine voreilige Verabredung vor Monaten. Lüttich-Bastogne-Lüttich wird gegeben für Hobbyfahrer. Am Vortag des Profirennens werden 85km, 167km und die originalen 270km dem gemeinen Radvolk zur Wahl gestellt. 167km sind etwa 17 mehr, als ich jemals an einem Stück gefahren bin. Aber wie so oft lassen sich Heldentaten Monate vorher leicht planen und schwuppdiwupp stand ich neben einigen Freunden in der Meldeliste über die Mitteldistanz (was auch der Grund für die Klammern in der Überschrift ist, denn diese Runde führt nicht ganz bis Bastogne).

Lüttich-Bastogne-Lüttich??? Kopfsteinpflaster…? Hellinge…? Schon mal gesehen…?

Alles konnte ich nach etwas Recherche verneinen. Die groben Pflaster gibt es bei Paris-Roubaix. Die giftigen flandrischen Steigungen, Hellinge genannt, bei der Flandernrundfahrt. Und da ich mich als durchschnittlicher Radsportgucker, der vor allem durch die Erfolge der Herren Zabel und Ullrich immer nur für drei Wochen zum Fachmann der Tour de France wurde, nicht an televisionäre Erlebnisse bei Lüttich-Bastogne-Lüttich erinnern konnte, tat ich dieses Rennen leichtfertig ab.

Bestimmt nur eine wenig anspruchsvolle graue Maus unter den Frühjahrsklassikern im Rennkalender, dachte ich. Der Vfl Wolfsburg der Radklassiker. Unbekannt, langweilig und nichtssagend. Da kann ich mich doch locker für anmelden…!  

Von wegen Wolfsburg! Ich lag mal wieder grandios daneben bei der Bewertung von Sportereignissen. Schalke oder Dortmund (da habe ich wirklich keiner Präferenzen) trifft es eher. Traditionsreich, geprägt von harter Arbeit und mit einem festen Platz im Herzen der Region.

Doch keine Sorge. Es kommt jetzt nicht das übliche Gejammer des ungeübten und übergewichtigen Hobbysportlers, der sich zu viel zugemutet hat und für seinen Übermut an den Steigungen der Ardennen  gestraft wird.

Zwar habe ich es glorreich unterschätzt, aber dennoch würde ich es wieder tun.

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Corsa Rosa – Das Zitat des Tages zum Giro d’Italia („Der Tag, an dem die harten Männer weinten“)

Der Giro, der Passo di Gavia und skeptische Meteorologen … war da nicht mal was? Bob Roll erinnert an den 5. Juni 1988, den „Tag, an dem die harten Männer weinten“.

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In Europa nennen sie uns die „Giganten der Landstraße”. Wenigstens werden die einheimischen Stars des Radsports auf diese Weise in der Presse und von den Tifosi verehrt. Wir Amerikaner im Team 7-Eleven hingegen galten vor allem als halbwegs talentierte Eindringlinge, die nur des Adrenalins und des Geldes wegen in Europa fuhren. Unsere bisher bescheidenen Erfolge – hin und wieder mal ein Sieg – glichen eher vereinzelten Stichwunden als unbarmherzigen, tödlichen Schnitten in die Halsschlagader. Doch die Etappe über den Gavia beim Giro 1988 sollte auf einen Schlag alles ändern. An einem der dramatischsten Tage der Radsportgeschichte knackten wir die Brust des europäischen Straßenrennsports und taten uns an seinen Herzen gütlich.

Vor der Gavia-Etappe waren schon seit Tagen immer dichtere Wolken aufgezogen, dunkel wie schwarzes Leder. Und am Vorabend, als wir gerade den Streckenverlauf nach Bormio besprachen, öffnete der Himmel seine Pforten und kalter Regen prasselte darnieder. Keine Frage, uns stand eine epische Etappe bevor… und Drew verkündete, dass er bereit war für den totalen Krieg auf dem Gavia.

Der Startschuss erfolgte in garstigem, kalt die Beine hoch kriechendem Regen im Tal unterhalb von Chiesa Valmalenco. Angeführt von den Bongos, die Coppino (Franco Chioccioli, den Doppelgänger von Fausto Coppi) im Rosa Trikot hatten, rollte das Peloton widerwillig aus der Stadt hinaus. Nicht so aggressiv wie für gewöhnlich, aber voller Angst nahm das Feld Kurs auf die Dolomiten.

Die erste echte Hürde war nach 70 Kilometern der Passo dell’Aprica auf 1.181 Metern Höhe. Als wir den Gipfel in geschlossener Formation überquerten, verwandelte sich der Regen schlagartig in Schnee, der auf der Straße liegen blieb. Mit Ausnahme von Ariosteas Hirnchirurgen Stefan Joho, der hier zu Hause war und allein vorne raus fuhr, begnügten sich alle Jungs damit, sich so lange wie möglich in der relativen Sicherheit des Pelotons zu verschanzen. Die Abfahrt vom Aprica jagte mir ziemliche Angst ein, weil die gefrorenen Eisblöcke, die wie meine Hände aussahen, es nicht mehr schafften, die Bremshebel zu betätigen. Ich schlitterte nur so durch die Kurven und rammte andere Fahrer, um irgendwie an Tempo zu verlieren.

Als es wieder flacher wurde, riss Roberto Pagnin aus, konnte aber nur ein paar Sekunden rausholen, da Del Bongo nun zu einem Teamzeitfahren an den Fuß des Gavia ansetzte. Aua! Meine Beine fühlten sich bereits wie versteinerte Bretter an, als wir durch Ponte en Legno kamen, den letzten bewohnten Außenposten vor dem Gavia. Dann, als sich alle Kletterer und Klassementfahrer an die Spitze begaben, passierten wir das Schild für den Bergpreis. 28 verfluchte Kilometer bis nach oben. Ummhh, ummhh, ummhh – lecker!


