Corsa Rosa – Das Zitat des Tages zum Giro d’Italia („Der Tag, an dem die harten Männer weinten“)

Der Giro, der Passo di Gavia und skeptische Meteorologen … war da nicht mal was? Bob Roll erinnert an den 5. Juni 1988, den „Tag, an dem die harten Männer weinten“.

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In Europa nennen sie uns die „Giganten der Landstraße”. Wenigstens werden die einheimischen Stars des Radsports auf diese Weise in der Presse und von den Tifosi verehrt. Wir Amerikaner im Team 7-Eleven hingegen galten vor allem als halbwegs talentierte Eindringlinge, die nur des Adrenalins und des Geldes wegen in Europa fuhren. Unsere bisher bescheidenen Erfolge – hin und wieder mal ein Sieg – glichen eher vereinzelten Stichwunden als unbarmherzigen, tödlichen Schnitten in die Halsschlagader. Doch die Etappe über den Gavia beim Giro 1988 sollte auf einen Schlag alles ändern. An einem der dramatischsten Tage der Radsportgeschichte knackten wir die Brust des europäischen Straßenrennsports und taten uns an seinen Herzen gütlich.

Vor der Gavia-Etappe waren schon seit Tagen immer dichtere Wolken aufgezogen, dunkel wie schwarzes Leder. Und am Vorabend, als wir gerade den Streckenverlauf nach Bormio besprachen, öffnete der Himmel seine Pforten und kalter Regen prasselte darnieder. Keine Frage, uns stand eine epische Etappe bevor… und Drew verkündete, dass er bereit war für den totalen Krieg auf dem Gavia.

Der Startschuss erfolgte in garstigem, kalt die Beine hoch kriechendem Regen im Tal unterhalb von Chiesa Valmalenco. Angeführt von den Bongos, die Coppino (Franco Chioccioli, den Doppelgänger von Fausto Coppi) im Rosa Trikot hatten, rollte das Peloton widerwillig aus der Stadt hinaus. Nicht so aggressiv wie für gewöhnlich, aber voller Angst nahm das Feld Kurs auf die Dolomiten.

Die erste echte Hürde war nach 70 Kilometern der Passo dell’Aprica auf 1.181 Metern Höhe. Als wir den Gipfel in geschlossener Formation überquerten, verwandelte sich der Regen schlagartig in Schnee, der auf der Straße liegen blieb. Mit Ausnahme von Ariosteas Hirnchirurgen Stefan Joho, der hier zu Hause war und allein vorne raus fuhr, begnügten sich alle Jungs damit, sich so lange wie möglich in der relativen Sicherheit des Pelotons zu verschanzen. Die Abfahrt vom Aprica jagte mir ziemliche Angst ein, weil die gefrorenen Eisblöcke, die wie meine Hände aussahen, es nicht mehr schafften, die Bremshebel zu betätigen. Ich schlitterte nur so durch die Kurven und rammte andere Fahrer, um irgendwie an Tempo zu verlieren.

Als es wieder flacher wurde, riss Roberto Pagnin aus, konnte aber nur ein paar Sekunden rausholen, da Del Bongo nun zu einem Teamzeitfahren an den Fuß des Gavia ansetzte. Aua! Meine Beine fühlten sich bereits wie versteinerte Bretter an, als wir durch Ponte en Legno kamen, den letzten bewohnten Außenposten vor dem Gavia. Dann, als sich alle Kletterer und Klassementfahrer an die Spitze begaben, passierten wir das Schild für den Bergpreis. 28 verfluchte Kilometer bis nach oben. Ummhh, ummhh, ummhh – lecker!


Normalerweise wäre nun der Zeitpunkt gekommen, an dem ich mich ins Gruppetto der Sprinter zurückfallen lassen und mein Bestes versuchen würde, irgendwie im Zeitlimit das Ziel zu erreichen. Ich sprintete also ein letztes Mal zu Andy nach vorne, um ihm seine Regenjacke zu bringen, die ich am Teamfahrzeug geholt hatte. „Viel Glück, Püppchen – brat ihnen eins über“, gab ich ihm mit auf den Weg.

Doch als ich mich endlich zurückfallen lassen konnte und wieder von unserem Mannschaftsauto eingeholt wurde, sah ich einen offenkundig äußerst aufgeregten Mike. Und weil das so selten vorkam, machte mich dieser Anblick schlagartig nervös. Er schrie etwas von einem heftigen Schneesturm auf der Passhöhe, reichte mir Skihandschuhe, eine Wollmütze, eine trockene Jacke und sagte: „Bring das nach vorne zu Andy!“

