Corsa Rosa – Das Zitat des Tages zum Giro d’Italia (»Als der Giro die Geister von Montecassino erweckte«)

Heute erreicht der Giro d´Italia einen überaus geschichtsträchtigen Ort. Montecassino. Schauplatz einer der opferreichsten Schlachten des Zweiten Weltkriegs. Sinnbild der totalen Zerstörung. Symbol für die Sinnlosigkeit des Krieges. Auch 1949 bereits passierten das Fahrerfeld und Tross der Italien-Rundfahrt, fünf Jahre nach den schrecklichen Geschehnissen, das zerstörte Cassino. Dino Buzzati  war als Reporter dabei und ließ den Giro die Geister von Montecassino erwecken…

„Eine riesige weiße Narbe, die an der Flanke des Tals obszön in der Sonne strahlte...“ (FOTO: USAAF)

„Eine riesige weiße Narbe, die an der Flanke des Tals obszön in der Sonne strahlte…“ (FOTO: USAAF)

 

Rom, 27. Mai, nachts.

Warum hat die antike und edle Stadt Cassino heute nicht die Fahrer des Giro d’Italia auf ihrem Weg von Neapel nach Rom begrüßt? Das wäre doch freundlich gewesen. Aber keine schönen Mädchen standen an den Fenstern, es waren auch keine Fenster da, keine Mauern, in denen sich Fenster öffnen könnten, es hingen keine Girlanden aus buntem Seidenpapier zwischen den alten kleinen, rosa gestrichenen Häusern, es fehlten sogar die Häuser, die Straßen, nichts war da außer unförmigen Steinen, von der Sonne verbrannt und ausgebleicht, Staub, Unkraut und Gestrüpp, auch ein paar Bäume, die kündeten, dass hier mittlerweile die Natur das Sagen hat, also Regen, Wind, Sonne, Eidechsen, die Organismen der Pflanzen- und Tierwelt, aber nicht mehr der Mensch, das geduldige Wesen, der viele Jahrhunderte lang dort gelebt hat, gearbeitet, geliebt, sich fortgepflanzt in der Intimität seiner Häuser, die er eigens Stein auf Stein errichtet hatte und von denen nun nichts, gar nichts mehr übrig ist.

Aber gab es denn wirklich gar niemanden mehr in dieser riesigen weißen Narbe, die an der Flanke des Tals obszön in der Sonne strahlte? Doch, da war jemand, in unkenntliche Stücke zerrissen, Knochensplitter und Staub, oder vielleicht auch noch ganz, begraben unter unförmigen Steinen. Ein alter Mann vielleicht, oder eine Frau, oder ein junger Mann, der sich absolut nicht wegbewegen wollte, als schwere Artillerie neuester Bauart die pedantischste und vollständigste Zerstörung vornahm, die  die Welt je gesehen hat, so dass nicht einmal ein zwei Meter hoher Stummel einer Mauer übrig blieb, nicht der geringste Rest, hinter dem ein kleingewachsener Soldat hätte in Deckung gehen können, alles platt wie im Anbeginn der Welt; nein, noch platter, denn im Anbeginn war die Welt wahrscheinlich bedeckt von einer Vegetation aus Bäumen und Sträuchern.

»Der Giro?«, antwortete dieser eine. »Aber wir hier im alten Cassino sind nicht darauf vorbereitet, es fehlt uns an allem, um die Fahrer anständig zu empfangen. Habt bitte Verständnis, wir haben keine Straßen, auf denen sie fahren könnten, keine Augen, um sie zu sehen, keine Stimmen, um Hurra zu schreien, und auch keine Hände für den Applaus.«

»Erhebt euch doch. Nur für einen Moment. Bartali ist da, Coppi ist da. Wollt ihr sie gar nicht sehen, wenigstens aus Neugier? Eine halbe Minute reicht, los, nur eine kleine Anstrengung, dann dürft ihr zurückkehren in euren Schlaf. Sie fahren schnell, die Giganten der Landstraße, man hat sie kaum gesehen, schon sind sie wieder weg.« (Aber das war eine Lüge, denn heute waren die Giganten der Landstraße, die Kilometerfresser, die menschlichen Lokomotiven eher mit laxen Schnecken zu vergleichen; in gemütlichen Grüppchen plaudernd fuhren sie dahin und dachten nicht im Traum daran sich anzustrengen, und erst ganz zuletzt, vor den Toren von Rom, kam es zur mittlerweile obligatorischen Flucht der vielversprechenden Jungtalente, was die Asse nicht erschütterte, so dass die acht Rebellen – Ricci, Frosini, Pasotti, Vincenzo Rossello, Schär, Busancano, Cerami, Dubuisson – mit Vorsprung ins Velodromo Appio einfuhren und die Ziellinie in der Reihenfolge passierten, in der sie hier genannt sind.)

