Hirnstecker raus – Mit dem Fahrrad durch Polen

Vor einem Jahr schnappte ich mir ein Querfeldein-Rennrad, hängte prall gefüllte Packtaschen ans Heck und versuchte, die „Tour de France des Ostens“ auf meine Weise zu reanimieren. Mit einem Solo-Trip auf der Originalroute der Friedensfahrt 1952. Der erste Teil der Strecke führte mich auf den Spuren von Täve Schur & Co. quer durch Polen. Sechs Tage im Lande des angehenden EM-Gastgebers, an denen ich mir nicht selten wie ein Außerirdischer vorkam. Selber schuld, möchte man meinen.

Tschenstochau rüstet sich für Seligsprechungs- und Sakralmusik-Feierlichkeiten.

Seit dreieinhalb Tagen rolle ich durch Polen. Doch abseits der Städte bin ich bisher nicht mal einem halben Dutzend anderer Radfahrer begegnet. Gestern zwei drahtige Musterathleten in den unbefleckt weißen Jerseys eines Radrennstalls, der bis 2009 in seltsam trauter Union von einer vatikannahen Abtreibungsorganisation und Mc Donald‘s gesponsert wurde. Heute Morgen drei gebeugte Omis, die auf quietschenden Rostlauben von der Frühmesse nach Hause strampelten und meine Radfahrer-Grüße nur mit schwer oxidiertem Klingeln quittierten. Ganz offensichtlich gehört ein erwachsener Mann, der in Strumpfhosen auf einem schwer beladenen Rennrad hockt, nicht zu den alltäglichen Anblicken in Polen. An staunende Münder, skeptische Blicke und indignierte Augenaufschläge habe ich mich also gewöhnt. Doch heute, am 1. Mai, nimmt das Glotzen überhand. Weiterlesen

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Jacques Faizants kleiner Radwanderknigge

„Wer Rad fährt, ist nicht, wie man vorzugeben beliebt, ein gescheiterter Autofahrer. Ein Wanderer ist er, dem ein Wunder widerfährt.“ So sah es zumindest der französische Künstler Jacques Faizant (1918-2006), dessen Karikaturen fast vierzig Jahre lang Tag für Tag auf der Titelseite von Le Figaro erschienen. Seiner großen Leidenschaft, dem Velo, widmete der bekannte Humorist denn auch einen kleinen Erzählband voller Komik und Poesie, der nun erstmals komplett in einer deutschen Übersetzung erschienen ist: „Albina und das Fahrrad“. Allen, die das besagte Wunder in vollen Zügen genießen wollen, gibt Faizant darin auch diese 15 goldenen Regeln für den (angehenden) Radwanderer mit auf den Weg:

1)      Beim Anblick eines Fahrrads sei die Begeisterung grenzenlos angesichts des außerordentlichen Wirkungsgrades dieser Maschine, die unsere Muskeln praktisch verlängert und so unsere Fähigkeiten auf eine Weise verzehnfacht, dass wir hundert Kilometer mit geringerer Erschöpfung zurücklegen können, als wenn wir zehn zu Fuß gehen würden. Und wenn jemand einwendet: „Ich gehe niemals zehn Kilometer zu Fuß, Gott bewahre!“, so antworte man ihm einfach: „Sie haben recht. Ich auch nicht, übrigens. Zu Fuß gehen, wenn man sich mit dem Fahrrad vorwärtsbewegen kann, ist schlicht und ergreifend Masochismus.“ Weiterlesen

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Der Zug ist abgefahren

Natürlich ist es immer schön, auch die Anreise gleich mit dem Rad zu absolvieren. Geht aber nicht immer. Gerade wenn Start- und Zielort nicht identisch sind (wie etwa bei einer Transalp oder auch bei einer Privat-Friedensfahrt auf der Route Warschau-Berlin-Prag) führt kaum ein Weg daran vorbei, sich in die Obhut der Deutschen Bahn und ihrer internationalen Mitstreiter zu begeben. Das hat erfahrungsgemäß seine Tücken …

Es mulmt mächtig im Magen, als die Haustür ins Schloss fällt. Die Vorzeichen sind keine guten. Düster der Himmel, noch finsterer das Gewölk, das die Sternlein erfolgreich verhängt. Bedrohlich knirscht es unter den Reifen. Während ich mich vorsichtig über die splittübersäten Radwege der schlafenden Stadt zum Bahnhof vortaste, habe ich das Gefühl, dem Wind bei der gemeinhin eher abstrakten Tätigkeit des Auffrischens zusehen zu können. Auf den letzten Metern hinauf zur Zentralstation, vorbei an Asia-Basaren und Import-Export-Kabuffs, prasseln dicke Tropfen auf den angehenden Friedensfahrer herab. Die ersten seit Wochen. Die Tinktur, aus der Schmierseife ist. Und am Himmel zucken schon die Blitze. Weiterlesen

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Ein-Mann-Team „No Garmin“

Ich bin auf selektive Weise altmodisch und gern von gestern. Navigationsgeräte beispielsweise gehören zu den Dingen, die mir bisher nicht ins Auto kamen. Und auch nicht an Lenker und Vorbauten meiner Räder. Da ist es inzwischen eh schon gerammelt voll, um für die Fernfahrt eine Klingel und Beleuchtung unterzubringen, dazu eine regendichte Tasche für Utensilien, die schnell zu Händen sein sollen. Und Letztere müssen ja auch noch irgendwo zupacken können.

Devinitiv kein Navi an Lenker und Vorbau.

Was mich am meisten zürnen lässt über die befehlsgebende Variante der GPS-Technik für den privaten, unmilitärischen Gebrauch: Es ist merklich gefährlicher geworden auf deutschen Straßen, seit sie zur Grundausstattung von Neuwagen gehört oder sich zum Preis einer Sattelstütze nachrüsten lässt. Bisweilen muss man schon das Gefühl haben, dass ein Navi an Bord von jeglichen Gutgeistern und Sorgfaltspflichten befreit. Nicht wenige schalten unter dem Einfluss der Computeransagen auf Autopilot, was nicht gut ist, wenn es sich doch lohnt, auch die Augen aufzubehalten. Sagt die freundliche Dame: »In hundertfünfzig Metern biegen Sie bitte links ab«, dann wird auch nach hundertfünfzig Metern links abgebogen. Egal, ob die erwartete Brücke über den Fluss nur ein Fähranleger a.D. ist. Oder ob gerade ein Radfahrer entgegenkommt. Weiterlesen

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