Normalerweise wäre nun der Zeitpunkt gekommen, an dem ich mich ins Gruppetto der Sprinter zurückfallen lassen und mein Bestes versuchen würde, irgendwie im Zeitlimit das Ziel zu erreichen. Ich sprintete also ein letztes Mal zu Andy nach vorne, um ihm seine Regenjacke zu bringen, die ich am Teamfahrzeug geholt hatte. „Viel Glück, Püppchen – brat ihnen eins über“, gab ich ihm mit auf den Weg.

Doch als ich mich endlich zurückfallen lassen konnte und wieder von unserem Mannschaftsauto eingeholt wurde, sah ich einen offenkundig äußerst aufgeregten Mike. Und weil das so selten vorkam, machte mich dieser Anblick schlagartig nervös. Er schrie etwas von einem heftigen Schneesturm auf der Passhöhe, reichte mir Skihandschuhe, eine Wollmütze, eine trockene Jacke und sagte: „Bring das nach vorne zu Andy!“

„Scheiße“, sagte ich: „Machst du Witze?“

„Zur Hölle, nein! Bring endlich Andys Klamotten nach vorne. Auf der Stelle!“

Ich schüttelte meinen Kopf, biss auf die Zähne und begann, Stück für Stück wieder zur Spitzengruppe aufzuschließen. Ich brauchte fünf Kilometer, dann hatte ich sie endlich eingeholt: Andy, Breuk, Giovannetti und Giupponi. Ich brüllte zu Andy: „Hier, nimm den Scheiß. Oben auf dem Pass tobt ein Schneesturm.“

Andy schien überrascht zu sein, mich nach zehn Kilometern im Berg noch an der Spitze zu sehen. Er schaute mich an, als käme ich vom Mars. Als ich allmählich wieder aus der Spitzengruppe zurückfiel, sah ich zwei Spitzkehren über mir, wie das Maglia Ciclamino im Solo davonflog – bis es im heftigen Schneetreiben verschwand, und mit ihm sein Träger Johan van der Velde.

Ich sah auch viele der gefeierten Favoriten für die Gesamtwertung in diversen Stadien der Verzweiflung. Slim Zim litt, und Coppino war nur noch ein erbärmliches Häuflein Elend. Visintini war drauf und dran aufzugeben, und Delgado hatte gerade entschieden, dass dieser Giro d’Italia für ihn nicht mehr als eine Tour-Vorbereitung sein sollte.

Abgesehen von seiner Länge, seiner Steilheit und der fast 1.400 Höhenmeter wartete der Gavia noch mit einer anderen üblen Besonderheit auf: Die letzten 15 Kilometer waren nicht asphaltiert! Wenn es trocken war, ersticktest du am Staub… aber bei Regen und Schnee musstest du alle Kraft allein dafür aufbringen, nicht umzufallen, während deine Räder immer tiefer im Morast versanken.

Und auch wenn es noch zehn Kilometer bis zur Passhöhe waren, wurde die Schneedecke auf dem Schlammpfad immer dicker. Ich stampfte weiter – zumeist allein, aber hin und wieder passierte ich auch die schneebedeckten Überreste einer Radsportikone. Drei Kilometer vor der Passhöhe ging es durch einen Tunnel, der mich kurzzeitig vom ständigen Gestöber der Flocken erlöste. Kopfschüttelnd befreite ich meine Rennmütze etwas vom Schnee, der sich auf ihr angesammelt hatte, und ließ mir von einem der ganz wenigen Tifosi am Straßenrand eine Tasse heißen Tee geben.

Vorne blieb ein äußerst hartnäckiger Andy an Breuk dran. Die beiden lagen knapp zwei Minuten hinter Van der Velde, der sich die Bergwertung sicherte. Ich überquerte die Passhöhe in den Top 20, und Och’, der auf dem Gipfel mit unseren Regenklamotten wartete, fielen fast die Augen aus dem Kopf, als er sah, dass der große böse Bobke zwar nun langsam starb, aber immer noch in Gesellschaft der Kletterer fuhr. Ich schnappte mir eine Regenmütze, langfingrige Handschuhe und eine Oakley-Brille und machte mich von der Passhöhe auf ins 15 Kilometer entfernte Bormio. Eigentlich hatte ich gedacht, ich könnte 15 Kilometer Abfahrt in jedem nur denkbaren Zustand bewältigen. Zu jeder Zeit und an jedem Ort der Welt. Doch vermutlich habe ich mich in meinem ganzen Leben nie dermaßen geirrt.

Nach einer brillanten Kletterpartie fuhr Van der Velde, der sich, um weiter Zeit zu gewinnen, keine zusätzlichen Klamotten übergezogen hatte, einsam an der Spitze und trug virtuell bereits das Rosa Trikot. Doch nach nur zwei Kilometern Abfahrt kniete ein geschlagener Van der Velde tränenüberströmt am Straßenrand. Vollkommen unterkühlt kroch er in ein Auto, um sich aufzuwärmen. Erst eine Stunde später stieg er wieder aus und auf sein Rad. Die Ziellinie passierte er außerhalb des Zeitlimits. Nun waren Drew und Breuk also allein in Front…

Überall in Europa verbreitete sich die Nachricht von den unmenschlichen Bedingungen bei der 14. Etappe des Giro 1988 wie ein Lauffeuer. Die Augen eines ganzen Kontinents klebten an den Fernsehapparaten, als Andy und Breuk in der Yeti-kompatibelsten Manier aller Zeiten um den Tagessieg kämpften. Breuk hatte am Ende das Quäntchen Kraft mehr in den Beinen und gewann. Eine Sekunde vor Andy. Doch zur absoluten Überraschung jedes Mannes, jeder Frau und jedes Kindes in Europa hatte sich ein amerikanisches Radsportteam das Rosa Trikot des Giro d’Italia geholt. Andrew Hampsten kletterte aufs Podium und streifte sich La Maglia Rosa über.

