Lieber Eingeweide

Vier Uhr. Sagt der Wecker, der tagsüber Handy ist. Brautpaar und Gäste haben noch nicht genug. Zack-zack-bumm bollert es aus der Tiefe. We will rock you mit den Mitteln des synthetischen Dancefloor.

Halb sechs. Ein neuer Takt. Leises Trommeln hat eingesetzt und durchaus meditative Wirkung. Zumindest, solange meinem schlaftrunkenen Geist noch nicht bewusst ist, woher es stammt. Dann zucke ich schreckhaft zusammen. Denn es ist der Regen, der sanft ans Dachfenster klopft. Direkt über meinem Kopf. Ich erinnere mich. Der ungelenke Herr im Sakko, den ein landesweit zu empfangender Bildfunksender gestern Abend gegen die Konkurrenz von ­Klerus-, Casting- und Operetten-Shows auf Quotenfang schickte. Wie er sich im bösen Blick übte. Wie seine Rechte mit militärischem Ruckzuck hervorschnellte. Im nicht gerade treffsicheren Versuch, auf Zahlen zu weisen, die einen merklichen Temperatursturz verhießen. Und auf finsterstes Gewölk mit drei Schrägstrichen darunter. Regen mit Steherqualitäten. Ich will gar nicht erst daran denken. Das klappt ganz gut. Ich nicke noch mal ein.

Viertel nach sechs. Ich bin das nächste Mal wach. Dabei herrscht nun selige Ruh’ über Legnicas Wipfeln und Firsten. Das Trommeln hat aufgehört. Grund genug, sich noch mal genüsslich zu wälzen, im Kingsajz-Bett für Doppel- und Dreifachzentnerduette, und von einem Tag zu träumen mit kräftigem Rückenwind und transpirationstötenden Temperaturen. Dann fällt ein Blick, unvorsichtig wie er ist, auf das Dachfenster. Und das Herz rutscht im Nu ins Schaumstoffpolster. Die Aussicht auf den morgengrauenden Himmel über Legnica ist auf einmal blickdicht verhüllt. Was ja nicht schlimm wäre, wenn der neue Vorhang nicht verdächtig nach einer Schneedecke aussehen würde.

Plötzlich blickdicht verhüllt: die Aussicht aus dem Dachfenster in Legnica.

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