„Scheiße“, sagte ich: „Machst du Witze?“

„Zur Hölle, nein! Bring endlich Andys Klamotten nach vorne. Auf der Stelle!“

Ich schüttelte meinen Kopf, biss auf die Zähne und begann, Stück für Stück wieder zur Spitzengruppe aufzuschließen. Ich brauchte fünf Kilometer, dann hatte ich sie endlich eingeholt: Andy, Breuk, Giovannetti und Giupponi. Ich brüllte zu Andy: „Hier, nimm den Scheiß. Oben auf dem Pass tobt ein Schneesturm.“

Andy schien überrascht zu sein, mich nach zehn Kilometern im Berg noch an der Spitze zu sehen. Er schaute mich an, als käme ich vom Mars. Als ich allmählich wieder aus der Spitzengruppe zurückfiel, sah ich zwei Spitzkehren über mir, wie das Maglia Ciclamino im Solo davonflog – bis es im heftigen Schneetreiben verschwand, und mit ihm sein Träger Johan van der Velde.

Ich sah auch viele der gefeierten Favoriten für die Gesamtwertung in diversen Stadien der Verzweiflung. Slim Zim litt, und Coppino war nur noch ein erbärmliches Häuflein Elend. Visintini war drauf und dran aufzugeben, und Delgado hatte gerade entschieden, dass dieser Giro d’Italia für ihn nicht mehr als eine Tour-Vorbereitung sein sollte.

Abgesehen von seiner Länge, seiner Steilheit und der fast 1.400 Höhenmeter wartete der Gavia noch mit einer anderen üblen Besonderheit auf: Die letzten 15 Kilometer waren nicht asphaltiert! Wenn es trocken war, ersticktest du am Staub… aber bei Regen und Schnee musstest du alle Kraft allein dafür aufbringen, nicht umzufallen, während deine Räder immer tiefer im Morast versanken.

Und auch wenn es noch zehn Kilometer bis zur Passhöhe waren, wurde die Schneedecke auf dem Schlammpfad immer dicker. Ich stampfte weiter – zumeist allein, aber hin und wieder passierte ich auch die schneebedeckten Überreste einer Radsportikone. Drei Kilometer vor der Passhöhe ging es durch einen Tunnel, der mich kurzzeitig vom ständigen Gestöber der Flocken erlöste. Kopfschüttelnd befreite ich meine Rennmütze etwas vom Schnee, der sich auf ihr angesammelt hatte, und ließ mir von einem der ganz wenigen Tifosi am Straßenrand eine Tasse heißen Tee geben.

Vorne blieb ein äußerst hartnäckiger Andy an Breuk dran. Die beiden lagen knapp zwei Minuten hinter Van der Velde, der sich die Bergwertung sicherte. Ich überquerte die Passhöhe in den Top 20, und Och’, der auf dem Gipfel mit unseren Regenklamotten wartete, fielen fast die Augen aus dem Kopf, als er sah, dass der große böse Bobke zwar nun langsam starb, aber immer noch in Gesellschaft der Kletterer fuhr. Ich schnappte mir eine Regenmütze, langfingrige Handschuhe und eine Oakley-Brille und machte mich von der Passhöhe auf ins 15 Kilometer entfernte Bormio. Eigentlich hatte ich gedacht, ich könnte 15 Kilometer Abfahrt in jedem nur denkbaren Zustand bewältigen. Zu jeder Zeit und an jedem Ort der Welt. Doch vermutlich habe ich mich in meinem ganzen Leben nie dermaßen geirrt.

Nach einer brillanten Kletterpartie fuhr Van der Velde, der sich, um weiter Zeit zu gewinnen, keine zusätzlichen Klamotten übergezogen hatte, einsam an der Spitze und trug virtuell bereits das Rosa Trikot. Doch nach nur zwei Kilometern Abfahrt kniete ein geschlagener Van der Velde tränenüberströmt am Straßenrand. Vollkommen unterkühlt kroch er in ein Auto, um sich aufzuwärmen. Erst eine Stunde später stieg er wieder aus und auf sein Rad. Die Ziellinie passierte er außerhalb des Zeitlimits. Nun waren Drew und Breuk also allein in Front…

Überall in Europa verbreitete sich die Nachricht von den unmenschlichen Bedingungen bei der 14. Etappe des Giro 1988 wie ein Lauffeuer. Die Augen eines ganzen Kontinents klebten an den Fernsehapparaten, als Andy und Breuk in der Yeti-kompatibelsten Manier aller Zeiten um den Tagessieg kämpften. Breuk hatte am Ende das Quäntchen Kraft mehr in den Beinen und gewann. Eine Sekunde vor Andy. Doch zur absoluten Überraschung jedes Mannes, jeder Frau und jedes Kindes in Europa hatte sich ein amerikanisches Radsportteam das Rosa Trikot des Giro d’Italia geholt. Andrew Hampsten kletterte aufs Podium und streifte sich La Maglia Rosa über.