Unterdessen stampfte ich gesenkten Blickes voran und folgte den Reifenspuren durch den Schnee. Nach einem Kilometer war mir entsetzlich kalt. Nach zwei Kilometern war ich völlig durchgefroren. Nach nur drei Kilometern kicherte ich wie ein Wahnsinniger und passierte Rolf Sørensen, während ich aus Leibeskräften schrie, um irgendwie etwas Wärme zu produzieren. Nach fünf Kilometer heulte ich wie ein Baby und war drauf und dran, in ein Kältekoma zu fallen. Nach der Hälfte der Abfahrt war ich nicht mehr in der Lage, halbwegs vernünftig zu denken und traf entsetzlich blöde Entscheidungen. Irgendwann stieg ich einfach von meinem Rad und lief im sinnosen Versuch, mich aufzuwärmen, wieder den Berg hinauf.

Als Massimo Ghirotto um eine schlecht einsehbare Kurve geschossen kam und mich beinahe in eine Schlachtplatte verwandelte, dämmerte mir, wie wenig von meinem Verstand noch übrig war. Ich sprang wieder auf mein Rad und fixierte mit meinen Augen den Umwerfer an Ghirottos Hinterrad. Ich musste nun im wahrsten Sinne kämpfen, um überhaupt in meinem Körper und die letzten fünf Kilometer bis Bormio bei Bewusstsein zu bleiben.

Dann endlich überquerte ich den Zielstrich und brach zusammen. Ich war blau angelaufen. Meine Augen waren geöffnet, aber ich konnte nichts sehen. Ich schrie nach Max – auch wenn der direkt hinter mir stand und mich unter den Armen hielt, damit ich auf den Beinen blieb. Dann gingen die Lichter aus, ein hundertprozentiger Blackout. Nur langsam kam ich im Fernseh-Container neben dem Ziel wieder zu Bewusstsein und Sehkraft. Als ich wieder da war, presste ein panischer Max gerade rhythmisch auf meinen Brustkasten, um meine Pumpe wieder anzuwerfen.

Die gesamte Entourage des Giros rannte wild durcheinander im Raum herum und kippte heißen Kaffee in die Rachen von 20 oder 30 Klumpen gefrorenen Fleisches, die allesamt nackt waren und so blau wie der Ochse von Paul Bunyan. Ich gewann wieder so viel Beherrschung über meinen Körper, dass ich mich in ein Handtuch hüllen und in unser Hotel fahren lassen konnte, das nur hundert Meter vom Ziel entfernt war. Dort saß ich 50 Minuten lang unter einer heißen Dusche und zitterte weiterhin vor Kälte. Ich sprang aus der Dusche und verschwand unter einer dicken Bettdecke. Das nächste, was ich sah, war Andys strahlendes Gesicht und das Rosa Trikot auf seinen Schultern. „Wow, Baby, du siehst aus wie ein Engel“, sagte ich.

Beim Abendessen ließen wir – Wook, Raul, Pepe, D-Man und Dag Otto – den Tag Revue passieren. Natürlich wussten wir alle, dass die Verteidigung des Rosa Trikots in der letzten Rennwoche mehr von uns verlangen würde, als wir jemals geben mussten. Aber während wir uns mit Pizzoccheri voll stopften, kam Renndirektor Torriani mit einem blitzsauberen, nagelneuen Maglia Rosa ins Restaurant. Ohhh, ja!

Die Etappe über den Gavia hatte ein Rennen gesehen, dass die Welt des Radsports nie zuvor bestaunen durfte. Alle Favoriten hatten grotesk viel Zeit eingebüßt. Zimmermann und Chioccioli verloren mehr als fünf Minuten. Visentini, der Giro-Sieger von 1986, eine halbe Stunde. Saronni gar beinahe eine ganze. Doch angesichts der außergewöhnlichen Begleitumstände, bei denen mehr als die Hälfte der Fahrer das Zeitlimit verpasst hatten, durften alle, die ins Ziel gekommen waren, weiterfahren. Am nächsten Morgen machte La Gazzetta mit der Schlagzeile auf: „Der Tag, an dem die harten Männer weinten“. Wie Recht sie doch hatte.



Die Akteure
Drew; Andy = Andrew Hampsten
Bongos = die „Del Tongo“-Mannschaft
Coppino = „der kleine Coppi“ = Franco Chioccioli
Mike = Mike Neel
Och’ = Jim Ochowicz
Max = Massimo Testa, Mannschaftsarzt von 7-Eleven
Breuk = Erik Breukink
Maglia Ciclamino = Lila Trikot des Punktbesten
Slim Zim = Urs Zimmermann
Wook = Ron Kiefel

D-Man = Davis Phinney
Raul = Raúl Alcalá
Pepe = Jeff Pierce
Dag Otto = Dag-Otto Lauritzen
Torriani = Vicenza Torriani, Giro-Direktor
Pizzoccheri = Pastaspezialität aus Bormio
La Gazzetta = La Gazzetta dello Sport

 

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Aus: „Bobkes Welt“ von Bob Roll

 

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Corsa Rosa – Das Zitat des Tages zum Giro d’Italia (»Als der Giro die Geister von Montecassino erweckte«)

Heute erreicht der Giro d´Italia einen überaus geschichtsträchtigen Ort. Montecassino. Schauplatz einer der opferreichsten Schlachten des Zweiten Weltkriegs. Sinnbild der totalen Zerstörung. Symbol für die Sinnlosigkeit des Krieges. Auch 1949 bereits passierten das Fahrerfeld und Tross der Italien-Rundfahrt, fünf Jahre nach den schrecklichen Geschehnissen, das zerstörte Cassino. Dino Buzzati  war als Reporter dabei und ließ den Giro die Geister von Montecassino erwecken…

„Eine riesige weiße Narbe, die an der Flanke des Tals obszön in der Sonne strahlte...“ (FOTO: USAAF)

„Eine riesige weiße Narbe, die an der Flanke des Tals obszön in der Sonne strahlte…“ (FOTO: USAAF)

 

Rom, 27. Mai, nachts.

