Corsa Rosa – Das literarische Zitat des Tages zum Giro d’Italia

Ein Giro d’Italia, der in Belfast startet. Das verlangt eine logistische Meisterleistung von Organisatoren und Teams und einiges an Geduld seitens der Aktiven. Ähnlich war es bei der 32. Austragung der Italien-Rundfahrt im Mai 1949. Damals fiel der Startschuss in Sizilien. Das bedeutete für viele Fahrer, für die Anreise gleich zwei Mal eine Fähre besteigen zu müssen – erst von Genua von Neapel, von dort weiter nach Palermo. Der Schriftsteller und Reporter Dino Buzzati, damals als Korrespondent des Corriere della Sera zum Tross gehörend, ließ die Rennfahrer am „Vorabend“ des Rennens während der nächtlichen Überfahrt an Bord der Saturnia schon mal träumen:

Morgen werden sie auf die Straße treffen, den großen Feind, atemraubend lang und gerade und am Horizont endend im Nichts oder gewunden und steil wie eine Felswand, bei deren Anblick schon der Atem stockt, die Straße aus Steinen oder Staub oder Matsch oder Asphalt oder wüsten Schlaglöchern: das endlose Band, das Tritt um Tritt geschluckt werden muss. Doch heute Nacht ist da nur der unendliche Boulevard des Meeres, der weder Schlaglöcher noch Wehrsteine noch Steigungen kennt, ein weicher Teppich, den der Bug des Schiffes wie Seide durchschneidet, mit verblüffender Leichtigkeit, ohne dass müde Waden es vorwärtstreiben müssten mit Pedaltritten.

Morgen dann Schweiß, Krämpfe, schmerzende Knie, das Herz, das bis zum Halse schlägt, Erschöpfung, Durst, Flüche, platte Reifen, Zusammenbruch von Geist und Körper, der bittere Geschmack im Mund, wenn die anderen, die Großen, davonziehen und in einem Wirbel von Beifallsrufen verschwinden. Aber heute Nacht, in der weichen Koje, entspannen sich die Muskeln, besänftigt: Heute Nacht sind sie jung, elastisch, fabelhaft, unwiderstehlich, siegesschwanger.

Morgen werden alle wieder eine gnadenlose Stallorder ausgeben, muss der »Kapitän«, der nicht in Form ist, wohl oder übel gezogen werden, die Steigungen hinaufgeschleppt wie ein Sack, müssen die eigenen Reserven geopfert werden, sinnlos vergeudet, gerade heute, da er, der Wasserträger, mit einer einsamen Flucht liebäugelte. Aber heute Nacht gibt es keine Stallorder, keine Teamdisziplin, keine Hierarchie. Heute Nacht ist auch das jüngste Küken ein Napoleon. Und träumt.

Es träumt der kleine Fußsoldat der Straße, der nie die Massen seinen Namen brüllen hörte, der nie auf den Schultern einer frenetischen Menge im Triumph getragen wurde. Er träumt das, was jeder Mensch irgendwann träumen muss, damit das Leben nicht zu schal wird. Er träumt von

»seinem« Giro d’Italia, von einer formidablen Revanche. Von der ersten Etappe an, versteht sich. 106 Kilometer hinter Palermo, wo die Straße sich schroff die tausend und mehr Meter des Colle del Contrasto hinaufzuwinden beginnt, da springt aus der surrenden Truppe der Fahrer, kompakt noch wie eine Büffelherde, er hervor, der Wasserträger, der Unbekannte, er, dessen Name nie von Kindern, weder zur Anfeuerung noch zur Schmähung, mit Kreide an die Mauern der Vorstädte gekritzelt wurde. Ganz allein jagt er die Steigung hoch wie ein Verrückter. Die anderen beachten ihn gar nicht. Was für ein Idiot, sagt einer, der Bescheid weiß, die beste Art, dich fertigzumachen; in fünf Minuten bist du erledigt, wenn es hoch kommt. Aber er fliegt dahin. Getragen von einer übermenschlichen Kraft, nimmt er Kehre um Kehre, als würde er nicht bergauf fahren, sondern irgendein Stilfserjoch hinabsausen …

 

Aus: „Dino Buzzati: Beim Giro d’Italia“
(Covadonga Verlag, 2014 – ISBN 978-3-936973-95-2).

 

Übrigens: Wer davon träumt, sich mal in der Rolle des sportlichen Leiters bei einem großen Rennen zu versuchen, dem sei das kostenlose Radsport-Managerspiel auf der Seite des Covadonga Verlags empfohlen. Morgen startet es mit dem Giro d’Italia in eine neue Runde. www.teamtoto.de