»Nein, nein, lasst uns schlafen«, antwortete die Stimme, »fragt die anderen, die übrig geblieben sind und ein Stück weiter drüben – seht ihr? dort, wo sich das Tal erweitert – wieder aufbauen. Das neue Cassino meine ich. Da steht es schon. Sie haben ganz schön geschuftet, nicht?«

»Wir sehen es, ja, aber das ist etwas anderes. Ein rührendes, wunderbares Zeugnis menschlicher Hartnäckigkeit. Doch diese neue, grauenhafte Gefängnisarchitektur hat nichts mit der Stadt von vorher zu tun. Man kann sie nicht einmal rational nennen, weil das Leben in so hässlichen Häusern immer unbequem und traurig sein wird. Das ist nicht Cassino. Das ist eine seltsame, andere Kreatur, die die Narbe an der Flanke des Tals noch grausamer hervortreten lässt.«

»Capisco«, sagte die Stimme, »aber es ist zu spät. Wenn wir aufstünden, und sei es nur für eine Minute, würden sich die Lebenden erschrecken. Sie erinnern sich an uns und haben uns lieb, solange wir still und ruhig unter der Erde bleiben. Zu viel Zeit ist vergangen. Die Jahre löschen alles aus. Hier, wo mein Zimmer war, das Bett, das Heiligenbild, der Maiskolben an der Wand, die Flinte, zwei oder drei Bücher, der Vogelständer mit dem Kettchen, steht jetzt ein junger Nussbaum, und auf den Zweigen hüpfen Rotkehlchen herum. Vielleicht ist es besser so. Auch, auf den Giro zu verzichten.«

»The Giro? What’s that?«, fragte da, vom Lärm der Hupen und dem Sausen der Fahrräder aufgeweckt, Martin J. Collins, einst Soldat und zuständig für den Munitionsnachschub, nun vertreten durch ein blutloses Gespenst und für immer hier ansässig (es hatte eine weiße Stichflamme gegeben, eine Staubwolke, einen lauten Knall, und von dem gut aussehenden Jüngling war nichts mehr aufzufinden gewesen, nicht einmal der Helm, auch er war nur noch Staub, eine abstrakte Erinnerung). Mit Mühe hebt das Gespenst in seinem rustikalen Grab aus Steinen und Wind und Sonne den schläfrigen Schädel.

»Was ist los?«, fragt nun, einen Meter weiter, der ehemalige Feldwebel Friedrich Gestern, auch er in pure Erinnerung verwandelt durch einen meisterhaften Schuss. Er hat geschlafen, ist aufgewacht durch das Getöse der Autos und reibt sich nun die müden Augen. Auch andere wachen, für uns unsichtbar, an den wiederergrünten Gestaden, in den kleinen Tälern, die heute in der Maisonne unschuldigen Paradiesen gleichen und vor fünf Jahren mit Toten bedeckt waren. Wie viele es sind! Ein Heer in den Farben ungezählter Uniformen und Rassen, Männer, die sich gegenseitig umgebracht haben und nun friedlich nebeneinanderliegen, vereint im letzten Waffenstillstand.

»Nur keine Aufregung«, sagen wir, »das ist der Giro, liebe Leute, der tut niemandem etwas. Sie strampeln, mühen sich ab, versuchen (nur nicht heute), so schnell zu fahren, wie sie können. Wozu? Zu nichts. Aus Lust, Erster zu sein, zur Befriedigung derer, die zuschauen, weil der Mensch unglücklich wird, wenn er nicht irgendwie kämpft. Aber vielleicht, Verzeihung, ist das nichts für euch. Das ist das Leben, in seiner unschuldigsten Form, überwältigend und für euch, fürchte ich, ein wenig irritierend. Verzeiht.

Wir sind zufällig vorbeigekommen. Wenn wir euch geweckt haben, tut uns das leid. Wir wollten nur das alte Cassino grüßen, das es nicht mehr gibt. Davon wisst ihr ein Lied zu singen. Habt keine Angst, wir gehen gleich wieder, dann seht ihr uns wenigstens ein Jahr lang nicht mehr. Schlaft gut, Männer.«

Und die Karawane der (heute nicht so großen) Champions zog mit ihrem profanen Getöse zu Füßen der grauenvollen Narbe vorbei, verschwand in der grünen Landschaft und war bald nicht einmal mehr als Echo zu vernehmen. In Cassino hämmerten die Maurer weiter, unten im Tal, und die Zeit zog weiter über die geborstenen Steine der bleichen Ruinen an der Flanke des Berges hinweg.

Die körperlosen Geister legten sich wieder hin, schmiegten die leeren Wangen an die barmherzige Erde, schliefen weiter. Und wir betrachteten den Schwarm der Fahrer, so fröhlich mit all den bunten Trikots und den blitzenden Fahrrädern, wir betrachteten die vor Aufregung bebenden Menschen, die Beamten der Straßenpolizei, die sich mühten, das Vorankommen des Trosses zu regeln, diese ganze kleine Welt, die Italien hochgaloppierte wie verrückt. Die Sonne schien, es war warm. Gleich würde einer fragen: »Immer noch alle beisammen?«


Aus: „Beim Giro’Italia“ von Dino Buzzati (Covadonga Verlag, 2014)

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