Corsa Rosa – Das Zitat des Tages zum Giro d’Italia

Inzwischen hat der Giro also wieder die hohen Berge erreicht. In den vergangenen Jahren hat die Italien-Rundfahrt ja öfter mal versucht, sich mit einem gewissen Zoncolanismus zu profilieren, mit einer teils kritisierten Aneinanderreihung von Höchstschwierigkeiten. Lange Zeit war das anders, und der Giro umschiffte anfangs wohlweislich alle „echten“ Berge. Warum erläutert Benjo Maso in seinem Buch „Der Schweiß der Götter“.

 

[…] Der Giro d’Italia wurde im Jahr 1909 von der Gazzetta dello Sport, dem italienischen Äquivalent von L’Auto, ins Leben gerufen. Die Gründungsinitiative war eine Art Panikreaktion der Gazzetta-Redaktion auf einen Tipp, den sie von dem Fahrradfabrikanten Atala erhalten hatte. Demzufolge erwog der Corriere dello Sport, zusammen mit Atalas Hauptkonkurrenten Bianchi, ebenfalls eine Italien-Rundfahrt zu organisieren. Dies deutet schon darauf hin, dass die Konstrukteure in Italien von Anfang an eine viel wichtigere Rolle spielten als in Frankreich.

Die italienischen Sportblätter verfügten über beträchtlich weniger Mittel als L’Auto oder Le Vélo. Der Lesermarkt in Italien, wo über 40 Prozent Analphabeten lebten, blieb vorläufig so klein, dass die Gazzetta und der Corriere dello Sport es sich bis 1919 nicht leisten konnten, täglich zu erscheinen. Im Jahr 1909 konnte die Redaktion der Gazzetta dello Sport die Organisation des Giro sogar nur dank eines Bankdarlehens und einer Subvention des Corriere della Sera, einer allgemeinen Tageszeitung, finanzieren. Von den 65.000 bis 70.000 Lire an Prämien sollte das veranstaltende Blatt nicht einmal 14.000 selbst bezahlen. Im Jahr danach nahm die Gazzetta die finanzielle Unterstützung der großen Konstrukteure an, die genauso wie in Frankreich eine nationale Rundfahrt als ein wichtiges Propagandamittel für die Entwicklung der Fahrradindustrie betrachteten. Dank dieser Unterstützung erhielten die Hersteller viel mehr Verfügungsgewalt bei der Organisation als ihre französischen Kollegen. Während Desgrange stets dafür kämpfte, aus der Tour ein individuelles Rennen zu machen, erkannte die Gazzetta den Marken schon von vornherein eine entscheidende Rolle zu. »Der Giro d’Italia ist ein Mannschaftsrennen«, lautete der Eröffnungssatz des Leitartikels an dem Tag, an dem die erste Italien-Rundfahrt startete. Diese Haltung führte auch dazu, dass die Strecke des Giro viel leichter war als die der Tour. Denn die großen Fahrradfirmen wollten das Rennen möglichst stark kontrollieren und hatten deshalb wenig Bedarf an schweren Bergetappen, bei denen schon allein das Wetter für unvorhersehbare Ergebnisse und eine hohe Anzahl von ausgeschiedenen Fahrern sorgen konnte. Die Dolomiten und die Alpen wurden darum erst in den dreißiger und vierziger Jahren in die Strecke aufgenommen, als die Straßen über die Pässe einigermaßen befahrbar waren. Dies ist einer der Gründe, weshalb beim Giro viel weniger Rede von jener Heroik war, die der Tour in ihren Anfangsjahren eine solch wichtige mythische Dimension gab.

Auch in der Rennordnung des Giro fanden die Interessen der Konstrukteure eine beträchtlich stärkere Berücksichtigung als bei der Tour. Im Jahr 1912 gab es sogar ausschließlich eine Mannschaftswertung, eine individuelle Rangliste wurde nicht erstellt. Ein Fabrikantentraum, der den Fortbestand des Giro ernsthaft bedroht hätte, wenn ihm nicht schnell ein Ende gesetzt worden wäre – die italienischen Radsportliebhaber konnten sich nun mal beträchtlich weniger für ein Duell zwischen Atala und Bianchi erwärmen als für einen Kampf zwischen Galetti, Gerbi und Pavesi. Ein Jahr später wurde die Einzelwertung wieder eingeführt, doch auch weiterhin erhielten die italienischen Hersteller reichlich Gelegenheit, um eine relativ strikte Mannschaftsdisziplin einzuführen. Dies ist der Hauptgrund, weshalb sich das Domestikensystem in Italien viel stärker und viel früher entwickelt hat als in Frankreich und in anderen Ländern.

Durch das Mannschaftskonzept war bei der italienischen Landesrundfahrt oft die Rede von einem reineren Kräftemessen der Stars als bei der Tour. Trotzdem fehlte dem Giro dadurch eines der grundlegendsten Elemente, welches die klassische Tragödie seit der Antike besitzt: der Kampf des Individuums gegen das Schicksal. […]

9783936973600

Aus: „Der Schweiß der Götter“ von Benjo Maso

 

 

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