Aktuelle Radsportbücher: Einfach mal reinschnuppern…

Tim Moore als alter Mann auf alten Reifen, Wilfried de Jongs preisgekrönte Geschichten vom Radfahren, Dino Buzzati als Reporter beim Giro ’49, der amüsante Ratgeber „Frau & Rennrad“ und das „Buch der Radsporttrikots“ – das ist das 2014er Programm von Covadonga. Kostproben aller fünf Titel haben wir jetzt in einem kleinen Leseprobenheft zusammengefasst.

Hier geht’s lang: https://www.yumpu.com/de/document/view/27429113/radsportliteratur-von-covadonga-leseproben-herbst-2014

o_19431f4821ocu1hs814bfoo000001

 

Corsa Rosa – Das Zitat des Tages zum Giro d’Italia

Der Fan als Ar***loch, Folge 1713. Beim aktuellen Giro leisteten sich Zuschauer am Streckenrand schon mehrfach Ungeheuerliches. Hier ein Selfie mit dem Gestürzten (http://iconosquare.com/p/718934362188652655_3036255#/detail/718934362188652655_3036255); dort Carusos Helm, der auf Nimmerwiedersehen verschwindet, während der Katusha-Profi in den Krankenwagen geschoben wird (https://twitter.com/1507mm/status/467054259453034496/photo/1).

Selfie

Caruso

Rennfahrer, die von Fans genervt waren, mochte es auch in der Ära eines Gino Bartali schon gegeben haben. Ein Mindestmaß an Respekt war nicht nur ihm dereinst aber noch gewiss…

 

„Es ist Mittag, und der Champion schläft noch. Wieso ist er so müde, gerade er, der Anstrengung braucht, um sich wohlzufühlen? Alle anderen spazieren in Salerno herum, heute ist zum Glück die Sonne herausgekommen, schon sitzen sie an Tischen unter überwucherten Lauben, während die Straßenmusiker ihnen kostenlos ihre größten Klassiker widmen. Hat ihn vielleicht die gestrige Etappe erschöpft? Nein, nein, antworten etwas rätselhaft die Männer seines kleinen Hofstaats im Hotelfoyer. Nicht, dass er im wörtlichen Sinne schlafe. Nein, er sei wach, sagen sie, er bleibe nur im Bett, er habe keine Lust aufzustehen, das sei alles, er wolle auch im Bett essen.

Im Erdgeschoss des Hotels sitzen zwei Fahrerteams fröhlich bei Tisch. Er nicht. Ein Kellner des Vertrauens oder sogar, der Vorsicht wegen, sein persönlicher Masseur betritt verstohlen das Zimmer, mit einem Essenstablett in der Hand. Durch den Hoteleingang haben die Augen der Fans dank der wunderbaren Scharfsichtigkeit, die sie auszeichnet, das Glänzen der Suppenschüssel und der Teller auf ihrem Weg durch das Foyer erhascht. Das Essen für Bartali! Und ein Schauer erfasst und belebt die kleine Menge, die seit den frühen Morgenstunden ausharrt. Schnell wird die großartige Nachricht verbreitet.“

 

Aus: „Beim Giro d’Italia“ von Dino Buzzati (Covadonga Verlag, 2014)

Corsa Rosa – Das Zitat des Tages zum Giro d’Italia (»Als der Giro die Geister von Montecassino erweckte«)

Heute erreicht der Giro d´Italia einen überaus geschichtsträchtigen Ort. Montecassino. Schauplatz einer der opferreichsten Schlachten des Zweiten Weltkriegs. Sinnbild der totalen Zerstörung. Symbol für die Sinnlosigkeit des Krieges. Auch 1949 bereits passierten das Fahrerfeld und Tross der Italien-Rundfahrt, fünf Jahre nach den schrecklichen Geschehnissen, das zerstörte Cassino. Dino Buzzati  war als Reporter dabei und ließ den Giro die Geister von Montecassino erwecken…

„Eine riesige weiße Narbe, die an der Flanke des Tals obszön in der Sonne strahlte...“ (FOTO: USAAF)

„Eine riesige weiße Narbe, die an der Flanke des Tals obszön in der Sonne strahlte…“ (FOTO: USAAF)

 

Rom, 27. Mai, nachts.