Warum hat die antike und edle Stadt Cassino heute nicht die Fahrer des Giro d’Italia auf ihrem Weg von Neapel nach Rom begrüßt? Das wäre doch freundlich gewesen. Aber keine schönen Mädchen standen an den Fenstern, es waren auch keine Fenster da, keine Mauern, in denen sich Fenster öffnen könnten, es hingen keine Girlanden aus buntem Seidenpapier zwischen den alten kleinen, rosa gestrichenen Häusern, es fehlten sogar die Häuser, die Straßen, nichts war da außer unförmigen Steinen, von der Sonne verbrannt und ausgebleicht, Staub, Unkraut und Gestrüpp, auch ein paar Bäume, die kündeten, dass hier mittlerweile die Natur das Sagen hat, also Regen, Wind, Sonne, Eidechsen, die Organismen der Pflanzen- und Tierwelt, aber nicht mehr der Mensch, das geduldige Wesen, der viele Jahrhunderte lang dort gelebt hat, gearbeitet, geliebt, sich fortgepflanzt in der Intimität seiner Häuser, die er eigens Stein auf Stein errichtet hatte und von denen nun nichts, gar nichts mehr übrig ist.

Aber gab es denn wirklich gar niemanden mehr in dieser riesigen weißen Narbe, die an der Flanke des Tals obszön in der Sonne strahlte? Doch, da war jemand, in unkenntliche Stücke zerrissen, Knochensplitter und Staub, oder vielleicht auch noch ganz, begraben unter unförmigen Steinen. Ein alter Mann vielleicht, oder eine Frau, oder ein junger Mann, der sich absolut nicht wegbewegen wollte, als schwere Artillerie neuester Bauart die pedantischste und vollständigste Zerstörung vornahm, die  die Welt je gesehen hat, so dass nicht einmal ein zwei Meter hoher Stummel einer Mauer übrig blieb, nicht der geringste Rest, hinter dem ein kleingewachsener Soldat hätte in Deckung gehen können, alles platt wie im Anbeginn der Welt; nein, noch platter, denn im Anbeginn war die Welt wahrscheinlich bedeckt von einer Vegetation aus Bäumen und Sträuchern.

»Der Giro?«, antwortete dieser eine. »Aber wir hier im alten Cassino sind nicht darauf vorbereitet, es fehlt uns an allem, um die Fahrer anständig zu empfangen. Habt bitte Verständnis, wir haben keine Straßen, auf denen sie fahren könnten, keine Augen, um sie zu sehen, keine Stimmen, um Hurra zu schreien, und auch keine Hände für den Applaus.«

»Erhebt euch doch. Nur für einen Moment. Bartali ist da, Coppi ist da. Wollt ihr sie gar nicht sehen, wenigstens aus Neugier? Eine halbe Minute reicht, los, nur eine kleine Anstrengung, dann dürft ihr zurückkehren in euren Schlaf. Sie fahren schnell, die Giganten der Landstraße, man hat sie kaum gesehen, schon sind sie wieder weg.« (Aber das war eine Lüge, denn heute waren die Giganten der Landstraße, die Kilometerfresser, die menschlichen Lokomotiven eher mit laxen Schnecken zu vergleichen; in gemütlichen Grüppchen plaudernd fuhren sie dahin und dachten nicht im Traum daran sich anzustrengen, und erst ganz zuletzt, vor den Toren von Rom, kam es zur mittlerweile obligatorischen Flucht der vielversprechenden Jungtalente, was die Asse nicht erschütterte, so dass die acht Rebellen – Ricci, Frosini, Pasotti, Vincenzo Rossello, Schär, Busancano, Cerami, Dubuisson – mit Vorsprung ins Velodromo Appio einfuhren und die Ziellinie in der Reihenfolge passierten, in der sie hier genannt sind.)

»Nein, nein, lasst uns schlafen«, antwortete die Stimme, »fragt die anderen, die übrig geblieben sind und ein Stück weiter drüben – seht ihr? dort, wo sich das Tal erweitert – wieder aufbauen. Das neue Cassino meine ich. Da steht es schon. Sie haben ganz schön geschuftet, nicht?«

»Wir sehen es, ja, aber das ist etwas anderes. Ein rührendes, wunderbares Zeugnis menschlicher Hartnäckigkeit. Doch diese neue, grauenhafte Gefängnisarchitektur hat nichts mit der Stadt von vorher zu tun. Man kann sie nicht einmal rational nennen, weil das Leben in so hässlichen Häusern immer unbequem und traurig sein wird. Das ist nicht Cassino. Das ist eine seltsame, andere Kreatur, die die Narbe an der Flanke des Tals noch grausamer hervortreten lässt.«

