Corsa Rosa – Die Anekdote des Tages zum Giro d’Italia (Ruhetag: Transfer Irland-Apulien)

Tag des großen Transfers heute beim Giro d’Italia. Dublin-Giovinazzi, das macht laut Google Maps knapp 2600 km und 27 Stunden (Auto-)Fahrt. Die Fahrer fliegen natürlich. Der amerikanische Ex-Profi Bob Roll erinnert sich in seinem Buch „Bobkes Welt“ an einen besonderen Transfer des Pelotons im Jahr 1986 – eine Luftbrücke vom Col de Granon.

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[…] Jedes Mal, wenn ich irgendwo hinfliegen musste, schnürte mir die Angst meine Gedärme ab. Es gab jedoch einen besonderen Flug, dem ich mit noch weitaus größerer Furcht entgegen sah als allen anderen. Und zwar handelte es sich um eine Art Luftbrücke, die von der Tour-Organisation eingerichtet worden war, um uns per Militärhubschrauber vom Gipfel des Col de Granon herunterzubringen. […]

Der Gipfel des Granon erinnerte eher an ein Kriegsgebiet als an das Ziel einer Radrennstrecke. Evakuierungshubschrauber aller-orten, dazwischen ein wildes Tohuwabohu aus Fernsehteams, Pflegern, Mechanikern, Polizeikräften, Motorrädern und Fans. Für den besonderen dramatischen Effekt sorgte ein französischer Fahrer namens Joël Pelier, der kollabiert war und nun direkt auf der Ziellinie lag.

Ich sah Shelley, die mit kalten Getränken und unseren Klamotten auf uns wartete. Ich schnappte mir meinen Beutel, zog ein frisches T-Shirt an, setzte mir eine Mütze auf und wurde auf der Stelle zum nächsten Helikopter geschoben. Ich erreichte die kleine Gangway und wäre beinahe wie angewurzelt stehen geblieben. Von draußen im gleißenden Sonnenlicht konnte ich nicht erkennen, was sich in dem Hubschrauber abspielte. Fast wäre ich umgekehrt, aber meine Freude über meine gute Leistung auf der heutigen Bergetappe trug mich die Stufen hinauf. Wenn wir abstürzten, würde mein Leben wenigstens in einer ehrenhaften Glut erlöschen, schlussfolgerte ich in meinem von Erschöpfung benebelten Geisteszustand. Und statt des Tumults im Zielbereich vernahm ich nun nur noch ein langsames Brummen in meinen Ohren.

Als sich meine Augen an die plötzliche Dunkelheit im Inneren des Helis gewöhnt hatten, sah ich, dass niemand anderes als Andrew Hampsten mir direkt gegenübersaß. »Hey, Drew, altes Haus! Ein schönes Schlachtfest habt ihr da heute angerichtet!« Aus Freude, in diesen schweren Minuten einen Landsmann bei mir zu haben, wäre ich beinahe aufgesprungen. »Hast du gesehen, wie LeMond die Froschfresser fertig gemacht hat?«, rief ich aufgeregt.

Andy nickte nur ein wenig zögerlich und wirkte seltsam kleinlaut. Als sich meine Augen noch ein wenig besser an die ungewohnte Umgebung angepasst hatten, sah ich, wer direkt neben Andy saß: Greg LeMond, in ruhmreichem Gelb gewandet. »Wow!«, diesmal sprang ich tatsächlich auf, packte LeMond bei den Schultern, schüttelte ihn und schrie: »Greg, du Teufel! Du hast das Gelbe Trikot, Junge! Du wirst diese Banausen massakrieren!« Dann setzte ich mich wieder und schob hinterher: »Ich bin heute an der Seite von Hinault geklettert, und all die Franzmänner waren stinksauer, dass du den Blödmann abgehängt hast.«

Gerade in diesem Augenblick hatten sich meine Augen vollständig an die Dunkelheit gewöhnt und erblickten Bernard Hinault höchstpersönlich, wie er ebenfalls in unserem Hubschrauber kauerte. Ooops. Ich hätte mich nur zu gern unter meinem Sitz verkrochen.