Warum hat die antike und edle Stadt Cassino heute nicht die Fahrer des Giro d’Italia auf ihrem Weg von Neapel nach Rom begrüßt? Das wäre doch freundlich gewesen. Aber keine schönen Mädchen standen an den Fenstern, es waren auch keine Fenster da, keine Mauern, in denen sich Fenster öffnen könnten, es hingen keine Girlanden aus buntem Seidenpapier zwischen den alten kleinen, rosa gestrichenen Häusern, es fehlten sogar die Häuser, die Straßen, nichts war da außer unförmigen Steinen, von der Sonne verbrannt und ausgebleicht, Staub, Unkraut und Gestrüpp, auch ein paar Bäume, die kündeten, dass hier mittlerweile die Natur das Sagen hat, also Regen, Wind, Sonne, Eidechsen, die Organismen der Pflanzen- und Tierwelt, aber nicht mehr der Mensch, das geduldige Wesen, der viele Jahrhunderte lang dort gelebt hat, gearbeitet, geliebt, sich fortgepflanzt in der Intimität seiner Häuser, die er eigens Stein auf Stein errichtet hatte und von denen nun nichts, gar nichts mehr übrig ist.

Aber gab es denn wirklich gar niemanden mehr in dieser riesigen weißen Narbe, die an der Flanke des Tals obszön in der Sonne strahlte? Doch, da war jemand, in unkenntliche Stücke zerrissen, Knochensplitter und Staub, oder vielleicht auch noch ganz, begraben unter unförmigen Steinen. Ein alter Mann vielleicht, oder eine Frau, oder ein junger Mann, der sich absolut nicht wegbewegen wollte, als schwere Artillerie neuester Bauart die pedantischste und vollständigste Zerstörung vornahm, die  die Welt je gesehen hat, so dass nicht einmal ein zwei Meter hoher Stummel einer Mauer übrig blieb, nicht der geringste Rest, hinter dem ein kleingewachsener Soldat hätte in Deckung gehen können, alles platt wie im Anbeginn der Welt; nein, noch platter, denn im Anbeginn war die Welt wahrscheinlich bedeckt von einer Vegetation aus Bäumen und Sträuchern.

»Der Giro?«, antwortete dieser eine. »Aber wir hier im alten Cassino sind nicht darauf vorbereitet, es fehlt uns an allem, um die Fahrer anständig zu empfangen. Habt bitte Verständnis, wir haben keine Straßen, auf denen sie fahren könnten, keine Augen, um sie zu sehen, keine Stimmen, um Hurra zu schreien, und auch keine Hände für den Applaus.«

»Erhebt euch doch. Nur für einen Moment. Bartali ist da, Coppi ist da. Wollt ihr sie gar nicht sehen, wenigstens aus Neugier? Eine halbe Minute reicht, los, nur eine kleine Anstrengung, dann dürft ihr zurückkehren in euren Schlaf. Sie fahren schnell, die Giganten der Landstraße, man hat sie kaum gesehen, schon sind sie wieder weg.« (Aber das war eine Lüge, denn heute waren die Giganten der Landstraße, die Kilometerfresser, die menschlichen Lokomotiven eher mit laxen Schnecken zu vergleichen; in gemütlichen Grüppchen plaudernd fuhren sie dahin und dachten nicht im Traum daran sich anzustrengen, und erst ganz zuletzt, vor den Toren von Rom, kam es zur mittlerweile obligatorischen Flucht der vielversprechenden Jungtalente, was die Asse nicht erschütterte, so dass die acht Rebellen – Ricci, Frosini, Pasotti, Vincenzo Rossello, Schär, Busancano, Cerami, Dubuisson – mit Vorsprung ins Velodromo Appio einfuhren und die Ziellinie in der Reihenfolge passierten, in der sie hier genannt sind.)

»Nein, nein, lasst uns schlafen«, antwortete die Stimme, »fragt die anderen, die übrig geblieben sind und ein Stück weiter drüben – seht ihr? dort, wo sich das Tal erweitert – wieder aufbauen. Das neue Cassino meine ich. Da steht es schon. Sie haben ganz schön geschuftet, nicht?«

»Wir sehen es, ja, aber das ist etwas anderes. Ein rührendes, wunderbares Zeugnis menschlicher Hartnäckigkeit. Doch diese neue, grauenhafte Gefängnisarchitektur hat nichts mit der Stadt von vorher zu tun. Man kann sie nicht einmal rational nennen, weil das Leben in so hässlichen Häusern immer unbequem und traurig sein wird. Das ist nicht Cassino. Das ist eine seltsame, andere Kreatur, die die Narbe an der Flanke des Tals noch grausamer hervortreten lässt.«