»Capisco«, sagte die Stimme, »aber es ist zu spät. Wenn wir aufstünden, und sei es nur für eine Minute, würden sich die Lebenden erschrecken. Sie erinnern sich an uns und haben uns lieb, solange wir still und ruhig unter der Erde bleiben. Zu viel Zeit ist vergangen. Die Jahre löschen alles aus. Hier, wo mein Zimmer war, das Bett, das Heiligenbild, der Maiskolben an der Wand, die Flinte, zwei oder drei Bücher, der Vogelständer mit dem Kettchen, steht jetzt ein junger Nussbaum, und auf den Zweigen hüpfen Rotkehlchen herum. Vielleicht ist es besser so. Auch, auf den Giro zu verzichten.«

»The Giro? What’s that?«, fragte da, vom Lärm der Hupen und dem Sausen der Fahrräder aufgeweckt, Martin J. Collins, einst Soldat und zuständig für den Munitionsnachschub, nun vertreten durch ein blutloses Gespenst und für immer hier ansässig (es hatte eine weiße Stichflamme gegeben, eine Staubwolke, einen lauten Knall, und von dem gut aussehenden Jüngling war nichts mehr aufzufinden gewesen, nicht einmal der Helm, auch er war nur noch Staub, eine abstrakte Erinnerung). Mit Mühe hebt das Gespenst in seinem rustikalen Grab aus Steinen und Wind und Sonne den schläfrigen Schädel.

»Was ist los?«, fragt nun, einen Meter weiter, der ehemalige Feldwebel Friedrich Gestern, auch er in pure Erinnerung verwandelt durch einen meisterhaften Schuss. Er hat geschlafen, ist aufgewacht durch das Getöse der Autos und reibt sich nun die müden Augen. Auch andere wachen, für uns unsichtbar, an den wiederergrünten Gestaden, in den kleinen Tälern, die heute in der Maisonne unschuldigen Paradiesen gleichen und vor fünf Jahren mit Toten bedeckt waren. Wie viele es sind! Ein Heer in den Farben ungezählter Uniformen und Rassen, Männer, die sich gegenseitig umgebracht haben und nun friedlich nebeneinanderliegen, vereint im letzten Waffenstillstand.

»Nur keine Aufregung«, sagen wir, »das ist der Giro, liebe Leute, der tut niemandem etwas. Sie strampeln, mühen sich ab, versuchen (nur nicht heute), so schnell zu fahren, wie sie können. Wozu? Zu nichts. Aus Lust, Erster zu sein, zur Befriedigung derer, die zuschauen, weil der Mensch unglücklich wird, wenn er nicht irgendwie kämpft. Aber vielleicht, Verzeihung, ist das nichts für euch. Das ist das Leben, in seiner unschuldigsten Form, überwältigend und für euch, fürchte ich, ein wenig irritierend. Verzeiht.

Wir sind zufällig vorbeigekommen. Wenn wir euch geweckt haben, tut uns das leid. Wir wollten nur das alte Cassino grüßen, das es nicht mehr gibt. Davon wisst ihr ein Lied zu singen. Habt keine Angst, wir gehen gleich wieder, dann seht ihr uns wenigstens ein Jahr lang nicht mehr. Schlaft gut, Männer.«

Und die Karawane der (heute nicht so großen) Champions zog mit ihrem profanen Getöse zu Füßen der grauenvollen Narbe vorbei, verschwand in der grünen Landschaft und war bald nicht einmal mehr als Echo zu vernehmen. In Cassino hämmerten die Maurer weiter, unten im Tal, und die Zeit zog weiter über die geborstenen Steine der bleichen Ruinen an der Flanke des Berges hinweg.

Die körperlosen Geister legten sich wieder hin, schmiegten die leeren Wangen an die barmherzige Erde, schliefen weiter. Und wir betrachteten den Schwarm der Fahrer, so fröhlich mit all den bunten Trikots und den blitzenden Fahrrädern, wir betrachteten die vor Aufregung bebenden Menschen, die Beamten der Straßenpolizei, die sich mühten, das Vorankommen des Trosses zu regeln, diese ganze kleine Welt, die Italien hochgaloppierte wie verrückt. Die Sonne schien, es war warm. Gleich würde einer fragen: »Immer noch alle beisammen?«


Aus: „Beim Giro’Italia“ von Dino Buzzati (Covadonga Verlag, 2014)

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Corsa Rosa – Das literarische Zitat des Tages zum Giro d’Italia

Ein Giro d’Italia, der in Belfast startet. Das verlangt eine logistische Meisterleistung von Organisatoren und Teams und einiges an Geduld seitens der Aktiven. Ähnlich war es bei der 32. Austragung der Italien-Rundfahrt im Mai 1949. Damals fiel der Startschuss in Sizilien. Das bedeutete für viele Fahrer, für die Anreise gleich zwei Mal eine Fähre besteigen zu müssen – erst von Genua von Neapel, von dort weiter nach Palermo. Der Schriftsteller und Reporter Dino Buzzati, damals als Korrespondent des Corriere della Sera zum Tross gehörend, ließ die Rennfahrer am „Vorabend“ des Rennens während der nächtlichen Überfahrt an Bord der Saturnia schon mal träumen:

Morgen werden sie auf die Straße treffen, den großen Feind, atemraubend lang und gerade und am Horizont endend im Nichts oder gewunden und steil wie eine Felswand, bei deren Anblick schon der Atem stockt, die Straße aus Steinen oder Staub oder Matsch oder Asphalt oder wüsten Schlaglöchern: das endlose Band, das Tritt um Tritt geschluckt werden muss. Doch heute Nacht ist da nur der unendliche Boulevard des Meeres, der weder Schlaglöcher noch Wehrsteine noch Steigungen kennt, ein weicher Teppich, den der Bug des Schiffes wie Seide durchschneidet, mit verblüffender Leichtigkeit, ohne dass müde Waden es vorwärtstreiben müssten mit Pedaltritten.

