Hirnstecker raus – Mit dem Fahrrad durch Polen

Vor einem Jahr schnappte ich mir ein Querfeldein-Rennrad, hängte prall gefüllte Packtaschen ans Heck und versuchte, die „Tour de France des Ostens“ auf meine Weise zu reanimieren. Mit einem Solo-Trip auf der Originalroute der Friedensfahrt 1952. Der erste Teil der Strecke führte mich auf den Spuren von Täve Schur & Co. quer durch Polen. Sechs Tage im Lande des angehenden EM-Gastgebers, an denen ich mir nicht selten wie ein Außerirdischer vorkam. Selber schuld, möchte man meinen.

Tschenstochau rüstet sich für Seligsprechungs- und Sakralmusik-Feierlichkeiten.

Seit dreieinhalb Tagen rolle ich durch Polen. Doch abseits der Städte bin ich bisher nicht mal einem halben Dutzend anderer Radfahrer begegnet. Gestern zwei drahtige Musterathleten in den unbefleckt weißen Jerseys eines Radrennstalls, der bis 2009 in seltsam trauter Union von einer vatikannahen Abtreibungsorganisation und Mc Donald‘s gesponsert wurde. Heute Morgen drei gebeugte Omis, die auf quietschenden Rostlauben von der Frühmesse nach Hause strampelten und meine Radfahrer-Grüße nur mit schwer oxidiertem Klingeln quittierten. Ganz offensichtlich gehört ein erwachsener Mann, der in Strumpfhosen auf einem schwer beladenen Rennrad hockt, nicht zu den alltäglichen Anblicken in Polen. An staunende Münder, skeptische Blicke und indignierte Augenaufschläge habe ich mich also gewöhnt. Doch heute, am 1. Mai, nimmt das Glotzen überhand. Weiterlesen