»Capisco«, sagte die Stimme, »aber es ist zu spät. Wenn wir aufstünden, und sei es nur für eine Minute, würden sich die Lebenden erschrecken. Sie erinnern sich an uns und haben uns lieb, solange wir still und ruhig unter der Erde bleiben. Zu viel Zeit ist vergangen. Die Jahre löschen alles aus. Hier, wo mein Zimmer war, das Bett, das Heiligenbild, der Maiskolben an der Wand, die Flinte, zwei oder drei Bücher, der Vogelständer mit dem Kettchen, steht jetzt ein junger Nussbaum, und auf den Zweigen hüpfen Rotkehlchen herum. Vielleicht ist es besser so. Auch, auf den Giro zu verzichten.«

»The Giro? What’s that?«, fragte da, vom Lärm der Hupen und dem Sausen der Fahrräder aufgeweckt, Martin J. Collins, einst Soldat und zuständig für den Munitionsnachschub, nun vertreten durch ein blutloses Gespenst und für immer hier ansässig (es hatte eine weiße Stichflamme gegeben, eine Staubwolke, einen lauten Knall, und von dem gut aussehenden Jüngling war nichts mehr aufzufinden gewesen, nicht einmal der Helm, auch er war nur noch Staub, eine abstrakte Erinnerung). Mit Mühe hebt das Gespenst in seinem rustikalen Grab aus Steinen und Wind und Sonne den schläfrigen Schädel.

»Was ist los?«, fragt nun, einen Meter weiter, der ehemalige Feldwebel Friedrich Gestern, auch er in pure Erinnerung verwandelt durch einen meisterhaften Schuss. Er hat geschlafen, ist aufgewacht durch das Getöse der Autos und reibt sich nun die müden Augen. Auch andere wachen, für uns unsichtbar, an den wiederergrünten Gestaden, in den kleinen Tälern, die heute in der Maisonne unschuldigen Paradiesen gleichen und vor fünf Jahren mit Toten bedeckt waren. Wie viele es sind! Ein Heer in den Farben ungezählter Uniformen und Rassen, Männer, die sich gegenseitig umgebracht haben und nun friedlich nebeneinanderliegen, vereint im letzten Waffenstillstand.

»Nur keine Aufregung«, sagen wir, »das ist der Giro, liebe Leute, der tut niemandem etwas. Sie strampeln, mühen sich ab, versuchen (nur nicht heute), so schnell zu fahren, wie sie können. Wozu? Zu nichts. Aus Lust, Erster zu sein, zur Befriedigung derer, die zuschauen, weil der Mensch unglücklich wird, wenn er nicht irgendwie kämpft. Aber vielleicht, Verzeihung, ist das nichts für euch. Das ist das Leben, in seiner unschuldigsten Form, überwältigend und für euch, fürchte ich, ein wenig irritierend. Verzeiht.

Wir sind zufällig vorbeigekommen. Wenn wir euch geweckt haben, tut uns das leid. Wir wollten nur das alte Cassino grüßen, das es nicht mehr gibt. Davon wisst ihr ein Lied zu singen. Habt keine Angst, wir gehen gleich wieder, dann seht ihr uns wenigstens ein Jahr lang nicht mehr. Schlaft gut, Männer.«

Und die Karawane der (heute nicht so großen) Champions zog mit ihrem profanen Getöse zu Füßen der grauenvollen Narbe vorbei, verschwand in der grünen Landschaft und war bald nicht einmal mehr als Echo zu vernehmen. In Cassino hämmerten die Maurer weiter, unten im Tal, und die Zeit zog weiter über die geborstenen Steine der bleichen Ruinen an der Flanke des Berges hinweg.

Die körperlosen Geister legten sich wieder hin, schmiegten die leeren Wangen an die barmherzige Erde, schliefen weiter. Und wir betrachteten den Schwarm der Fahrer, so fröhlich mit all den bunten Trikots und den blitzenden Fahrrädern, wir betrachteten die vor Aufregung bebenden Menschen, die Beamten der Straßenpolizei, die sich mühten, das Vorankommen des Trosses zu regeln, diese ganze kleine Welt, die Italien hochgaloppierte wie verrückt. Die Sonne schien, es war warm. Gleich würde einer fragen: »Immer noch alle beisammen?«


Aus: „Beim Giro’Italia“ von Dino Buzzati (Covadonga Verlag, 2014)