Morgen dann Schweiß, Krämpfe, schmerzende Knie, das Herz, das bis zum Halse schlägt, Erschöpfung, Durst, Flüche, platte Reifen, Zusammenbruch von Geist und Körper, der bittere Geschmack im Mund, wenn die anderen, die Großen, davonziehen und in einem Wirbel von Beifallsrufen verschwinden. Aber heute Nacht, in der weichen Koje, entspannen sich die Muskeln, besänftigt: Heute Nacht sind sie jung, elastisch, fabelhaft, unwiderstehlich, siegesschwanger.

Morgen werden alle wieder eine gnadenlose Stallorder ausgeben, muss der »Kapitän«, der nicht in Form ist, wohl oder übel gezogen werden, die Steigungen hinaufgeschleppt wie ein Sack, müssen die eigenen Reserven geopfert werden, sinnlos vergeudet, gerade heute, da er, der Wasserträger, mit einer einsamen Flucht liebäugelte. Aber heute Nacht gibt es keine Stallorder, keine Teamdisziplin, keine Hierarchie. Heute Nacht ist auch das jüngste Küken ein Napoleon. Und träumt.

Es träumt der kleine Fußsoldat der Straße, der nie die Massen seinen Namen brüllen hörte, der nie auf den Schultern einer frenetischen Menge im Triumph getragen wurde. Er träumt das, was jeder Mensch irgendwann träumen muss, damit das Leben nicht zu schal wird. Er träumt von

»seinem« Giro d’Italia, von einer formidablen Revanche. Von der ersten Etappe an, versteht sich. 106 Kilometer hinter Palermo, wo die Straße sich schroff die tausend und mehr Meter des Colle del Contrasto hinaufzuwinden beginnt, da springt aus der surrenden Truppe der Fahrer, kompakt noch wie eine Büffelherde, er hervor, der Wasserträger, der Unbekannte, er, dessen Name nie von Kindern, weder zur Anfeuerung noch zur Schmähung, mit Kreide an die Mauern der Vorstädte gekritzelt wurde. Ganz allein jagt er die Steigung hoch wie ein Verrückter. Die anderen beachten ihn gar nicht. Was für ein Idiot, sagt einer, der Bescheid weiß, die beste Art, dich fertigzumachen; in fünf Minuten bist du erledigt, wenn es hoch kommt. Aber er fliegt dahin. Getragen von einer übermenschlichen Kraft, nimmt er Kehre um Kehre, als würde er nicht bergauf fahren, sondern irgendein Stilfserjoch hinabsausen …

 

Aus: „Dino Buzzati: Beim Giro d’Italia“
(Covadonga Verlag, 2014 – ISBN 978-3-936973-95-2).

 

Übrigens: Wer davon träumt, sich mal in der Rolle des sportlichen Leiters bei einem großen Rennen zu versuchen, dem sei das kostenlose Radsport-Managerspiel auf der Seite des Covadonga Verlags empfohlen. Morgen startet es mit dem Giro d’Italia in eine neue Runde. www.teamtoto.de

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Eiskalt gefinisht!

Ein Gastbeitrag von Lars Terörde
(„Barfuß auf dem Dixi-Klo“,
„Sind wir nicht alle ein bisschen tri?“)

Nach mehreren freudlosen Monaten ohne Wettkämpfe sollte es Sonntag endlich wieder losgehen. Der erste Formtest wartete in Hagen. 500m Schwimmen, 23 Kilometer Radfahren und 5 Kilometer Laufen sollten der Saisoneinstieg sein. Und wenn man den Winter über einigermaßen diszipliniert trainiert hat, dann fiebert der mittelalte Triathlet zuweilen ungeduldig auf den Tag, an dem man erste Ergebnisse für die Mühen abholen darf.

Leider wurde die Vorfreude getrübt. Nicht Verletzungen, Krankheiten oder Steuererklärungen machten mir das Leben schwer. Diesmal nicht! Diesmal war es der Wetterbericht, der sich in der letzten Woche von Tag zu Tag düsterer zeigte bei der Prognose für den Wettkampftag in Hagen am Tor zum Sauerland.

Übertroffen wurden die Prognosen dann von der erlebten Wirklichkeit am Sonntagmorgen. Bei sieben Grad und strömenden Regen packte ich Räder und Familie ins Auto. Auch mein Sohn sollte den ersten Start des Jahres wagen.

lars029

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Sie waren alt und brauchten das Gel (Rad am Ring 2012 – Tag 3)

Ein Gastbeitrag von Ulf Henning

Was bisher geschah: Tag 1
Was bisher geschah: Tag 2

Sonntag, 02. September 2012

[…]

„Krrrpffzzzstpfffffrrrrxzs!

Und hier ist wieder euer Kugelralf, die Nachteule aus dem Muldetal! Viertel Zweie, oder für alle Nichtchecker: Viertel nach Eins ist es schon, also höchste Zeit, zu berichten, was bisher passiert ist:

Eine spannende Runde wartete auf uns. Wie viel Vorsprung würde Rolf herausfahren? Rund 4 min Plus standen am Ende auf seiner Seite. So weit, so gut, aber Matthias, der schnelle Mann der Covadongas würde unseren Vorsprung pulverisieren. Angetreten mit einem echten Vollblutboliden und ebensolchen radsportlichen Fähigkeiten glich er die Zeiten der anderen mehr als aus. Stefan, sein „direkter“ Gegner hatte einen echten Brocken zum Rivalen. Würden die vier Minuten Vorsprung reichen, könnte er sie ins Ziel retten? Das wäre ein Erfolg. Mit neu eingestellter Schaltung prügelte er die Nordschleife platt bis die Schenkel platzten. Und tatsächlich, mit mageren 3 sek. kam er eher in die Wechselzone, also fast Gleichstand. Andy, unser zweiter Mann in der Startreihenfolge hat also seinen Widersacher direkt neben sich. Das Duell ist offen. Der zweite Umlauf beginnt.