Unterdessen stampfte ich gesenkten Blickes voran und folgte den Reifenspuren durch den Schnee. Nach einem Kilometer war mir entsetzlich kalt. Nach zwei Kilometern war ich völlig durchgefroren. Nach nur drei Kilometern kicherte ich wie ein Wahnsinniger und passierte Rolf Sørensen, während ich aus Leibeskräften schrie, um irgendwie etwas Wärme zu produzieren. Nach fünf Kilometer heulte ich wie ein Baby und war drauf und dran, in ein Kältekoma zu fallen. Nach der Hälfte der Abfahrt war ich nicht mehr in der Lage, halbwegs vernünftig zu denken und traf entsetzlich blöde Entscheidungen. Irgendwann stieg ich einfach von meinem Rad und lief im sinnosen Versuch, mich aufzuwärmen, wieder den Berg hinauf.

Als Massimo Ghirotto um eine schlecht einsehbare Kurve geschossen kam und mich beinahe in eine Schlachtplatte verwandelte, dämmerte mir, wie wenig von meinem Verstand noch übrig war. Ich sprang wieder auf mein Rad und fixierte mit meinen Augen den Umwerfer an Ghirottos Hinterrad. Ich musste nun im wahrsten Sinne kämpfen, um überhaupt in meinem Körper und die letzten fünf Kilometer bis Bormio bei Bewusstsein zu bleiben.

Dann endlich überquerte ich den Zielstrich und brach zusammen. Ich war blau angelaufen. Meine Augen waren geöffnet, aber ich konnte nichts sehen. Ich schrie nach Max – auch wenn der direkt hinter mir stand und mich unter den Armen hielt, damit ich auf den Beinen blieb. Dann gingen die Lichter aus, ein hundertprozentiger Blackout. Nur langsam kam ich im Fernseh-Container neben dem Ziel wieder zu Bewusstsein und Sehkraft. Als ich wieder da war, presste ein panischer Max gerade rhythmisch auf meinen Brustkasten, um meine Pumpe wieder anzuwerfen.

Die gesamte Entourage des Giros rannte wild durcheinander im Raum herum und kippte heißen Kaffee in die Rachen von 20 oder 30 Klumpen gefrorenen Fleisches, die allesamt nackt waren und so blau wie der Ochse von Paul Bunyan. Ich gewann wieder so viel Beherrschung über meinen Körper, dass ich mich in ein Handtuch hüllen und in unser Hotel fahren lassen konnte, das nur hundert Meter vom Ziel entfernt war. Dort saß ich 50 Minuten lang unter einer heißen Dusche und zitterte weiterhin vor Kälte. Ich sprang aus der Dusche und verschwand unter einer dicken Bettdecke. Das nächste, was ich sah, war Andys strahlendes Gesicht und das Rosa Trikot auf seinen Schultern. „Wow, Baby, du siehst aus wie ein Engel“, sagte ich.

Beim Abendessen ließen wir – Wook, Raul, Pepe, D-Man und Dag Otto – den Tag Revue passieren. Natürlich wussten wir alle, dass die Verteidigung des Rosa Trikots in der letzten Rennwoche mehr von uns verlangen würde, als wir jemals geben mussten. Aber während wir uns mit Pizzoccheri voll stopften, kam Renndirektor Torriani mit einem blitzsauberen, nagelneuen Maglia Rosa ins Restaurant. Ohhh, ja!

Die Etappe über den Gavia hatte ein Rennen gesehen, dass die Welt des Radsports nie zuvor bestaunen durfte. Alle Favoriten hatten grotesk viel Zeit eingebüßt. Zimmermann und Chioccioli verloren mehr als fünf Minuten. Visentini, der Giro-Sieger von 1986, eine halbe Stunde. Saronni gar beinahe eine ganze. Doch angesichts der außergewöhnlichen Begleitumstände, bei denen mehr als die Hälfte der Fahrer das Zeitlimit verpasst hatten, durften alle, die ins Ziel gekommen waren, weiterfahren. Am nächsten Morgen machte La Gazzetta mit der Schlagzeile auf: „Der Tag, an dem die harten Männer weinten“. Wie Recht sie doch hatte.



Die Akteure
Drew; Andy = Andrew Hampsten
Bongos = die „Del Tongo“-Mannschaft
Coppino = „der kleine Coppi“ = Franco Chioccioli
Mike = Mike Neel
Och’ = Jim Ochowicz
Max = Massimo Testa, Mannschaftsarzt von 7-Eleven
Breuk = Erik Breukink
Maglia Ciclamino = Lila Trikot des Punktbesten
Slim Zim = Urs Zimmermann
Wook = Ron Kiefel

D-Man = Davis Phinney
Raul = Raúl Alcalá
Pepe = Jeff Pierce
Dag Otto = Dag-Otto Lauritzen
Torriani = Vicenza Torriani, Giro-Direktor
Pizzoccheri = Pastaspezialität aus Bormio
La Gazzetta = La Gazzetta dello Sport

 

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Aus: „Bobkes Welt“ von Bob Roll