»Hey Bernie, wie schaut’s?«, war alles, was ich murmeln konnte. Und als wäre das noch nicht genug, saß zur Rechten von Hinault auch noch Bernard Tapie, der als Besitzer von La Vie Claire und einer der bedeutendsten Industriemagnaten Frankreichs heute miterleben durfte, wie sein Skript, Hinault zum sechsten Tour-de-France-Sieg zu führen, von LeMond entscheidend umgeschrieben wurde…

 

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Aus: „Bobkes Welt – Radsport auf die wilde Tour“ von Bob Roll (Covadonga Verlag, 2006)

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Corsa Rosa – Zitate des Tages zum Giro d’Italia (1. Etappe – MZF Belfast)

In ein paar Stunden geht’s in Belfast los mit dem 97. Giro d’Italia. Statt eines Prolog: Contre-la-montre mit den Teamkollegen. Zur Einstimmung ein paar Impressionen vom Mannschaftszeitfahren (von Peter Winnen, David Millar, Paul Kimmage und Laurent Fignon):

 

Peter Winnen – Tour 1983

Der Tag danach. Mannschaftszeitfahren über hundert Kilometer. Das Team Post kassierte ausgerechnet im Teamzeitfahren eine Tracht Prügel. Es wurde Geschichte geschrieben. Die Mannschaft galt in dieser Disziplin als unschlagbar. Am letzten Messpunkt wurde Post noch als das schnellste Team gestoppt, trotz des frühzeitigen Verlustes von Mannschaftsmitgliedern unterwegs.

Fünf Kilometer vor dem Ende waren von den anfänglich zehn Fahrern nur noch fünf übrig. Dann fiel der fünfte Mann zurück. Das nötigte alle zur Zurückhaltung, denn die Zeit, mit der der fünfte ankam, wurde als Schlusszeit für das Team registriert. Raas ließ sich zum fünften Mann zurückfallen und brachte ihn wieder an die drei anderen heran. Dieses Spiel wiederholte sich ein weiteres Mal, denn der entscheidende fünfte hatte sein Limit erreicht und nahm seine Umgebung nur noch schemenhaft wahr. Schließlich schloss das Team Post mit dem vierten Platz ab. Der fünfte Mann hatte eine holländische Erfolgsgeschichte jäh zerstört. Das wurde ihm von allen Seiten eingehämmert. Der Störenfried wäre am liebsten mit einer Jacke über dem Kopf von der Bildfläche verschwunden. Dieser fünfte Mann war ich. Weiterlesen

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The German Master in den französischen Alpen

Eine Woche noch, bis endlich der Sporthöhepunkt des Jahres beginnt. Höchste Zeit also, Landkarten und Streckenprofile zu studieren, das Zelt durchzulüften und die Packliste fürs Wohnmobil zu schreiben. Andreas Beune über das Erlebnis, die Tour de France aus der ersten Reihe zu sehen.

Das Vorprogramm: Helden aus Pappmaché.

Um Frankreich zu verstehen, muss man nur über die Schweiz in das Land einreisen.

In der Schweiz lernen Kinder schon früh das Steuerschlupflöchern und das Raushalten aus Konflikten. Die Wirtschaft floriert, deswegen gibt es in der Schweiz gepflegte Autobahnen und Chocoladenconfisseure. Hinter der Grenze liegt eine andere Welt mit schiefen Häusern, kaugummiverklebten Straßen, mit Bäckereien und Gaststätten im Übermaß. Mit anderen Worten: Die einen können mit Geld umgehen, die anderen mit dem Leben. C‘est la vie.

Bei der Tour de France feiert sich Frankreich selbst. Egal wo die Karawane langzieht, gibt es Stadt- und Dorffeste sowie Egalité, Fraternité, Liberté toujours. Den Franzosen ist es dabei weniger wichtig, wer die Tour gewinnt. Mögen die Sieger der Rundfahrt Kälbermastmittel zum Frühstück inhalieren – wer am Straßenrand steht, kriegt im Vergleich zum gut informierten TV-Zuschauer sowieso kaum etwas mit. Viel wichtiger ist, dass der zum Betrachten des Spektakels geöffnete Rotwein nicht korkt. Weiterlesen

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