18 Uhr: Die Nichtbeteiligten richteten das Abendbrot. Der Grill wurde mit Kohle bestückt…

18.30 Uhr: Marco und Lars machen sich bereit. Wer kommt als erster an? Andy oder Rainer?

18.37 Uhr: Andy erscheint als erster auf der „Zielgeraden“, aber die Freude währte nicht lange, der Rainer hat sich den Schneid nicht abkaufen lassen, mit lediglich 40 sek. Vorsprung geht Marco auf seinen 2. Umlauf, Lars liegt ihm im Nacken. In der Ruhezone glimmte die Grillkohle zur Weißglut, ein eindeutiges Zeichen zum Auflegen des Grillgutes.

19.33 Uhr: Schlag auf Schlag, Marco konnte seinen kleinen Vorsprung nicht ausbauen, fast gleichzeitig kamen Lars und Marco im Ziel an, knapp 10 sec. Rückstand handelte er sich ein. Ein knappes Rennen geht in die Nacht – Rolf und Ulf sind auf der Strecke, hier wird der Unterschied sicher ein wenig klarer ausfallen, aber danach starten Matthias und Stefan in die Dunkelheit.

20.13 Uhr: Der nächste Wechsel steht bevor. Wie viel Zeit wird Rolf dem Ulf abnehmen? Jede Sekunde zählt. Weiterlesen

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Sie waren alt und brauchten das Gel (Rad am Ring 2012 – Tag 2)

Ein Gastbeitrag von Ulf Henning,
Autor von „Dicker Mann auf dünnen Reifen“

Was bisher geschah: Tag 1

Samstag, 01. September 2012

„Guten Tag allerseits, liebe Radsportfans, hier ist wieder Radio Nürburgring, und ich, ihr Reporter Fritz von Tut und Kannix, heiße Sie alle hier an der Strecke und zuhause vor den Radiogeräten herzlich willkommen! Es ist jetzt 13 Uhr, und bevor das 24-Stunden-Rennen beginnt, bleibt mir gerade noch genug Zeit, sie darüber zu unterrichten, was hier und heute bisher geschehen ist.

Die meisten Anwesenden dürften heute morgen ziemlich enttäuscht gewesen sein, vor allem die Teilnehmer der Laufwettbewerbe, denn abgesehen von den immerhin knapp zweistelligen Temperaturen mussten sie bei unverändert unfreundlichem Wetter an den Start gehen. Viele derer, die hier campiert haben, haben sich aber davon nicht abschrecken lassen und standen applaudierend vor ihren Parzellen an der Strecke. So auch unsere Freunde vom Covadonga Racing Team und vom Hallzig Express, die zuvor nach einer nicht allzulangen, aber offenbar erholsamen Nacht ein gutgelauntes gemeinsames Frühstück genossen hatten. Die Stimmung war umso besser, als am späten Abend noch Matt Gelpe eingetroffen war, dessen Einfahrt nach Toresschluss erst möglich geworden war, nachdem er eine Angehörige des Wachpersonals überzeugt hatte, ihn ausnahmsweise doch noch hineinzulassen. Wie er das geschafft hat? Wir werden es wohl nie erfahren, meine Damen und Herren, und vielleicht wollen wir das auch gar nicht.

Jedenfalls ist es gut, dass er hier ist, denn der Wuppertaler Wunderradler ist der erste, der für sein Covadonga-Team an den Start geht. Und in diesem Moment, da wie aufs Kommando die Sonne herausgekommen ist, sitzt er auch schon auf seinem federleichten Carbonboliden mitten im Tausende zählenden Starterfeld. Mehr als 700 Viererteams haben sich für das 24-Stunden-Straßenrennen gemeldet, dazu kommen noch die Mountainbiker, die 24-Stunden-Einzelstarter, -Zweier- und -Achterteams sowie 1300 Jedermänner, die eine, drei oder sechs Runden auf der Nordschleife zu absolvieren haben. Insgesamt stehen auf der Starterliste über 6400 Radsportler, davon ungefähr 1900 Einzelstarter und mehr als 4500 Teamfahrer. Und sie alle erwarten ungeduldig den Startschuss. Weiterlesen

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Sie waren alt und brauchten das Gel (Rad am Ring 2012 – Tag 1)

Ein Gastbeitrag von Ulf Henning

Liebe Daheimgebliebene und Dabeigewesene,

die 24 Stunden bei Rad am Ring waren wieder ein absolut unvergessliches Erlebnis, von dem ich gerne in aller Ausführlichkeit berichten würde. Aber ich bin leider körperlich immer noch nicht vollständig wiederhergestellt, seltsam leer im Kopf, in jeder Hinsicht todmüde und platt, und andererseits so übervoll von Eindrücken, Endorphinen und Glücksgefühlen, dass ich beim besten Willen nicht die richtigen Worte finde, dieses unfassbare Wochenende zu beschreiben. Deswegen hier nur ein paar langweilige Fotos, sowie die schnöde Niederschrift der Liveberichterstattung von Radio Nürburgring. Und die ist zu allem Überfluss auch noch lückenhaft, weil hin und wieder ein obskurer Sächsischer Piratensender dazwischenfunkte:

Freitag, 31. August 2012

„Ich begrüße Sie aufs Herzlichste, liebe Radsportfans! Es ist 16 Uhr, und Sie hören Radio Nürburgring, Fritz von Tut und Kannix am Mikrofon. Ich sitze hier in meiner Sprecherkabine im Tower an der Boxengasse. Normalerweise hätte ich von hier oben perfekte Sicht über das Heerlager der Radsportverrückten, das hier die Grand-Prix-Strecke säumt. Oder vielmehr säumen sollte und hoffentlich auch bald wird, aber was ist schon normal an der wohl schönsten und berühmtesten Rennstrecke der Welt, meine Damen und Herren?