Corsa Rosa – Das literarische Zitat des Tages zum Giro d’Italia

Ein Giro d’Italia, der in Belfast startet. Das verlangt eine logistische Meisterleistung von Organisatoren und Teams und einiges an Geduld seitens der Aktiven. Ähnlich war es bei der 32. Austragung der Italien-Rundfahrt im Mai 1949. Damals fiel der Startschuss in Sizilien. Das bedeutete für viele Fahrer, für die Anreise gleich zwei Mal eine Fähre besteigen zu müssen – erst von Genua von Neapel, von dort weiter nach Palermo. Der Schriftsteller und Reporter Dino Buzzati, damals als Korrespondent des Corriere della Sera zum Tross gehörend, ließ die Rennfahrer am „Vorabend“ des Rennens während der nächtlichen Überfahrt an Bord der Saturnia schon mal träumen:

Morgen werden sie auf die Straße treffen, den großen Feind, atemraubend lang und gerade und am Horizont endend im Nichts oder gewunden und steil wie eine Felswand, bei deren Anblick schon der Atem stockt, die Straße aus Steinen oder Staub oder Matsch oder Asphalt oder wüsten Schlaglöchern: das endlose Band, das Tritt um Tritt geschluckt werden muss. Doch heute Nacht ist da nur der unendliche Boulevard des Meeres, der weder Schlaglöcher noch Wehrsteine noch Steigungen kennt, ein weicher Teppich, den der Bug des Schiffes wie Seide durchschneidet, mit verblüffender Leichtigkeit, ohne dass müde Waden es vorwärtstreiben müssten mit Pedaltritten.

Morgen dann Schweiß, Krämpfe, schmerzende Knie, das Herz, das bis zum Halse schlägt, Erschöpfung, Durst, Flüche, platte Reifen, Zusammenbruch von Geist und Körper, der bittere Geschmack im Mund, wenn die anderen, die Großen, davonziehen und in einem Wirbel von Beifallsrufen verschwinden. Aber heute Nacht, in der weichen Koje, entspannen sich die Muskeln, besänftigt: Heute Nacht sind sie jung, elastisch, fabelhaft, unwiderstehlich, siegesschwanger.

Morgen werden alle wieder eine gnadenlose Stallorder ausgeben, muss der »Kapitän«, der nicht in Form ist, wohl oder übel gezogen werden, die Steigungen hinaufgeschleppt wie ein Sack, müssen die eigenen Reserven geopfert werden, sinnlos vergeudet, gerade heute, da er, der Wasserträger, mit einer einsamen Flucht liebäugelte. Aber heute Nacht gibt es keine Stallorder, keine Teamdisziplin, keine Hierarchie. Heute Nacht ist auch das jüngste Küken ein Napoleon. Und träumt.

Es träumt der kleine Fußsoldat der Straße, der nie die Massen seinen Namen brüllen hörte, der nie auf den Schultern einer frenetischen Menge im Triumph getragen wurde. Er träumt das, was jeder Mensch irgendwann träumen muss, damit das Leben nicht zu schal wird. Er träumt von

»seinem« Giro d’Italia, von einer formidablen Revanche. Von der ersten Etappe an, versteht sich. 106 Kilometer hinter Palermo, wo die Straße sich schroff die tausend und mehr Meter des Colle del Contrasto hinaufzuwinden beginnt, da springt aus der surrenden Truppe der Fahrer, kompakt noch wie eine Büffelherde, er hervor, der Wasserträger, der Unbekannte, er, dessen Name nie von Kindern, weder zur Anfeuerung noch zur Schmähung, mit Kreide an die Mauern der Vorstädte gekritzelt wurde. Ganz allein jagt er die Steigung hoch wie ein Verrückter. Die anderen beachten ihn gar nicht. Was für ein Idiot, sagt einer, der Bescheid weiß, die beste Art, dich fertigzumachen; in fünf Minuten bist du erledigt, wenn es hoch kommt. Aber er fliegt dahin. Getragen von einer übermenschlichen Kraft, nimmt er Kehre um Kehre, als würde er nicht bergauf fahren, sondern irgendein Stilfserjoch hinabsausen …

 

Aus: „Dino Buzzati: Beim Giro d’Italia“
(Covadonga Verlag, 2014 – ISBN 978-3-936973-95-2).

 

Übrigens: Wer davon träumt, sich mal in der Rolle des sportlichen Leiters bei einem großen Rennen zu versuchen, dem sei das kostenlose Radsport-Managerspiel auf der Seite des Covadonga Verlags empfohlen. Morgen startet es mit dem Giro d’Italia in eine neue Runde. www.teamtoto.de