Das Wetter ist es jedenfalls nicht. Es herrschen an diesem Freitagnachmittag, dem letzten Tag des meteorologischen Sommers, nahezu arktische Temperaturen. So um die 8 Grad Celsius mögen es sein, plus immerhin, Haha! Aber da sich der altehrwürdige Nürburgring heute in Nieselregen und Nebel mit Sichtweiten um die 100 Meter gehüllt hat, ist es für die wenigen, die es schon auf das Gelände geschafft haben, doch äußerst ungemütlich. Vor allem, weil die Sturmböen, die hier über das Gelände peitschen, es fast unmöglich machen, Zelte oder Pavillons aufzubauen, in denen man sich vor dem nasskalten Wetter schützen könnte.

Ein paar Unentwegte versuchen es dennoch. Und jetzt scheinen hier, auf der Wiese in der Nähe  meiner Sprecherkabine drei tapfere Mitglieder des Teams aus Leipzig und Halle an der Saale, des Hallzig Express, es tatsächlich geschafft zu haben, einem eher schlichten Pavillonmodell mit einer gewagten Seilkonstruktion zu immerhin vorläufiger Standfestigkeit zu verhelfen. Aber das war ein harter Kampf, liebe Zuhörerinnen und Zuhörer, und ich kann nur schemenhaft erkennen, dass sie wohl jetzt windzerzaust und tropfnass dastehen. Die Hände tief in die Jackentaschen gesteckt, sehen sich um und scheinen sich zu fragen, wo denn die anderen bleiben.

Ja, wo bleiben sie denn? Die Teamkameraden vom Hallzig Express? Und das mit Spannung, aber auch einiger Skepsis erwartete Covadonga Racing Team? Weiterlesen

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The German Master in den französischen Alpen

Eine Woche noch, bis endlich der Sporthöhepunkt des Jahres beginnt. Höchste Zeit also, Landkarten und Streckenprofile zu studieren, das Zelt durchzulüften und die Packliste fürs Wohnmobil zu schreiben. Andreas Beune über das Erlebnis, die Tour de France aus der ersten Reihe zu sehen.

Das Vorprogramm: Helden aus Pappmaché.

Um Frankreich zu verstehen, muss man nur über die Schweiz in das Land einreisen.

In der Schweiz lernen Kinder schon früh das Steuerschlupflöchern und das Raushalten aus Konflikten. Die Wirtschaft floriert, deswegen gibt es in der Schweiz gepflegte Autobahnen und Chocoladenconfisseure. Hinter der Grenze liegt eine andere Welt mit schiefen Häusern, kaugummiverklebten Straßen, mit Bäckereien und Gaststätten im Übermaß. Mit anderen Worten: Die einen können mit Geld umgehen, die anderen mit dem Leben. C‘est la vie.

Bei der Tour de France feiert sich Frankreich selbst. Egal wo die Karawane langzieht, gibt es Stadt- und Dorffeste sowie Egalité, Fraternité, Liberté toujours. Den Franzosen ist es dabei weniger wichtig, wer die Tour gewinnt. Mögen die Sieger der Rundfahrt Kälbermastmittel zum Frühstück inhalieren – wer am Straßenrand steht, kriegt im Vergleich zum gut informierten TV-Zuschauer sowieso kaum etwas mit. Viel wichtiger ist, dass der zum Betrachten des Spektakels geöffnete Rotwein nicht korkt. Weiterlesen

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Triathlonautor beim Betrug erwischt!

Ein Gastbeitrag von Lars Terörde.

Hatte ich nicht letztes Jahr Stein und Bein geschworen, dass ich nie, nie wieder in Bocholt auf die Mitteldistanz gehen wollte? Hatte ich nicht Internetbuddies, meiner Frau gar, dass Versprechen abgerungen, mich an die fürchterlichen Erfahrungen im Bocholter Windkanal zu erinnern, sollte ich jemals wieder auf die Idee kommen, neunzig Kilometer auf einer schnurgeraden Wendepunktstrecke abzuradeln? Hatte ich mir nicht ganz fest vorgenommen, die schöne und traditionsreiche Veranstaltung am Bocholter Aasee nur noch mit meiner Teilnahme an der Olympischen Distanz zu beglücken in dem Wissen, dass ich wohl vierzig Kilometer bei widrigen Bedingungen, ungern aber derer neunzig bei Sturm und Regen nochmal absolvieren will?

Ja, all das hatte ich geäußert. Zu niederschmetternd war die Erfahrung des Vorjahres gewesen, als ich bei Windstärken bis zu sechs und Starkregen mehr schlecht als recht über die Runden gekommen war. Dem Vorsatz folgten Taten. Schwester, Schwager und ich waren in die Startliste für die Kurzdistanz gerutscht. Es hätte ein schöner Wettkampftag werden können, wenn …

Wenn nicht Schwager und Schwester mal wieder eine Anmeldung aus verschiedenen Gründen sausen gelassen hätten. Wenn nicht meine sportliche Eitelkeit diesen Umstand als Vorwand genutzt hätte, mich doch noch für die Mitteldistanz zu interessieren. Und wenn nicht ein anderer Starter mit genau dem gegenteiligen Anliegen mir die Möglichkeit gegeben hätte, unsere Startplätze zu tauschen.

Trotz Eile noch Zeit zum Grüßen: Kaiserswerther Kenianer in der Münsterländer Panhas-Pampa.

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